Ministerpräsident führt Umfragen an

Söder auf dem Weg ins Kanzleramt? Die neue Geduld des Ministerpräsidenten: Er hat auf die harte Tour gelernt

  • Christian Deutschländer
    VonChristian Deutschländer
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    Mike Schier
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Der Nicht-Kandidat führt in jeder Umfrage: Einen Bundeskanzler Markus Söder kann sich eine Mehrheit der Deutschen gut vorstellen. Er selbst eigentlich auch.

  • Markus Söder* führt in vielen Umfragen, bei denen es um den nächsten Kanzlerkandidaten der Union geht.
  • Die Mehrheit der Deutschen kann sich einen Kanzler Söder gut vorstellen.
  • Aber Söder ahnt, wie brüchig solche Werte sind und wie verwinkelt sein Weg nach Berlin wäre. Er hat gelernt zu warten.

München – Ein unbedachtes Wort jetzt, ein blöder Satz vor diesem Dutzend Kameras, und die Sache fliegt ihm um die Ohren. Markus Söder weiß das, aber es scheint ihn nicht zu kümmern. Mit aufreizender Ruhe nimmt er die weiß-blaue Stoffmaske ab, legt sie vor sich. In einer unauffälligeren Bewegung lässt er noch das Handy aufs Rednerpult gleiten. Sonst: nichts. Kein Manuskript zum Festhalten, kein Sprechzettel mit Ausflüchten auf Nachfragen. Er grinst in die Runde: Das Spiel kann beginnen.

Montagmorgen in der CSU-Zentrale: Gerade hat er einer Berliner Sonntagszeitung ein forsches Interview gegeben, Maßstäbe genannt für einen Kanzlerkandidaten, die keiner der Bewerber erfüllt. Außer ihm. Jetzt werden alle wieder fragen, ob er kandidiere. Und Söder wird in wortreichen Varianten nicht Ja sagen. „Mein Platz, das hab’ ich jetzt hundertfach gesagt, ist gerade, wie Sie es hier jetzt sehen, an der Stelle, in Bayern“, erklärt er also. 13 Minuten und 15 Sekunden später hat er noch viel mehr gesagt auf diese Fragen.

Nur eines nicht: Nein.

Markus Söder: Hat er das Zeug zum Kanzler?

Seit Wochen geht das so. Wer Söder begleitet in diesen Tagen, erlebt aber keinen gequälten, genervten Politiker. Die tägliche K-Frage kränkt ihn wahrlich nicht. Er kokettiert damit, dass er sich nie selbst ins Spiel bringt: „Es wird ja ständig über mich geredet. Und zwar von allen.“

Markus Söder/CSU: „Nur wer Krisen meistert, wer die Pflicht kann, der kann auch bei der Kür glänzen“

Das klingt locker, in Wahrheit ist es eine Gratwanderung. Die Umfragewerte, die Spekulationen sind nur Nebenprodukt der größten Krise seit einem halben Jahrhundert, durch die Söder Bayern steuern muss. Es geht nicht um Karrieren, sondern um Leben und Tod. Söder ist seit März im Krisenmodus. Und er inszeniert ihn perfekt.

Sein Vorgänger Horst Seehofer, Verwaltungs-Betriebswirt, witzelt gerne, er sei nach Jahrzehnten in der Politik „Erfahrungsjurist“. Aus dem Juristen Söder wurde binnen Wochen ein Erfahrungsvirologe. Der vorsichtige Kurs ist nicht gespielt. Das Virus treibt ihn um. Noch immer studiert er täglich die Zahlen. Bei Unstimmigkeiten lässt er nachforschen, ruft Experten an. Er sorgt sich. Israel kämpft mit der zweiten Welle. Vorsicht! Der Westbalkan meldet Rekorde. Vorsicht! Oberösterreich kehrt zur Maskenpflicht zurück. Da schau her!

Corona und die wirtschaftlichen Folgen – das sind die Themen, die den Wahlkampf prägen werden. Und plötzlich liest sich sein Interview vom Sonntag anders. Kanzler könne nur werden, wer sich in der Krise bewährt hat. „Nur wer Krisen meistert, wer die Pflicht kann, der kann auch bei der Kür glänzen.“

Söder hat sich seit März das Image des Krisenbewältigers gesichert

Söder hat sich seit März das Image des Krisenbewältigers gesichert. Weil er vieles richtig machte, jeden Morgen ab 5 Uhr rackert, alles an sich reißt. Aber auch, weil nicht an ihm hängen bleibt, dass Bayern das am schwersten getroffene Land ist, meiste Fälle, höchste Sterberate. Gleichzeitig steht Armin Laschet, der um CDU-Vorsitz und Kanzlerkandidatur kämpft, fast täglich in der Defensive, wenn die Zahl der Infektionen in NRW hochschnellt. „Der entkanzlerte Laschet“, titelte diese Woche das ARD-Magazin „Monitor“.

Söder muss im Moment gar nicht viel machen, um der aussichtsreichste Nicht-Kandidat aller Zeiten zu sein. So oder so wird jedes Wort, jede Geste auf eine K-Ambition abgeklopft. Die Reisepläne (Wattwandern! Im Norden!), aber auch der für Dienstag angekündigte Besuch der Kanzlerin in Bayern: Angela Merkel stößt im prachtvollen Schloss Herrenchiemsee auf Söders Kabinett. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich Fotos und Schlagzeilen auszumalen: Die Kanzlerin und ihr möglicher Nachfolger an der Geburtsstätte des Grundgesetzes. Söder wird sich nicht wehren. Als gelernter TV-Journalist weiß er, wie man Bilder für sich sprechen lässt.

Söders Annäherung an Merkel und die CDU ist eine kuriose Wendung

Söders Annäherung an Merkel und die CDU ist eine kuriose Wendung: Es ist noch nicht lange her, da hatte der als Haudrauf bekannte Ex-Generalsekretär großen Respekt vor der Kanzlerin, ihr spröder Physikerinnen-charme schien so gar nicht zu seinem sarkastischen JU-Humor zu passen. Respekt hatte er auch vor der Hauptstadt, wo die CSU der kleinste Koalitionspartner ist – und hunderte Journalisten nur darauf warten, es einem dieser aufgeblasenen Bayern zu zeigen.

Doch Söder hat sich angenähert. Schrittchenweise. Mit Annegret Kramp-Karrenbauer versteht er sich bestens. Seehofer hatte ihrer CDU gerne in den Sonntagszeitungen die Regierungspolitik um die Ohren gehauen – um montags doch zuzustimmen. Viel fordern, ein bisschen was erreichen. Söder korrigierte den Kurs. „Wir haben bewusst entschieden, nicht mehr die Quertreiber der Nation zu sein“, sagt er heute. Er knüpfte diskret ein bundesweites Netzwerk in die CDU, auch als turnusgemäßer Sprecher der Ministerpräsidentenkonferenz. Zum AKK-Vertrauten Tobias Hans im Saarland, sogar zum liberalen Daniel Günther nach Schleswig-Holstein. Und in alle Ostverbände. Der Arbeitnehmerflügel der sächsischen CDU sprach sich diese Woche bereits offiziell für Söder als Kanzlerkandidat aus.

Söder schließt Berlin nicht mehr aus

Söder hat viel investiert. Trotzdem ist er wohl selbst überrascht, wie leicht das ging. Im Koalitionsausschuss mit den unerfahrenen SPD-Chefs. Mit den Berliner Journalisten, die sich im November gar nicht mehr einkriegten über Söders Rede beim CDU-Parteitag – obwohl es Standard-Versatzstücke waren. Und mit Merkel, die bei Corona zur Vertrauten wurde. Wer hätte das gedacht!

Parteifreunde, die Söder lange kennen, bestätigen den Eindruck, dass der CSU-Chef das mit Berlin nicht mehr ausschließt. „Er war auf 100 Prozent Nein. Das bröckelt“, heißt es in der engsten Parteispitze. Die Wahrscheinlichkeit sei aber sehr gering, das wisse er. Es kann keine Kandidatur aus eigenem Antrieb sein, kein Kampf gegen CDU-Kandidaten. „Gerufen werden, anders geht es nicht“, heißt es. Eine CDU, die nicht um den CSU-Kandidaten bettle, werde ihn im Wahlkampf im Norden, Westen, Osten verhungern lassen. Allerdings hat die CDU bislang nur zwei Mal einen Bayern gerufen: 1980 kriselte die CDU unter ihrem Fraktionsvorsitzenden Helmut Kohl massiv, 2002 litt sie unter der Spendenaffäre. 2020 aber liegt sie in Umfragen klar vorn. Überlässt man da einem Bayern das Feld? In der CSU glauben sie das nicht so recht.

Söder hat auf die harte Tour gelernt: Erst gute Arbeit abliefern, dann Karriere machen

Söder wartet ab. Geduld war nie seine Stärke. Aber er hat sie auf die harte Tour gelernt – im Machtkampf um die Seehofer-Nachfolge. Erst gute Arbeit abliefern, dann Karriere machen. Heißt 2020: Erst Corona bewältigen, dann auf Berlin schauen. Und am Tag X vorbereitet sein. Dazu passt auch, wie er Schritt für Schritt die CSU umbaut. Großstädtischer, grüner, moderner, so wie sich halt ganz Bayern mit dem vielen Zuzug entwickelt. Vieles klappt, die Söder-CSU ist so öko wie nie. Manches nicht, etwa als die Parteibasis 2019 gegen die Frauenquote meuterte.

Gleichzeitig arbeitet Söder weiter an sich. Er will das System der Fehlervermeidung perfektionieren. In seinem Team schart er absolut loyale, aber kritische Geister um sich, die auch mal widersprechen. Die schattigen Bilder vom Kreuzerlass, eher Exorzist als Landesvater, würden ihm heute nicht mehr passieren. Söder lebt seine Corona-Regeln, achtet auf Abstand, scheucht Gruppen vor Fotos auseinander. Nie ein Foto wie Laschet mit Maske unter der Nase. Nie ein Bild wie Spahn im überfüllten Lift – Söder nimmt nur noch die Treppe.

Vor Corona glaubten viele, in seiner Lebensplanung stehe Berlin drin. Später. 2025, im achten Jahr als Bayern-Regent, hätte er gefahrlos kandidieren können. Für den Freistaat hat er eh ein Amtszeitlimit von maximal zehn Jahren gelobt. Jetzt, wegen Corona und den matten CDU-Kandidaten, purzelt die K-Frage viel zu früh vor seine Füße. Sein Umfeld war lange uneins. Nicht in Versuchung führen lassen, raunten die einen, nicht das Erreichte im Freistaat riskieren. Aber die Chance aufs Kanzleramt gibt’s höchstens einmal im Leben, raunten die anderen.

Wenn Laschet oder Merz CDU-Chef werden, ist ein Kandidat Söder fast undenkbar

Vor November dürfte sich nichts entscheiden. Aber es kursieren Szenarien: Wenn Laschet oder Merz CDU-Chef werden, ist ein Kandidat Söder fast undenkbar. Für den Bayern gibt es nur zwei verwinkelte Wege. Entweder, wenn AKK doch an der CDU-Spitze bleibt und dafür ihn als Kanzlerkandidaten ausruft. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. „Die Annegret beißt in die Tischkante, dass sie kurz vor Corona ihren Rücktritt angekündigt hat“, heißt es in der CSU. Möglichkeit zwei: Gesundheitsminister Jens Spahn springt vom Tandem mit Laschet ab, kandidiert als Parteichef und plant mit Söder als Kanzlerkandidaten. Wie Spahn das hinkriegen soll ohne Brandmal der Illoyalität, dafür gibt es erste Ideen. Etwa, wenn wegen mieser Laschet-Werte ein Riesenbündnis aus JU und Parteigranden wie Wolfgang Schäuble nach Spahn riefe.

Söder kennt die Spekulationen. Es ist interessant, was er dazu sagt bei seinem Auftritt in der CSU-Zentrale: „Ich bin kein persönlicher Karriereberater einzelner großartiger Persönlichkeiten in der CDU.“ Dann lobt er ausführlich, was für ein herausragender Hoffnungsträger Spahn doch sei. Und wieder kokett-gönnerhaft: „Aber die CDU hat viele Hoffnungsträger.“

Die Worte wabern noch durch die Luft, wie Aerosole. Unsichtbar, aber mächtig. Söder schaut munter in die ratlosen Gesichter, hakt die weiß-blaue Rautenmaske hinter den Ohren ein, nickt huldvoll und schreitet von der Bühne. Man kann es sich denken, aber leider nicht sehen, ob er grinst hinter der Maske. (Mike Schier und Christian Deutschländer - *merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks. Erfahren Sie bei merkur.de alles zum Flughafen München: Rezensionen, Terminals und dritte Startbahn.)

Rubriklistenbild: © Christof Stache/ AFP

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