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Siegerlaune: Franz Josef Strauß am Wahlabend 1974 mit Bewunderern. Li. Max Streibl, re. Franz Heubl.

Der höchste Sieg aller Zeiten

Vor 40 Jahren: CSU auf dem Zenit ihrer Macht

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München - Für die Geschichte Bayerns ist 1974 ein entscheidendes Jahr. Die CSU errang den höchsten Erfolg bei einer Landtagswahl überhaupt – 62,1 Prozent sind seitdem unerreicht.

1974, das Jahr, in dem Beckenbauer & Co Fußball-Weltmeister wurden. Am 7. Juli war das. Schon am 16. Mai war Helmut Schmidt (SPD) Bundeskanzler geworden. Im Fernsehen waren Bonanza, Kli-Kla-Klawitterbus sowie täglich fünf Minuten Mainzelmännchen Dauerbrenner. Und in Bayern errang die CSU die endgültige politische Hegemonie: Sie gewann die Landtagswahl am 27. Oktober, also vor nunmehr 40 Jahren, mit sensationellen 62,1 Prozent.

Ministerpräsident Alfons Goppel und Parteichef Franz Josef Strauß triumphierten. Ein Duo mit Arbeitsteilung – Goppel, der Landesvater, Strauß, der Scharfmacher. Man sieht: Nicht immer muss Partei- und Landesführung in einer Hand liegen. Nie wieder hat die CSU derart haushoch gewonnen. Selbst 2003 nicht, als Edmund Stoibers CSU mit 60,7 Prozent eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament holte. Auch von Horst Seehofers gewiss respektabler Zurückeroberung der absoluten Landtags-Mehrheit 2013 (47,7 Prozent) ist das 1974er-Ergebnis Lichtjahre entfernt.

Das Ergebnis: CSU 62,1 Prozent, SPD 30,2 Prozent und FDP 5,2 Prozent – in Bayern gab es somit wie gehabt ein Drei-Parteien-Parlament. 62,1 Prozent – das waren fast sechs Prozent mehr als 1970. „Wahlsieg der CSU wie nie zuvor“, titelte unsere Zeitung. Entscheidend war aber noch etwas anderes: Erstmals hatte die CSU in München alle elf Direktmandate gewonnen – der durch Flügelkämpfe und eine dogmatische Juso-Gruppe gebeutelten SPD blieb kein einziges mehr. Die CSU hat damals aber auch „rote Inseln in Franken eingeebnet“, sagt der Politologe Alf Mintzel. Die letzten Hochburgen der SPD, zum Beispiel in Hof, Nürnberg oder Wunsiedel mit Ergebnissen weit über 40 Prozent, wurden geschliffen.

Der Passauer Mintzel, heute 80, ist Zeitzeuge und Wissenschaftler, sein Buch über die CSU („Anatomie einer konservativen Partei“) ein Standardwerk. Die CSU wurde 1974 vollends zur Volkspartei, sagt Mintzel. Sie gewann jede zweite Stimme aus der Arbeiterschaft, erschloss die Mittelschicht der Angestellten und Beamten in voller Breite. Sie gewann auch überproportional bei Jungwählern, heißt es in einer Wahlanalyse der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung. In der Landtags-CSU bildete sich die Gruppe der „74er“ – Jungparlamentarier wie Edmund Stoiber, Thomas Goppel oder Otto Wiesheu, die damals am Anfang ihrer Karriere standen und rasch aufstiegen. „Wir waren über 20 Mann“, erinnert sich Thomas Goppel. Eine „verschworene Truppe“.

Nicht unwesentlich ferner: Die CSU saugte rechtes Protestpotential auf – die NPD, 1966 bis 1970 noch im Landtag (7,4 Prozent), wurde 1974 zur Splitterpartei.

Die Wahlnacht: Für Vogel eine Schmach

Die Wahlnacht: Für den SPD-Landeschef und -Spitzenkandidaten Hans-Jochen Vogel, den erfolgreichen Ex-Oberbürgermeister von München, mittlerweile Bundesjustizminister, ist es eine Schmach. Mit hochrotem Kopf bahnt er sich seinen Weg durch die Kameras, berichtet unsere Zeitung. Aus dieser Niederlage könne er nun beim besten Willen „keinen Sieg machen“, sagt Vogel. Nun freuen Sie sich wenigstens nicht gar so offensichtlich, raunzt der ziemlich angefressene SPD-Kandidat den stockschwarzen BR-Journalisten Wolf Feller an, der seine Freude über den CSU-Sieg nicht verbergen kann. Später im Fernsehen spielt Abba – ihr aktueller Hit ist „Waterloo“.

Die Folgen: Der CSU-Machtanspruch wächst ins Unermessliche. Am 19. November 1974 trifft sich die Bonner CSU-Landesgruppe im Hotel „Sonnenalp“ in Ofterschwang bei Sonthofen. Geheimsitzung.

Strauß platzt fast vor Stolz. Er verkündet seine neue Strategie – die legendäre „Sonthofener Rede“. Ziel eins ist es, die Union auf einen nicht mehr konstruktiven, sondern rein konfrontativen Blockadekurs gegenüber der sozialliberalen Bundesregierung einzuschwören. Der „Spiegel“ veröffentlicht im März 1975 eine (nicht redigierte und unautorisierte) Fassung des Referats – ein Donnerschlag in der Öffentlichkeit.

In den Worten von Strauß: „Es muss wesentlich tiefer sinken, bis wir Aussicht haben, politisch mit unseren Vorstellungen, Warnungen, Vorschlägen gehört zu werden. Es muss also eine Art Offenbarungseid und ein Schock im öffentlichen Bewusstsein erfolgen.“ Ziel zwei ist es, sodann den in der Öffentlichkeit bewusst herbeigeführten Schock eines permanenten wirtschaftlichen Niedergangs zur Herbeiführung eines Regierungswechsels zu nutzen.

O-Ton Strauß: „Wir müssen die Auseinandersetzung hier im Grundsätzlichen führen. Da können wir nicht genug an allgemeiner Konfrontierung schaffen.“ Die Auflösung der jetzigen Bundesregierung sei „das vorrangige Ziel“.

Die „Sonthofener Konfrontationsrede“, wie sie der Politologe Alf Mintzel nennt, ist Ausdruck einer Selbstüberschätzung, die im November 1976 in den „Kreuther Trennungsbeschluss“ mündet – also der Aufkündigung der Fraktionsgemeinschaft mit der CDU. Die wird aber schon nach wenigen Wochen revidiert. Danach ist die CSU eingenordet, ihr bundespolitischer Anspruch auf Normalmaß gestutzt.

Die CSU als „vierte Partei“? Das blieb ein kurzlebiger Traum. Wohl wahr: In den 1970er-Jahren entstanden außerhalb Bayerns CSU-Freundeskreise, argwöhnisch belauert von der CDU, in Stuttgart 1975 gar eine „Aktionsgemeinschaft Vierte Partei“. Der „Freundeskreis Franz Josef Strauß e.V.“, berichtete die „Zeit“ 1975 aus Bremen, werde unter Unionsmitgliedern behandelt „wie ein schwerer Sündenfall“. Sie blieb eine Splittergruppe.

Dirk Walter

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