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Schönes Bild, wenig Inhalt: Ilse Aigner mit Luise Kinseher im Kopf der Bavaria.

CSU Oberbayern

Heimspiel für Aigner

München - Es soll eine Demonstration der Stärke werden: Die CSU Oberbayern wird Ilse Aigner am Samstag wieder zur Vorsitzenden wählen. Die Frage ist nur: Mit welchem Ergebnis?

Vergangene Woche versuchte sich Ilse Aigner mal als Markus Söder. Zum „Hintergrundgespräch“ hatte die CSU-Politikerin geladen. In die Bavaria über der Münchner Theresienwiese. Wer dann die 126 Stufen nach oben kletterte und sich in den Kopf der Patronin drängte, traf dort nicht nur Aigner, sondern auch noch die Nockherberg-Bavaria Luise Kinseher. Hintergründiges gab es dabei nicht zu hören. Genau genommen war die Aktion komplett sinnfrei, auch wenn viel über „starke Frauen“ gesprochen wurde. Aber es gab schöne Bilder – und inzwischen scheint man auch im Aigner-Lager zu glauben, dass dies ein zentrales Kriterium im Kampf um das Seehofer-Erbe ist.

Am Samstag wird Aigner wieder im Zentrum stehen. Diesmal muss sie inhaltlich etwas bieten. Bezirksparteitag der CSU Oberbayern: Der Rest Bayerns verfolgt aufmerksam, wie geschlossen der größte Bezirk hinter der Wirtschaftsministerin steht. Gut für Aigner: Es ist ein echtes Heimspiel, im eigenen Stimmkreis. Kulturzentrum Waitzinger Keller in Miesbach, schlichte Kronleuchter, Holzvertäfelung, weiß-blaue Vorhänge. Der richtige Ort, um sich feiern zu lassen – und um eine Botschaft zu formulieren: Wählt mich, ich will Ministerpräsidentin werden!

Offiziell hat die Neuwahl des Bezirksvorstands nichts damit zu tun. Inoffiziell braucht Aigner aber ein gutes Ergebnis, um das Rennen offen zu halten. Finanzminister Söder hatte bei seiner Wiederwahl als CSU-Chef in Nürnberg vor zwei Wochen 98 Prozent. 2013 wählten Aigner sogar 99,7 Prozent. Das war kurz vor der Landtagswahl. Bei mehr als 400 Delegierten in Oberbayern sind solche Ergebnisse in wahlfreien Zeiten kaum zu erreichen. Sie sei „ganz entspannt“, behauptet Aigner. „Alles jenseits der 90 Prozent wäre ein Bombenergebnis.“ Das entspricht der Messlatte, die Seehofer kürzlich mit einem seiner Scherze selbst gelegt hatte: Wer mehr als 90 Prozent erreiche, gehöre zu den „Prinzlingen“.

Gegenüber unserer Zeitung hatte Aigner ihren Anspruch kürzlich indirekt formuliert: „Ein Ministerpräsident aus Oberbayern fährt bessere Ergebnisse ein.“ Dort entscheide sich die Landtagswahl. Wie sie die Botschaft unter die Delegierten bringt, darüber hat sie lange nachgedacht. Nicht zu offensiv, aber deutlich muss sie sein. Damit auch der Letzte versteht, worum es geht.

Nötig wäre eine kämpferische Rede – bisher nicht ihre Stärke. Aigner muss aber aufholen: Söder gelang seit der Wahl fast alles, bei ihr reihte sich zunächst Panne an Panne. In fraktionsinternen Abstimmungen scheiterten ihre Leute. Sie hat undankbare Themen: Windräder, Stromtrassen – Fragen, für die sie zuständig ist, die aber der Bund entscheidet. Zuletzt kam sie besser in Tritt, wie ihr selbst fränkische Abgeordnete bescheinigen. „Sie hat ihre Talsohle durchschritten“, sagt einer.

Vor allem das Thema Digitalisierung packte sie an. Gestern eröffnete sie in München das Werk1 Bayern – ein Gründerzentrum für Digital-Firmen. Im Mai bewilligte ihr das Kabinett 200 Millionen Euro, um mit ähnlichen Projekten in die Fläche zu gehen. Das hatte sie mit Seehofer ausgehandelt, Söder wurde überrumpelt. Aigners kleiner Triumph zeigt, wie sehr Seehofer weiter auf sie setzt. Bei Empfängen nennt er sie auch gerne mal „meine Nachfolgerin“. Witz oder Wunsch? Darf sich jeder selbst ausmalen.

Seehofers Rede in Miesbach dürfte jedenfalls ein Loblied werden. Danach wird gewählt. Neben Aigner sollen die Rosenheimer Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer, der Erdinger Landrat Martin Bayerstorfer und Bundesminister Alexander Dobrindt als Vize-Chefs bestätigt werden. Für Christine Haderthauer soll Marcel Huber in die Riege der Stellvertreter aufrücken. Er war ihr nach ihrem Rücktritt auch schon als Chef der Staatskanzlei gefolgt.

Bleibt die Frage nach der Unterstützung bei den eigenen Leuten. Aigners Verhältnis zur Basis ist blendend, hier helfen Charme und Fleiß. Der Zukunftsdialog im Internet, der Arbeitskreis Integration, den die CSU nun landesweit übernimmt, das Trommeln für die S-Bahn – Aigner hat einiges angestoßen. Bei ihren oberbayerischen Kollegen im Landtag handelte sie sich dagegen Ärger ein, als sie Seehofer 2014 die wenig profilierte Erdinger Abgeordnete Ulrike Scharf als Umweltministerin empfahl. Die loyale Freundin bekam das Amt, erfahrenere Kolleginnen waren sauer. Große Signale hat Scharf bislang kaum gesetzt, derzeit müht sie sich mit der Aufarbeitung des Eier-Skandals.

Aigner holte ihre Abgeordneten vor zwei Wochen eigens zur Kuschel-Klausur in Südtirol zusammen. Ob der Ärger verraucht ist? „Könnte schon sein, dass da noch offene Rechnungen sind“, heißt es in der Fraktion. Das Wahlergebnis dürfte es zeigen.

Til Huber und Mike Schier

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