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Horst Seehofer hat seiner Partei Schweigen verordnet, bis die Berliner Gespräche zur Jamaika-Koalition beendet sind.

Vor Jamaika-Sondierung

So will Seehofer Söder verhindern

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Die CSU-Basis ist für einen „geordneten Übergang“ - aber mit welchem Chef? Wir beleuchten die Stimmung in der Partei und rücken Bewerber und mögliche Favoriten ins Rampenlicht.

München/Berlin - Vor den am Mittwoch in Berlin beginnenden Jamaika-Sondierungsgesprächen macht in der Hauptstadt das Wort von der „Kanzlerinnendämmerung“ die Runde. Mindestens so angeschlagen wie CDU-Chefin Angela Merkel ist in München ihr CSU-Amtskollege. Mit Mühe hält Horst Seehofer den Unmut seiner Partei unterm Deckel. Nach den Bezirksverbänden Oberpfalz und Unterfranken hat jetzt auch der in München mehrheitlich einen geordneten personellen Übergang an der Spitze gefordert. Vereinzelte Rücktrittsforderungen hatte es gleich nach der Wahl gegeben.

Die Uhr tickt für den 68-jährigen Seehofer. Die Frage ist: Hört er das Ticken, und wenn ja, wen bringt er für seine Nachfolge an der Spitze der Partei und der Landesregierung in Stellung? Wir beleuchten die Stimmung in der CSU und rückt Bewerber und mögliche Favoriten ins Rampenlicht.

Die Teile der CSU, die jetzt schon mit den Füßen scharren, haben ihrem Chef Aufschub gewährt. Bis zum Parteitag in Nürnberg, der am 17. und 18. November geplant ist (und bis spätestens Mitte Dezember vertagt werden kann), soll er einen Vorschlag präsentieren, wie und mit wem es weitergehen soll.

Der Mann aus Ingolstadt, der CSU-Mandatsträger und Basis in den letzten Jahren mit seiner Zickzack-Politik malträtiert hat, wird seit dem Desaster am 24. September zunehmend als Belastung für die Partei gesehen. Er sollte nun die verbliebene Zeit zur Verhandlungsführung in Berlin und zum Nachdenken nutzen, so ein Abgeordneter. Sollte er dann nicht zu einem Vorschlag kommen, dem die CSU zustimmen kann, „knallt’s“ – „die „Revolution ist nur aufgeschoben“. Ob der Chef, dem seine „monarchische Attitüde“ vorgeworfen wird, die Zeichen der Zeit verstanden hat, ist weithin unklar.

Dass er das Parteivolk eher nicht in seine Überlegungen einweiht, war zuletzt im April zu beobachten, als er, entgegen seinen Ankündigungen 2013, im April 2017 bekanntgab, er werde noch mal für seine beiden Ämter kandidieren. Jetzt gibt es starke Strömungen in der Partei, die Seehofer lieber so schnell wie möglich auf das Altenteil schicken würden, wohin er selbst 2006 etliche 60-Jährige Kabinettsmitglieder verbannte.

Der Franke Markus Söder (50), derzeit Heimat- und Finanzminister, würde Seehofer nur zu gerne in beiden Ämtern beerben, doch der arbeitet seit Jahren daran, ebendies zu verhindern.

Die verunsicherte Partei sieht ihr Heil in Geschlossenheit. Man wolle Seehofer „einen guten Abschied bereiten“, sagte einer, der dieses Ereignis herbeiwünscht, „wenn er Einsicht und Vernunft zeigt“. Noch lebendig ist die Erinnerung an den quälend langen Abschied von Edmund Stoiber 2007. Der war noch Ministerpräsident und sein Nachfolger Günther Beckstein schon designiert. Das hat allen Beteiligten und der Partei geschadet – siehe Wahlergebnis 2008.

Kein Geheimnis ist, dass Finanz- und Heimatminister Markus Söder unbedingt Ministerpräsident werden will und Seehofer das mindestens so unbedingt verhindern möchte. Dass Söder, der sich derzeit akribisch an Seehofers Stillhalte-Order hält, gegen Seehofer im Kampf um den Parteivorsitz antreten würde, ist unwahrscheinlich. Seehofer könnte als Gegenkandidaten etwa den von ihm geschätzten Innenminister Joachim Herrmann (61) aufbieten. Ebenfalls in der Reihe der Wohlgelittenen sind Maut-Durchpeitscher und Landes­gruppenchef Alexander Dobrindt (47) oder Europa­abgeordneter Manfred Weber (45), in Straßburg Fraktionsvorsitzender der Europäischen Volkspartei.

Joachim Herrmann (62) war CSU-Spitzenkandidat. Über die Liste kam er nicht in den Bundestag, will aber offenbar als Minister nach Berlin.

Auch Seehofers ehemalige Favoritin Ilse Aigner (52) könnte durchaus noch im Rennen sein. Vielleicht überrascht Seehofer seine Partei mit der Empfehlung, sie 2018 zur Spitzenkandidatin zu machen – oder er gibt sein Amt gleich an sie ab.

Loyal und fleißig: Ex-Bundesministerin Ilse Aigner wurde 2013 von Seehofer nach München geholt. Wird ihr Kommen noch belohnt?

Barbara Wimmer

Video: Sondierungsgespräche über eine Jamaika-Koalition

Video: Glomex

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