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Die ehemalige bayerische Sozialministerin Christa Stewens am Freitag in München mit Ministerpräsident Horst Seehofer nach der Fraktionssitzung der CSU. Stewens ist bis zur Landtagswahl neue Chefin der CSU-Fraktion im Landtag.

CSU kürt Fraktionschefin

Stewens: „Ich hab’ schon gezögert“

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München – Freudig und kampflos kürt die CSU-Fraktion Christa Stewens zu ihrer neuen Chefin. Die erste Personalkrise wäre damit gelöst. Eine große Vertrauenskrise aber bleibt. Stewens muss bis zur Wahl die Scherben der Mitarbeiter-Affäre zusammenkehren.

Sie sitzt vor kahlen Regalen zwischen nackten Wänden in ihrem neuen Büro, noch keine zehn Minuten im Amt. Da sagt Christa Stewens einen wahren Satz zu sich selbst. „Jetzt hast Du noch mal fünf Monate, da musst Du ordentlich ranklotzen.“ Sie schaut auf den leeren Tisch und auf die große Tasse Kaffee, die ihr ein Mitarbeiter beschafft hat. „Da hast Du ordentlich Stress.“

Ihr Handy summt und blinkt pausenlos, was den Satz vom Stress eindrucksvoll untermauert. Stewens hat über Nacht einen Posten geerbt, von dem manche seit Jahren träumen, der aber im Moment ein Albtraum ist. Als neue Chefin der CSU-Fraktion muss die 67-Jährige Ordnung reinbringen in eine zerzauste Truppe.

In der Affäre um Familien-Verträge auf Steuerkosten stehen 17 betroffene Kollegen unter Feuer. Der Ruch von Filz und Abzocke wabert wieder über die gesamte CSU, ein tödliches Gift im Wahlkampf. „Ich hab’ schon gezögert“, sagt Stewens ehrlich. Eine Nacht schlief sie darüber.

Exakt wo Stewens sitzt, saß vor drei Tagen noch einer, der sich völlig im Recht sah, „politisch und moralisch“. Georg Schmid überwies seiner Ehefrau monatlich satte 5500 Euro für Sekretariatsdienste. Die Affäre endete in seinem Sturz, also dem von Parteifreunden eindringlich angeratenen Rücktritt. Der die Schmids übrigens, das mag man gerecht finden, pro Monat 20.000 Euro kostet. Ironie der Geschichte: Als einzige Deko hinterließ Schmid ein fettes weißblaues Sparschwein. Leer.

Stewens ist keine, die lästern würde. Sie hatten ein sehr vertrauensvolles Verhältnis, er war mal ihr Staatssekretär im Sozialministerium. Am Morgen noch telefonieren sie, wünschen sich Glück. Stewens verspricht „Sensibilität“. Klar ist aber: Sie wird aufräumen müssen in dieser Fraktion. Manchen der Abgeordneten, die ihr in der Sondersitzung fast frenetisch applaudieren, sie mit 99 Prozent wählen, ihr einen Blumenstrauß in die Hand drücken, wird sie vors Schienbein treten müssen.

Kann sie, sagen Vertraute. „Die Christa“ habe Hirn, Verstand und Durchsetzungsfähigkeit. „Sie hat ihren eigenen Kopf – das habe ich mehrfach erlebt“, sagt Ministerpräsident Horst Seehofer, der sie aus der Sozialpolitik kennt. Der ehrgeizige Finanzminister Markus Söder, den viele als Gegenkandidaten auf der Rechnung hatten, hält eine Eloge auf sie hinter den verschlossenen Türen der eilig einberufenen Sonderfraktionssitzung.

Söder schluckt ohnehin bemerkenswert gelassen, dass nicht er den Posten kriegt. Am Vorabend, als in der Staatskanzlei Stewens’ Berufung ausgemauschelt wird, sitzt er frotzelnd beim Maibock-Anstich. Dreimal telefoniert er mit Seehofer, auch mit Oberbayern-Chefin Ilse Aigner steht er in Kontakt, dann ist der Weg frei für Stewens. „Es war jeder gottfroh, dass keine Hahnenkämpfe ausbrechen“, sagt eine Abgeordnete.

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Söder weiß ja, dass Stewens keinem Job nach der Wahl im Weg steht. Die neue Fraktionschefin kandidiert im Herbst nicht mehr für den Landtag. Sie will Zeit für die Familie (Enkel Nummer 23 kommt im August), die Parteifreunde daheim im Stimmkreis Ebersberg hatten wochenlang vergeblich an sie hingebettelt. Eine Übergangslösung also, das verspricht auch Seehofer seinem Finanzminister am Telefon: „Wir müssen jetzt die nächsten fünf Monate organisieren und nicht die Dinge der nächsten fünf Jahre klären.“

Im Oktober kann Söder dann wirklich um den Job kämpfen, gegen Aigner zum Beispiel. Vor den Abgeordneten lässt Söder dazu einen bemerkenswerten Satz fallen: „Ich war schon einmal Christas Nachfolger – als Gesundheitsminister.“

Stewens’ Kaffee ist leer, das Handy summt munter weiter. Vor der Tür wartet ein großer BMW, den sie vor einer Stunde noch nicht hatte, um sie zu Terminen zu chauffieren, die sie vor einer Stunde noch nicht kannte. Plötzlich wieder Spitzenpolitik, auf zur CSU-Vorstandsklausur nach Andechs. Nicht dass sie jammern möchte, aber S-Bahn-Fahren und ein selbstbestimmter Terminkalender waren ihr auch nicht unrecht. „Ja“, sagt sie nachdenklich, „das ist jetzt schon ein komisches Gefühl.“

Christian Deutschländer und Mike Schier

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