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Abschied vom Traditionstagungsort Kreuth? Die CSU rechnet jedenfalls schon damit. 

Ende einer Tradition

Merkur exklusiv: CSU-Spitze gibt Wildbad Kreuth verloren

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München - Die CSU-Spitze gibt das traditionsreiche Wildbad Kreuth aller Voraussicht nach verloren. Es müsse „ein Wunder geschehen“, dass man sich noch mit dem Vermieter einige, sagte Parteichef Seehofer.

So lauten Angaben mehrerer Teilnehmer in einer Sitzung des Parteivorstands. Die nächste Sitzung dort im Januar werde wohl die letzte in der Parteigeschichte. Als Ehrengast ist immerhin CDU-Chefin Angela Merkel angesagt.

Wildbad Kreuth - ein Rundgang in Bildern

Wildbad Kreuth - ein Rundgang in Bildern

Der endgültige Beschluss soll Mitte Juli fallen. Für die CSU wäre das ein spektakulärer Einschnitt. In dem Tegernseer Seitental tagen die Abgeordneten aus Bund und Land jeden Januar unter großem Medienecho. Vermieter des Wildbads, eines früheren Sanatoriums in idyllischer Lage, ist die Wittelsbacher-Familie. Mieter ist seit 1974 die parteinahe Hanns-Seidel-Stiftung, die dort das ganze Jahr einen Seminarbetrieb organisiert. Der monatliche Mietzins ist bisher spektakulär niedrig – 7000 Euro für das gesamte Anwesen. Über die drohende Mieterhöhung – eine Vervielfachung – und die hohen Sanierungskosten wird man sich offenbar nicht einig, obwohl Seehofer selbst das Gespräch mit den Wittelsbachern suchte.

Seehofer sucht Streit in Berlin

Eine Murks-Woche liegt hinter der CSU, Maut geplatzt, interner Ärger, Medienlage mies, die SPD spottet, die unerledigten Aufgaben stapeln sich. Nach der Vorstandssitzung aber lädt die Parteispitze diesmal in ein Café mit Blick über die Stadt, Jazz perlt aus den Lautsprechern, „If Walls Could Talk“, wenn Wände reden könnten. Tenor: War da was?

Den Eindruck der Gelassenheit will Parteichef Horst Seehofer vermitteln. Auch wenn die Pkw-Maut auf Irgendwann verschoben ist und die CSU damit hadert, will er Unruhe in der CSU-Führung vermeiden. Seine Ansage intern ist dafür weniger sanft. Im Gegenteil: Er schaltet in den Kampfmodus. Mehrfach appelliert er, so erzählen es die Wände, an die Geschlossenheit in der Partei und betont, vor welchen Mammut-Aufgaben die CSU in Berlin im Sommer stehe. Seehofers Forderung: Vertraut mir bei Strom und Asyl – und der Kanzlerin bei Griechenland.

Seinen Parteifreunden meldet der Vorsitzende vor allem beim Ringen um die Energiewende Bewegung. Am Freitag saß er mit Energieminister Sigmar Gabriel zusammen. Der SPD-Chef legte den Bayern dabei ein neues Angebot für die umstrittenen Strom-trassen vor – so wird Seehofer jedenfalls zitiert. Gabriel ist demnach doch bereit, die „Südlink“-Trasse durch Baden-Württemberg zu führen, nur mit einem Abstecher nach Nordbayern. Die Südost-Passage soll auf bestehenden Leitungen von Nordosten bis nahe Landshut geführt werden und unterirdisch nördlich um München herum ins schwäbische Gundremmingen. „Da ist Bewegung drin“, heißt es aus der CSU. Seehofer wolle nun aber noch das Teilstück Landshut–Gundremmingen verhindern und dafür lieber einen zweiten Stich des Südlink von Westen führen. Gabriel will auch über Gaskraftwerke konkret reden.

Zu Seehofers Poker gehört die vordergründige Gelassenheit beim Zeitplan. Ehe die Chef-Gespräche in Berlin weitergehen – vermutlich Anfang Juli – verbreitet er, man müsse sich nicht unbedingt im Sommer einigen, Herbst genüge auch. Dafür bezieht er den Streit um den Atommüll in das Energie-Paket ein. In aller Schärfe weisen die Bayern deshalb das Ansinnen des Bundes zurück, wie in mehreren Ländern auch im niederbayerischen Landshut Castoren zwischenzulagern.

Auch beim Thema Asyl verlangt Seehofer von der CSU Disziplin. Mehrfach ermahnte er Bundesentwicklungsminister Gerd Müller in den vergangenen Tagen, den in München vereinbarten strengen Kurs – inklusive der umstrittenen Auffangzentren in Nordafrika – endlich mitzutragen. Die Stimmung in der Bevölkerung habe sich total verändert, sagt Seehofer. Er warnt die gesamte Union davor, die Sprengkraft des Unbehagens über die Flüchtlingsströme zu unterschätzen: „Das Thema Asyl ist in der Lage, uns in den 30-Prozent-Turm zurückzuwerfen“, wird er aus der Sitzung zitiert. Zur Erinnerung: Vor einigen Wochen träumte er noch laut von der absoluten Mehrheit der Union im Bundestag 2017.

Die CSU will im Bund mit harten Bandagen die anderen Länder auf ihren Kurs zwingen. Seehofer schlägt vor, die Asyl-Hilfen des Bundes an die Länder daran zu koppeln, dass sie zügig abschieben und den Weg freimachen für schärfere Vorschriften im Umgang mit Flüchtlingen vom Balkan, etwa eine Visapflicht. „Die Reduzierung des Zustroms muss im Vordergrund stehen“, sagte Generalsekretär Andreas Scheuer. „Konzeptionell haben wir eine knallharte Vorstellung.“

cd

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