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Kraft sparen, aber rhetorisch kraftmeiern: Horst Seehofer, noch kränkelnd, bei seinem schwierigen Auftritt.

180 Anträge liegen jetzt auf Halde

Erkälteter Seehofer würgt CSU-Parteitag einfach ab

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Nürnberg - Mit letzter Kraft hält der schwer erkältete Horst Seehofer seine Parteitagsrede. Er will integrieren, das Profil schärfen. Eine ungeschickte Regie verdirbt aber den zweiten Tag und die Laune engagierter Delegierter.

Er hat noch keinen Ton gesagt an diesem Vormittag, als den Chef die Kraft verlässt. Horst Seehofer regt an, den Parteitag einfach abzuwürgen. Er will seine Rede früher hinter sich bringen, schneller die lästigen TV-Interviews danach abarbeiten, nach Hause und auskurieren. Vier Tage wegen einer schweren Erkältung im Bett, dann stundenlang im zugigen Saal hocken – es ist ihm zu viel.

Zu Beginn des zweiten Tages an diesem „Arbeitsparteitag“ in der Nürnberger Messe macht die CSU-Spitze also einfach Feierabend. Vom 2,2 Zentimeter dicken Antragsbuch sind gerade mal 3 Millimeter abgearbeitet, da lässt die Sitzungsleitung, der Abgeordnete Max Straubinger, abstimmen, die Debatte zu vertagen. Ein Raunen geht durch den Saal, Proteste kommen auf. Straubinger sieht eine „klare Mehrheit“ für sich.

Weite Teile des Saales haben das anders gesehen. Viele Delegierte hatten in ihren Verbänden monatelang um Details der 180 Anträge gerungen, vorberaten, Mehrheiten organisiert. Mühsam erarbeitete zum Beispiel die Frauen-Union den Vorstoß, Geringverdienern die Verhütung zu zahlen, nicht nur das Abtreiben. „Da steht mein Landesverband mit 25 000 Mitgliedern dahinter“, grollt FU-Chefin Angelika Niebler. Sie kündigt ein Nachspiel im Parteivorstand an. „Breites Unverständnis“ äußert Fraktionsvize Kerstin Schreyer-Stäblein, und das ist nur die Wortwahl nach dreimal tief Durchatmen. „Es hätte uns gut angestanden, die Anträge zu beraten“, zumindest die wichtigsten, zur Verhütung und einen zur dritten Startbahn. Auch die Junge Union murrt.

Die Debatte ist nun verschoben auf Irgendwann, ein kleiner Parteitag 2015. Manche Delegierte, die nun anderthalb Stunden früher heimfahren können, stellen die Sinnfrage: Lohnte es sich, in der für Politiker gar nicht staaden Weihnachtszeit zwei Tage nach Nürnberg zu fahren, um nicht mitreden zu dürfen? Und fühlt man sich verschaukelt von Generalsekretär Andreas Scheuer, der für den Abbruch allen Ernstes „Zeitgründe“ vorschob, vorher aber alle ihm genehmen Leitanträge abstimmen ließ?

Mitmach-Partei CSU heißt in diesem Fall: alles mitmachen, was Seehofer will. Die Delegierten kriegen deshalb wundersam die Kurve, zu Beginn seiner Grundsatzrede vernehmlich zu maulen und ihn am Ende über vier Minuten stehend zu beklatschen.

Seehofer nutzt seinen Auftritt, um der Partei ins Gewissen zu reden, ja nicht auf die Kritiker zu hören. Sein Tenor: Am Ende gewinnt eh immer die CSU. „Mir reicht die Genugtuung, wie es am Ende des Jahres aussieht“, sagt er über die Maut: „Wort gehalten.“ Urheber aller Erfolge, daran lässt er keinen Zweifel, ist: Horst Seehofer. Er will Stärke zeigen, auch wenn der Parteitag vorher mit der Sprach-Debatte belastet war und er nun gesundheitlich angeschlagen und selbst im gedimmten Licht furchtbar blass ist.

Er sendet auch ein Signal an die ganz Konservativen, die sich sonst am Parteitag nicht durchsetzen: „Wir bleiben Mitte-Rechts.“ Strauß’ Vermächtnis gelte, dass es rechts von der CSU keine Partei geben dürfe, und dass die CSU am schärfsten von allen Parteien den Rechtsextremismus bekämpfen müsse.

Seehofers inhaltliche Festlegungen: Steuerentlastung zum 1. Januar 2017, kein Schrauben am Handwerkerbonus. Für Bayern kündigt er eine große Behördenverlagerung im ersten Quartal 2015 an. „Die Menschen werden in ihren Regionen nur bleiben, wenn sie Arbeitsplätze haben.“ Man dürfe „nicht die Menschen zu den Arbeitsplätzen karren“, sondern müsse Stellen in die Region bringen.

Der 65-Jährige redet kraftsparend, zurückhaltend. Die Stimme hält, sie ist stabiler als die vieler Parteifreunde, die bis 4 Uhr früh beim Delegiertenabend feierten und wie immer hinter Ex-Innenminister Hans-Peter Friedrich Polonaise tanzten. Hinterher im kleinen Kreis sagt Seehofer allerdings über seine 85 Minuten, er habe dauernd etwas im Hinterkopf gehabt: Nicht zu wissen, ob er die Rede noch zu Ende bringen könne.

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