Coronavirus - Mobiles Impfteam im Seniorenheim Großbeeren
+
Vor allem ältere und damit gefährdetere Menschen sollen schnell gegen Covid-19 geimpft werden.

Behörden wiederholen ständig Fehler

Psychologe über Astrazeneca-Skepsis der Deutschen: „Zulassungsbehörden haben Steilvorlage geliefert“

  • Sebastian Horsch
    vonSebastian Horsch
    schließen

Konsumpsychologe Dirk Ziems beschäftigt sich mit Ängsten in der Corona-Pandemie. Er sagt: Die deutschen Behörden wiederholen oft den gleichen Fehler. Auch bei Astrazeneca.

Herr Ziems, mehr als eine Million Dosen Astrazeneca-Impfstoff liegen derzeit ungenutzt rum. Offenbar auch, weil viele Berechtigte das Mittel ablehnen. Wie ist das aus psychologischer Sicht zu erklären?

Dahinter stecken psychologische Zusammenhänge, die beim Thema Impfen* auftreten. Zum einen gibt es die rationale Ebene, auf der uns klar ist, dass zwei Tage Nebenwirkungen* besser sind als eine Corona*-Erkrankung. In uns allen existiert aber zugleich eine unbewusste Ebene, die Widerstand gegen den körperlichen Eingriff des Impfens leistet. Man will sich buchstäblich nichts „einimpfen“ lassen. Die meisten verdrängen die latenten Widerstände erfolgreich. Man lässt die Impfung zu und unterdrückt sein mulmiges Gefühl. Im Fall von Astrazeneca haben die Zulassungsbehörden jedoch Steilvorlagen für die Skepsis geliefert.

Inwiefern?

Das psychologisch wirksame Alltagsverständnis ist: In gewisser Weise ist das Impfen ein Risikospiel. Man erzeugt eine kleine Krankheit, um eine Immunisierung aufzubauen. Nun wurde aber der Eindruck erweckt, Astrazeneca werde für Menschen über 65 Jahre nicht empfohlen, weil er nicht richtig wirke. Dazu kommen Berichte über Nebenwirkungen. Unbewusst wägen die Menschen dann ab und viele enden in dem Gefühl, das Risiko sei bei diesem Impfstoff besonders groß. Man sagt: Mit Biontech würde ich mich noch impfen lassen, aber mit Astrazeneca nicht.

Konsumpsychologe Dirk Ziems.

Psychologe über Astrazeneca: „Bei dem ‚bösen‘ Impfstoff hat die Skepsis freien Lauf“

Das heißt, wenn es keine anderen Impfstoffe gäbe, wären die Vorbehalte gegen Astrazeneca kleiner?

Vermutlich ja. Denn weil es mehrere Impfstoffe gibt, können die Menschen mit einer Spaltung operieren: Bei dem „guten“ Impfstoff Biontech verdrängen sie ihre Widerstände, bei dem „bösen“ Impfstoff Astrazeneca hat die Skepsis freien Lauf.

Zunächst hatte die Ständige Impfkommission den Astrazeneca-Impfstoff nur für Menschen bis 64 Jahre empfohlen, weil Daten fehlten. Nun will sie eine aktualisierte Empfehlung abgeben. Hilft das?

Ein solches Hin und Her ist nicht sehr überzeugend. Hier wiederholt sich ein Kommunikationsfehler, den die Behörden in der Corona-Krise ständig begehen.

Psychologe Dirk Ziems im Interview: „Da gerät die Autorität der Behörden in den freien Fall“

Und zwar?

Die Vorläufigkeit von Aussagen wurde nicht betont. Nämlich dass Astrazeneca nur deshalb nicht für Über-65-Jährige empfohlen wurde, weil die aktuellen Daten noch nicht ausreichten. Wenn man das betont hätte, könnte man jetzt sagen: Inzwischen haben wir die erhofften neuen Studien und können den Stoff auch für Über-65-Jährige empfehlen. Dann wäre einiges an Verunsicherung vermieden worden.

Wo wurde dieser Fehler noch begangen?

Bei den Masken*. Im vergangenen Jahr hat das Robert Koch-Institut* kategorisch gesagt, dass der Mund-Nasen-Schutz nichts bringt. Und auf einmal hieß es: Die wirken doch ganz gut. Da gerät die Autorität der Behörden in den freien Fall.

Wie müsste man stattdessen kommunizieren?

Vertrauen kann man nur schaffen, indem man sehr klar Planungen offenlegt und hält, was man verspricht. Man muss Perspektiven in den Vordergrund rücken und transparent kommunizieren, welche konkreten Szenarien vor uns liegen – mögliche Rückschläge eingeschlossen. Ein Problem ist zudem eine Mentalität in Deutschland, die pragmatisches Handeln verhindert.

Interview mit Psychologe Ziems: „Das deutsche Sicherheitsdenken führt zu einer Lähmung“

Was meinen Sie?

Das deutsche Sicherheitsdenken führt zu einer Lähmung der Reaktionsfähigkeit. Man will sich zu allen Seiten absichern, alle ins Boot holen, sämtliche Bedenken ausgeräumt sehen. Deshalb wartet man auf Studien, die nie kommen werden, weil die Lage viel zu flüchtig ist. Wir bräuchten eine Öffnung in den Köpfen, um solche Mentalitätsmuster zu überwinden.

Welche Länder sind da besser?

Die Briten können ein unglaubliches Maß an Pragmatismus mobilisieren. Oder nehmen Sie Israel: Dort ist man Raketenangriffe gewohnt, auf die man schnell reagieren muss. Da werden Dinge umgesetzt. In Deutschland gibt es dagegen eine endlose Debattenkultur. Unsere Spitzenpolitiker sind wie in einer Talkshow-Endlosschleife gefangen. Und wichtige Dinge wie Schnelltests* für jedermann bleiben dann einfach liegen. Die Politiker, die in der Krise positiv rausstechen, sind hingegen vor allem Kommunalpolitiker, die es gewohnt sind, Dinge konkret umzusetzen. (Interview: Sebastian Horsch) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare