„Die können murren, was sie wollen“: Horst Seehofer (CSU) vor dem Wahlabend.
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„Die können murren, was sie wollen“: Horst Seehofer (CSU) vor dem Wahlabend.

Sinkende Umfragewerte der Union

Die CSU vor der Wahl: Unruhe in Seehofers Reich

  • Christian Deutschländer
    VonChristian Deutschländer
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Mit wachsender Sorge blickt die CSU auf den Wahlabend. Die Union gerät in den Umfragen ins Rutschen, Wahlkämpfer geben besorgte Rückmeldungen. In Kürze könnte sich da etwas auf dem Parteichef entladen.

München - Wer Horst Seehofer sucht: Er ist in der Staatskanzlei, Regierungsgeschäfte. Eine Delegation der autonomen Republik Tatarstan hat sich angesagt, „politischer Meinungsaustausch“ sowie die feierliche Übergabe eines Porzellanlöwen an Präsident Minnikhanow. „Unser Wappentier“, sagt Seehofer würdevoll, „mutig und tapfer“.

Nichts ist einzuwenden gegen clevere Handelspolitik mit den rohstoffreichen Tataren. Mancher in der CSU hätte in diesen Tagen Seehofer allerdings eher im Wahlkampf erwartet - „mutig und tapfer“ müsste man auch dort sein. Auf den letzten Metern scheint die Union nämlich abzurutschen. In Umfragen steigt die AfD, CDU und CSU sinken. Etliche Wahlkämpfer äußern sich besorgt über einen „Swing“ in der Schlusswoche, den Dreh weg von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Am Sonntag drohe ein Tiefschlag, der die Demoskopen überraschen werde.

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Bürgerliche Wähler hadern mit Flüchtlingspolitik

Die Sorge wächst an vielen Infoständen: Bürgerliche Wähler, teils ganze Familien, bekunden dort, statt CSU nun AfD zu wählen - ruhig, längst keine Krakeler wie bei den Merkel-Kundgebungen. Sie hadern mit der Flüchtlingspolitik. Sie sind massiv besorgt nach den Schlagzeilen über zwei Vergewaltigungsfälle durch Asylbewerber in Oberbayern. Sie wollen diesmal einen Denkzettel erteilen.

CSU-Vorständler, die sonst gut Volkes Stimme interpretieren können, sind ratlos. Die Stimmung ist diffus. An die 47, 48 Prozent aus zwei Umfragen von vor zwei Wochen glauben in der Parteispitze wenige. Ein Minister raunt im kleinen Kreis, sein gesamter Freundeskreis wähle erstmals FDP und AfD. Der Ehrenvorsitzende Theo Waigel soll gewarnt haben, schon 2005 sei das Ergebnis deutlich mauer ausgefallen als die Umfragen.

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TV-Duell war offenbar der Wendepunkt

„Seit zwei, drei Wochen bröckelt das“, sagt Seehofer unumwunden. Er nennt keine Gründe; die Zeitangabe dürfte aber ein Hinweis auf das TV-Duell sein. Kanzlerin Merkel äußerte sich da eher weich zum Familiennachzug, später spottete sie vor Millionenpublikum, sie „garantiere“, die von der CSU ersehnte Obergrenze abzulehnen. Plötzlich bekam die Asylpolitik wieder Konjunktur.

Wenn am Sonntag die Union einbricht, werden manche in der CSU auf Merkel zeigen. Allerdings rumort es auch in Seehofers Reich. Er wird sich rechtfertigen müssen für den Kurs: ab Herbst 2015 Merkel massiv und persönlich zu attackieren, sie dann Anfang 2017 leidenschaftlich zur Kanzlerkandidatin auszurufen. Parteifreunde nörgeln bereits über seine Wahlkampfstrategie. Die Guttenberg-Auftritte hätten den CSU-Spitzenkandidaten Joachim Herrmann Aufmerksamkeit gekostet. Wenn schon, hätte Seehofer selbst stärker eingreifen sollen. Der Parteichef hat nur wenige Großkundgebungen absolviert; Merkel war zuletzt öfter auf bayerischen Marktplätzen als er. In der Schlusswoche vor der Wahl hat Seehofer nur einen einzigen Auftritt: Freitagabend mit Merkel in München.

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Wahlkampf-Planungen laut Seehofer schon vor Monaten

Seine Leute kontern, er habe in einer großen Print-Interview-Offensive Millionen erreicht. Das Fernsehen überlasse er Herrmann. Wichtiger seien die Koalitionsverhandlungen ab Oktober. Seehofer reagiert schroff auf Gemaule. Ahnungslose „Pyjama-Strategen“ seien das. Der Wahlkampf sei vor Monaten genau so geplant worden. „Die können murren, was sie wollen - das interessiert mich nicht.“ Er rät dringend, nicht in Hektik auszubrechen.

Bis Sonntag, 18 Uhr, dürfte das halten. Danach ist die Lage schwer kalkulierbar. Bei ungefähr 45 Prozent sehen alte Hasen in der CSU einen Schwellenwert. „Drüber ist der Horst aus dem Schneider, drunter gibt es Unruhe“, sagt einer. Letzteres ist nicht ausgeschlossen - erfahrungsgemäß holt die CSU acht bis zehn Punkte mehr als die Union insgesamt, der Optimisten derzeit 36 Prozent vorhersagen. Zum Vergleich: 2013 landete die CSU bei 49,3, die gesamte Union bei 41,5. Das galt damals als gut.

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Wiederwahl steht im November an

Für Seehofer hieße das, sich während der Koalitionsverhandlungen mit internen Querschüssen herumplagen zu müssen. Am 17./18. November ist zudem der große Parteitag, an dem er zur Wiederwahl steht. Zwar erwarten auch Kritiker keinen Sturz, keine Söder-Revolte - aber ein schlechtes Ergebnis. Das schwächt seine Autorität in Berlin - und in Bayern, wo er zum Jahreswechsel der Basis und vielleicht einem Sonderparteitag eine ungeliebte Koalition (Jamaika? Groko?) erklären müsste. Auch deshalb wird er nach der Wahl wohl Disziplin einfordern.

Zurück vor der Staatskanzlei. Der Tatarenherrscher rollt mit seiner Blaulichtkolonne davon, Seehofer winkt ihm höflich hinterher. Dann greift der CSU-Chef doch noch in den Wahlkampf ein: Zwei Rentner im Gehwagerl rumpeln an der Pforte vorbei. „Der Herrgott liebt euch“, ruft er ihnen zu. „Geht zur Wahl!“

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cd

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