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Warme Worte und schöne Blumen: Angela Merkel auf dem CSU-Parteitag 2013. Heuer wird es ungemütlicher für die Gastrednerin in München.

Sie wollte genau wissen, was sie in München erwartet

CSU-Parteitag: Die Vorfreude auf Merkel kennt Grenzen

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München - Ein Löwe, der fauchen will und sich nur zu schnurren traut: Gibt die CSU am Freitag dieses Bild ab? Kanzlerin Merkel kommt als Gastrednerin zum Parteitag – ausgerechnet Seehofer bittet darum, sie nicht auszupfeifen.

Die Kanzlerin wollte genau wissen, was sie da in diesem München erwartet. Ablauf, Redner und Stimmung beim CSU-Parteitag erfragte Angela Merkel vor fünf Tagen bei ihrem Treffen mit Horst Seehofer. „Wir sind gute Gastgeber“, soll ihr Seehofer geantwortet haben, schildert ein Zuhörer, eine Entwarnung war das aber nicht: „Dir muss klar sein, dass die Delegierten sorgenvoll sind.“

Sorgenvoll? Eine vorsichtige Beschreibung der Stimmung unter den gut 1000 Delegierten. Andere würden sagen: alarmiert. In weiten Teilen der CSU-Basis gibt es Unverständnis und Entsetzen über Merkels Asylpolitik. Die CSU verlangt eine Obergrenze bei der Zuwanderung, stärkeren Grenzschutz und strengere Gesetze. Merkel bewegt sich darauf zwar seit Wochen in kleinen Schritten zu, gesteht das aber nicht ein.

Wenn sie heute, 17 Uhr, durch die Münchner Messehalle C1 ans Mikro schreitet, ist es deshalb ein kitzeliger Moment. Sie fliegt nur für die Gastrede ein und verschwindet dann sofort wieder, stellt sich also keiner Diskussion. An der CSU-Basis wird deshalb überlegt, die einst frenetisch gefeierte Kanzlerin mit Pfiffen zu begrüßen. In der Jungen Union befasste sich sogar der Vorstand mit der Frage, Protestschilder hochzuhalten („Zuwanderung begrenzen“) oder den Saal zu verlassen, man muss ja irgendwann mal aufs Klo.

Der Protest wurde verworfen. „Wir erzielen bei ihr eh keinen Effekt“, sagt ein Beteiligter. Zudem wirbt Parteichef Seehofer für einen höflichen Empfang. „Da gibt’s keinen Krawall“, sagte er unserer Zeitung: „Die Disziplin wird stärker sein als die Emotion.“ Seehofer behält sich als einzigem vor, die Kanzlerin zu attackieren und wieder das Ende der Attacken zu verfügen. „Matten Höflichkeitsapplaus“, sagt ein erfahrener CSUler voraus. Die Parteitagsregie dreht zu Merkels Einmarsch die übliche CSU-Musik auf.

Provoziert wird die CDU-Vorsitzende Merkel nur inhaltlich

Provoziert wird die CDU-Vorsitzende nur inhaltlich. Bis 17 Uhr will Seehofer den Leitantrag zur Flüchtlingspolitik beschließen lassen. Fettgedruckt im Entwurf: „Wir brauchen eine Obergrenze“. Und: „Wer allen helfen will, kann am Ende niemandem mehr helfen.“ Merkel wird sich dazu äußern müssen.

Nicht minder spannend wird der Samstag, da steht die komplette CSU-Spitze zur Wahl. Seehofer wird die Regie zwar so führen, dass er unmittelbar vor der Abstimmung lang spricht. Doch die 95,3 Prozent von 2013 sind in weiter Ferne – weil es intern kräftig rumort. Seine ungewöhnlich scharfe Rüge für Finanzminister Markus Söder sorgt für Unruhe. Per Interview kanzelte Seehofer den Kronprinzen ab, warf ihm unnötige Profilierungsversuche in der Debatte um Asyl und Terror vor. Die Schärfe ärgert die Söder-Fans in der Partei; die Umstände verwundern auch andere. Seehofer traf Söder am Montag und am Dienstag zu stundenlangen Sitzungen, äußerte seine Kritik aber nicht direkt. Unter den Delegierten, auch unter Landtagsabgeordneten, sorgt das für eine Solidarisierung mit Söder. Was der Minister sage, „muss niemanden nervös machen und zu unangemessener Kritik veranlassen“, sagt zum Beispiel der frühere Fraktionsvize Alexander König.

Zudem rumort es wegen der dritten Startbahn. Hier versuchen die Landtagsfraktion (und Söder), den sehr skeptischen Seehofer auf Linie für den Neubau zu bekommen. Sie werfen ihm vor, die vor Ort gerade in Freising und Erding unpopuläre Entscheidung zu meiden. Wenigstens bleibt Seehofer dazu ein Parteitagsantrag erspart. Sein Vorgänger, der Wirtschaftspolitiker Erwin Huber, will keine Abstimmung der Delegierten erzwingen. Er sagt: „Das ist eine Frage der Landespolitik zwischen Staatsregierung und Fraktion.“

Christian Deutschländer

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