Mit einem Ticket zu viel mehr Normalität

Corona-Zahlen steigen, aber Tübingen sperrt Gastro, Handel, Kultur auf: „Wie beim ersten Date“

  • Marc Beyer
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Wieder ist es die kleine Universitätsstadt Tübingen, die in der Corona-Pandemie aufhorchen lässt. In einem Pilotprojekt öffnet sie Außengastronomie, Einzelhandel, Kultur - für jeden, der einen negativen Schnelltest vorweist.

München - Ihren Humor haben die Menschen in Tübingen noch nicht verloren. Wer sich zum Beispiel im „Café im Hirsch“ auf die Terrasse setzen will, der muss gewisse Regeln beachten. Auf seiner Internetseite weist das Café darauf hin, dass ein „Tübingen Ticket“ vorzulegen sei. Mindestens ebenso wichtig aber in diesen Tagen: „Witterungsbedingte Kleidung :-)“. 

Das Wetter ist für die Tübinger kein Grund, auf den Kaffee im Freien zu verzichten. Sie haben lange warten müssen. Das „Tübingen Ticket“ stellt sowieso kein Hindernis dar, man bekommt es aktuell an acht Stationen im Zentrum der Universitätsstadt, Tendenz steigend. Ein unscheinbarer Zettel, dessen Wert darin besteht, dass er dem Besitzer Türen öffnet und Plätze verschafft, die es so sonst kaum gibt.

Freifahrtschein für einen Tag: Mit dem „Tübingen Ticket“, das einen negativen Schnelltest bestätigt, stehen Außengastronomie, Einzelhandel, Kino und Theater offen.

Tübingen in der Corona-Krise: Für jeden Tag ist ein neuer Corona-Test nötig

Den Zettel bekommt man als Beleg für einen negativen Corona-Schnelltest*. An diesem Tag kann man in Tübingens Geschäften einkaufen, die Außengastronomie nutzen und Theater oder Kinos besuchen. Für den nächsten Tag braucht es einen neuen Test. 4800 wurden an den ersten Tagen genommen. Positiv waren drei. Die Inzidenz liegt aktuell knapp unter 50.

Das Pilotprojekt läuft seit Dienstag und bis Ostersonntag. Die Stadt, aber auch das Land Baden-Württemberg erhoffen sich - neben dem Aufspüren von symptomfreien Infizierten - vor allem Erkenntnisse, ob unter strengen Bedingungen Öffnungen möglich sind, ohne dass die Infektionszahlen explodieren. Ministerpräsident Winfried Kretschmann nennt den Ansatz als Beispiel für „genau die Ideen, die wir brauchen“.

Tübingen in der Corona-Krise: Weite Anreise für ein kleines bisschen Normalität

Als am Donnerstag vor dem Hotel Krone die Tische rausgestellt wurden, schneite es noch. Wenig später waren trotzdem die ersten Plätze besetzt. „Den Leuten geht das Herz auf“, sagt Geschäftsführer Alexander Stagl. „Das ist wie beim ersten Date.“ Im „Café im Hirsch“ machten Leute aus Karlsruhe oder Besigheim Station, die lange Anfahrt war es ihnen wert. „Die waren total im Glück“, hat Nathalie Zorn festgestellt. „Sie haben gesagt: Wir machen uns jetzt einfach mal einen Ferientag.“

Auch wenn die Umsätze überschaubar sind, empfindet Stagl die Öffnung als „Lichtblick“. Man könne „die Mitarbeiter am Ball halten“, ihnen eine Perspektive bieten nach einem halben Jahr Lockdown, aber vielleicht geht auch mehr: „Am schönsten wäre es, wenn attestiert werden könnte, dass die Außengastronomie kein Pandemietreiber ist.“ Er ist gespannt auf die Auswertung. Die Universität begleitet das Projekt.

Erinnert an die Zeit vor dem Lockdown: In Tübingen werden Bürger mit negativem Corona-Test in der Außengastronomie bewirtet.

Tübingen in der Corona-Krise: Stadt sorgte schon mit Testoffensive rund um Seniorenheime für Aufsehen

Wieder ist es das kleine Tübingen, das mit kreativem Corona-Management* bundesweit Blicke auf sich zieht und einen zarten Hauch von Normalität herstellt. Schon im Herbst sorgte die Testoffensive rund um die Seniorenheime für Aufsehen, mit deren Hilfe die Infektionszahlen unter Bewohnern und Pflegekräften niedrig gehalten werden konnten. Auch Sammeltaxis und spezielle Einkaufszeiten für Senioren haben sich bewährt.

Man sehe eben, sagt Stagl, dass Tübingen „einen sehr pragmatischen Bürgermeister“ habe, der „Dinge nicht einfach akzeptiert, nur weil sie von oben vorgegeben werden“. Boris Palmer*, der grüne OB, kann unbequem sein, das weiß selbst seine eigene Partei*. Aber er kann auch Prozesse anstoßen. Die vielen Tests, die das Tübinger Modell überhaupt erst möglich machen, hat er schon vor Wochen beschaffen lassen. Mittlerweile ist ein großer Drogeriemarkt mit eingestiegen.

Tübingen in der Corona-Krise: OB Palmer mit Blick auf Deutschland resigniert

Vor dem Hintergrund abermals steigender Zahlen sagte Palmer diese Woche bei „RTL“, man könne doch nicht „ein Jahr lang sagen: Na ja, dann machen wir halt den nächsten Lockdown*.“ Er würde sich wünschen, dass man mehr auf Konzepte setzt, „die Leben ermöglichen, statt es zu untersagen“.

Palmer weiß aber auch, dass das in einer kleinen Stadt mit exzellenter Infrastruktur leichter hinhaut als auf Bundesebene, wo die Wege lang und verschlungen sind. Was das betrifft, klingt er fast schon resigniert: „Alles, was den Lockdown vermeiden könnte, funktioniert in Deutschland* nicht so richtig gut.“ (mbe) *merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa

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