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Welches Amt gibt Horst Seehofer ab? Die CSU wartet auf seinen Personalvorschlag.

CSU-Debatte

Der Tag der Abrechnung: Welches Amt gibt Seehofer ab?

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Die CSU, zerzaust vom erbitterten Machtkampf, wartet auf Horst Seehofers Personalvorschlag. Es werde keiner vor Zorn platzen, sagte er. Wie ihm das gelingen soll in der völlig verfahrenen Lage, ist sein Geheimnis.

München – Markus Söder schaut so fromm wie möglich, als er in der Münchner St. Matthäuskirche zum Altar schreitet. Acht Stufen sind es von der ersten Bankreihe bis zum Empfang des Abendmahls. Als Vertreter des Ministerpräsidenten ist Söder mit einigen Politikern zum Buß- und Bettags-Gottesdienst gekommen, er ist der einzige Protestant im Kabinett. Söder bleibt oben ein paar Sekunden ruhig stehen, stumm. Es ist ein seltener Moment des Innehaltens derzeit in der CSU. Und der Versuch einer Besinnung.

„Es ist alles denkbar – und auch das Gegenteil“

In der Predigt geht es ums Aussöhnen statt Bekämpfen. Passender könnte das kurz vor diesem Tag kaum sein, denn heute wird abgerechnet: Mittags trifft sich die emotionsgeladene Landtagsfraktion mit Horst Seehofer, am Abend der vorsichtigere Parteivorstand. Neben den gescheiterten Sondierungen in Berlin geht es vor allem um die Machtfrage in der CSU. Bei beiden Terminen kann alles passieren. Oder, wie Seehofer unlängst lustvoll orakelte, „es ist alles denkbar – und auch das Gegenteil“.

Alles, nichts – oder irgendwas in der Mitte. Seehofer muss der CSU am Donnerstag schildern, welche Ämter er behalten und welche er abgeben will. Dass er Parteivorsitz und Ministerpräsidentenamt beide behält, gilt in der Partei als ausgeschlossen – zu viel Missmut kursiert über ihn, zu fatal war das Bundestags-Ergebnisses mit 38,8 Prozent. Dass er alles freiwillig an den aussichtsreichsten Nachfolger Söder weiterreichen wird, ist noch unwahrscheinlicher.

Gibt Horst Seehofer den Parteivorsitz ab?

Bisher gibt es für Seehofers Ansage nur widersprüchliche Indizien. Viel spricht dafür, dass er als Ministerpräsident bis zur Wahl 2018 weitermachen will und dafür den Parteivorsitz Mitte Dezember in jüngere Hände legt. Kandidaten: Alexander Dobrindt, Joachim Herrmann, Manfred Weber, per Kampfkandidatur auch Markus Söder. Den CSU-Chefposten abzugeben, würde Seehofer leichter fallen. Er liebäugelte öffentlich mehrmals damit. 

Die Mehrheit der Landtagsfraktion wird in diesem Fall aber darauf bestehen, die Spitzenkandidatur 2018 schnell zu regeln – nicht erst irgendwann im Wahljahr, etwa bei einem Sonderparteitag oder einer Urwahl. Das verlangt auch Fraktionschef Thomas Kreuzer.

Geht Horst Seehofer nach Berlin?

Das Gegenmodell: Seehofer weicht in München, tritt in Berlin in die nächste Bundesregierung ein (oder wird bei Neuwahlen Spitzenkandidat der CSU für den Bund). Dafür spricht der Feuereifer, mit dem Seehofer Tag und Nacht Jamaika mitverhandelte.

„Er ist da total aufgeblüht“, sagt ein Mitverhandler, der Seehofer sonst nicht sonderlich schätzt. „Das ist seine Augenhöhe, die ihm manchmal fehlt in München.“ Dort, vor allem in der Landtagsfraktion, sieht Seehofer zu oft „Kleinstrategen“ und Kirchturmpolitik am Werk. Problem: Sobald Seehofer die Staatskanzlei in Richtung verlässt, wird die Landtagsfraktion Söder zum Nachfolger wählen, ob mit oder ohne Seehofers Stimme. Und ob sich der 68-jährige je mit dem verhassten Rivalen (50) als Nachfolger abfinden mag, wissen nicht mal enge Vertraute. Seit Monaten haben beide fast kein Wort mehr vertraulich gewechselt. Lieber hätte er Ilse Aigner oder Joachim Herrmann.

Eines ist aber Konsens bei vielen führenden Köpfen der Partei: Seehofer sehe den Handlungsbedarf. Er werde einen Vorschlag machen, der „keine Gefäße zum Platzen“ bringe, sagte er ja selbst. Den Widerstand durch Aussitzen zu brechen, ist ausgeschlossen. Dazu hat sich die Debatte um ihn und Söder auch zu sehr radikalisiert. Neuerdings beschimpft man sich ja in der CSU gegenseitig als „Leichtmatrosen“, „perfide“ oder „Selbstzerstörer“. Und seit Tagen stehen die Älteren in der Partei auf und mahnen in teils flehentlichen Beiträgen zu Geschlossenheit.

Hier wollen sie alle rein – fast alle zumindest: das Chef-Büro in der Staatskanzlei.

Viel hängt also an diesem Donnerstag. Seehofer, übermüdet von den Berliner Verhandlungsnächten, will ihn zumindest ausgeschlafen beginnen und ausgeruht vormittags nach München fahren. Das ist gut so, denn heikel wird vor allem das Treffen mit den Abgeordneten, die sich in Telefonaten emsig untereinander abstimmen. Die Fraktion ist das mit Abstand kritischste Gremium für den Noch-Regierungschef – obwohl er ihr angehört. Von „Blutrausch“ sprechen manche, von erheblichen Deeskalations-Bemühungen Kreuzers berichten weitere.

Zurück in der St. Matthäuskirche. Nach dem Gottesdienst ergreift Söder das Wort, wie immer mit viel Interpretationsspielraum. Man müsse Respekt haben vor Entscheidungen, sagt er. Er selbst habe immer wieder phasenweise geglaubt, er könne alle Ziele allein erreichen, sagt Söder außerdem. Aber es sei doch Hilfe notwendig im Leben. „Und die kommt von Gott.“

Von Christian Deutschländer und Sebastian Dorn

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