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„Das stärkt einen“, sagt Markus Söder über die Auseinandersetzungen mit Horst Seehofer.

CSU-Klausur in Banz

Duell im Kloster: So giftig schießt Seehofer gegen Söder

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Bad Staffelstein – Seehofer macht es sich zur letzten großen Aufgabe, Söder als seinen Nachfolger zu verhindern. Bei der CSU-Klausur in Banz prallen sie aufeinander. Ein Staatsschauspiel.

Im ehrwürdigen Refektorium des Klosters Banz, unter Kronleuchtern und Stuck, hängen zwei Ölgemälde. Das Bildnis eines Mannes, ernst. An der Wand gegenüber das Bildnis noch eines Mannes, noch ernster und mit Degen. Dazwischen treffen zwei Herren aufeinander, die ähnlich finster dreinschauen, wenn sie nur aneinander denken. Horst Seehofer und Markus Söder tragen es noch nicht mit Degen aus, aber mit spitzer Zunge. 

Seehofer gratuliert Söder kurz und gequält

Söder hat zu seinem 50. Geburtstag geladen, ein kleiner Empfang mit den CSU-Abgeordneten am Rande der Fraktionsklausur. Sein Vorgesetzter soll ein paar Takte sagen. Es wird eine kurze, gequälte Gratulation. Der Ministerpräsident übermittelt knappe Glückwünsche, spricht dann von „gegenseitigen Prüfungen, die wir uns auferlegen“. Das kann man noch launig finden. Dann wendet er sich aber an Frau Söder. „Ich bilde mir ein, dass ich den Markus besonders gut kenne“, sagt er. Er wisse deshalb, dass sie „Riesiges aushalten“ müsse.

Giftiger war wohl nie ein Glückwunsch. Ehe er zügig den Raum verlässt, schiebt Seehofer noch nach, es komme „von Herzen“. Zumindest daran besteht kein Zweifel. Das Fest im Refektorium ist ein neuer Höhepunkt im erbitterten Machtkampf zwischen den beiden CSU-Alphatieren, der für Laien aussieht wie Frotzeleien zweier Parteifreunde. In Wahrheit geht es darum, ob Söder es schafft, nächster Ministerpräsident zu werden. Wann. Und um welchen Preis. Von Söders Rede im Refektorium bleibt auch ein Satz hängen; wie er mit Seehofers Provokationen umgeht: „Das stärkt einen.“ Vielleicht hat er im Hinterkopf, dass in der CSU schon viele Machtkämpfe zwischen Ministerpräsidenten und dessen Kronprinzen ausgetragen wurden.

Als wäre Söder ein isolierter Quartalsirrer

Die zwei Starken und ihre offene Rivalität prägen die Kloster-Klausur auf dem fränkischen Hügel. Schon am Sonntag vorher geht Söder mit einem Steuer-Vorstoß in die Offensive, er fordert schnelle Steuersenkungen im Bund und bekommt die erwünschte Schlagzeile. Seehofer liest und stutzt, das war nicht besprochen. Er telefoniert viel, nur nicht mit Söder, und kassiert am Montagmorgen mit der Macht eines Parteichefs den Vorschlag wieder ein. Er tut es eher leise im Kabinett, berichten Teilnehmer. Bei der anschließenden Pressekonferenz lässt er das seinen Staatskanzleichef Marcel Huber aber (ungefragt) in scharfen Worten erzählen. Das Wort „Einzelmeinung“ verwendet Huber – als wäre Söders Plan der eines isolierten Quartalsirren ohne jeden Widerhall in der Partei.

Diesmal prägt der Chef die Schlagzeilen. „Seehofers Konterschlag“ titelt die „FAZ“, ein „unerbittlicher Schlag“ von der Dimension der „Schmutzeleien“-Attacke 2012, als Seehofer seinem Minister öffentlich charakterliche Mängel attestierte. Das mag hoch gegriffen sein, aber klar ist: Er hätte Söders Vorstoß auch leise einfangen können. Wie übrigens Ilse Aigners Idee, die Stromsteuer zu kippen. Dass der Ministerpräsident in der genau gleichen Sitzung ganz energisch gegen den Vorschlag seiner Energieministerin sprach, fand wundersam nicht den Weg in Balkenüberschriften.

Seehofer will Söder mit aller Macht ausbremsen

Seehofer hat sich erkennbar zur Aufgabe gemacht, den in Umfragen weit vorne liegenden Kronprinzen auszubremsen. Er traut ihm nicht zu, die CSU in eine stabile Zukunft absoluter Mehrheiten zu führen. Das Projekt, dessen Ausgang keiner der beiden kennt, läuft auf zwei Ebenen. Erstens: Bund und Parteivorsitz. Joachim Herrmann wird derzeit zum nächsten Bundesinnenminister aufgebaut, Seehofer bietet ihm dazu den CSU-Vorsitz an. Weil sich Söder nicht auf einen Wechsel nach Berlin einließ (oder, je nach Sichtweise, nicht wegloben lässt), könnte es so kommen. Sobald der Franke die Partei führt, wird aus Oberbayern der Ruf nach Regionalproporz kommen: Noch ein Franke, als Ministerpräsident, das gehe nun echt nicht.

Ebene zwei: Bayern. Seehofer lässt auffallend fröhlich anklingen, wie gern er Regierungschef ist. So sehr, dass er das Amt vielleicht gar nicht wie geplant 2018 abgeben mag? Seehofer ist ein Großmeister des Spiels mit Andeutungen. Macht er wo einen Spaß (gesprochen: „Schpasss“), klingt das lustig – und ist oft bitterer Ernst. Wie Frau Söder nun weiß. Oder wie auch der Neujahrsempfang letzten Freitag in München zeigte: Auf der Bühne erklärt Seehofer, das sei sein neunter Empfang, den zehnten mache er noch nächstes Jahr, und dann – „wer weiß...“. Im Saal lachen alle. (Nur ein Söder-Mitarbeiter nicht, der versucht, den genauen Wortlaut schnell nach Nürnberg zu übermitteln.)

Der Ernst hinter dem Schpasss: Allmählich taucht in allen Zeitungen, auch jenen, die lange das Gegenteil schrieben, die Spekulation auf, Seehofer kandidiere 2018 noch mal und übergebe erst ein, zwei, fünf Jahre später die Schlüssel zur Staatskanzlei. Denn gegen einen amtierenden Ministerpräsidenten würde Söder, das beteuerte er mehrfach, nie putschen. Kann Seehofer den Rivalen also einfach aussitzen?

Seehofer führt so viele Einzelgespräche wie nie

Im Kloster bleibt viel Zeit für den Blick auf Details. Wie Seehofer draußen in der Kälte steht. Über seine Gesundheit wird derzeit ja wieder viel getratscht, über die zwei bekannt gewordenen Schwächeanfälle in Kreuth und in der Staatskanzlei, von denen unschöne Bilder und sogar ein kurzes Video kursieren. In Banz scheint der 67-Jährige eine Art Frost-Fitness-Beweis abliefern zu wollen. Vor der Pforte im eiskalten Wind stellt er sich den Kameras. Der Fraktionschef neben ihm schlägt sich nach wenigen Minuten bibbernd den Kragen hoch und rückt in Trippelschritten Richtung Türe. Erste Mitarbeiter Seehofers flüchten ins Warme, dringend Akten lesen oder so. Die Mikrofone der TV-Journalisten zittern. Nur Seehofer redet und redet. Man könne gerne noch eine Stunde weitermachen, flachst er.

Drinnen, hinter verschlossenen Türen, führt Seehofer derzeit so viele Einzelgespräche wie selten in seiner Karriere. Einen nach dem anderen aus der CSU-Führung nimmt er zur Seite, beschreibt Konstellationen. Testet. Wirbt. Sie sind sich ja so ähnlich. Was Söder beherrscht – Loyalitäten schaffen und von „Lebensfreundschaften“ mit Abgeordneten schwärmen – das kann Seehofer auch. Er hat das Talent, in seinem aberwitzig vollgepackten Terminkalender als Regierungschef stets so zu wirken, als habe er sofort eine Stunde für einen Kaffee.

Nun sitzt er lange mit Landtagspräsidentin Barbara Stamm zusammen, die er mit Engelszungen zu einer weiteren Amtszeit überreden will. Aigner verbreitet Fotos mit dem Chef, vertraut plaudernd (zufällig während einer Rede Söders in der Fraktion angesetzt ist). Und Abgeordnete staunen, dass Seehofer, der sich sonst nur von Cola-light ernährt, bis 0:30 Uhr in Banz neuerdings mit ihnen Williams-Birne schnapselt.

Man kann nur ahnen, dass er hinter Söders Rücken etwas formt. Seehofer-Herrmann-Aigner und noch ein paar mehr, man weiß es nicht. Dazu passt, dass er am 10./11. März zu einer Runde mit Parteivize Manfred Weber und CSU-Exilant KT zu Guttenberg geladen ist.

Plötzlich schlägt sich Seehofers Intimfeind auf seine Seite

Und, noch verwirrender: Gleich zweimal meldet sich vor Banz der alte CSU-Fuchs Erwin Huber zu Wort. Ihn als Intimfeind Seehofers zu bezeichnen, erschien bisher stark untertrieben. Von ihm kursiert der Satz, notfalls noch auf dem Sterbebett die Hand zu heben gegen den Ingolstädter. Nun hat Huber offenbar eine Leitentscheidung getroffen, wen er noch weniger ausstehen kann. Man solle sich „weniger an momentanen Umfragen“ Söders orientieren, sagte er am Samstag in einem „SZ“-Interview. Der Respekt vor Seehofer erfordere es, ernsthaft über seine erneute Spitzenkandidatur 2018 zu reden. Viele in der CSU wollten „genau das“.

Oh ja – Seehofer hat das gelesen. Weil es sonst vielleicht nicht jeder gelesen hat, und weil es gerade so schön gemütlich ist ohne Schal im eisigen Wind vor der Pforte von Banz, beginnt er, von sich aus darüber zu sprechen. „Ein sehr weitreichendes, inhaltsreiches Interview“, murmelt er vor sich hin. „Souverän, über den Dingen stehend. Genauso muss man reden.“

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