Es wird eng

Misere vor der Wahl spaltet CSU-Politiker: Für einige ist Laschet schuld, für andere falsche Umfragen

Vor der Bundestagswahl steht die CSU so schlecht da wie nie zuvor in ihrer Geschichte. Wir haben Politiker der Christsozialen gefragt, welche Gründe sie für den Abschwung sehen.

München – Zumindest im Internet wirkt Markus Söder noch entspannt. Mit breitem Grinsen hält der CSU-Chef Twitter-Nutzern am Mittwoch seine Star-Trek-Tasse entgegen – die Serie wird 55 Jahre alt. „Kenne jede Folge, egal wer Captain war“, hat er über das Bild geschrieben. Also hoch die Tassen bei der CSU? Eher nicht.

Die Enterprise mag Söder Freude bereiten, doch sein eigenes Raumschiff ist rund zwei Wochen vor der Bundestagswahl in schwere Turbulenzen geraten. Die derzeitigen Umfragewerte schütteln die Partei durch. Erst der 29-Prozent-Schock am Dienstag, am Mittwoch dann sogar nur noch 28 Prozent im Bayerntrend des BR. So schlecht stand es um die CSU noch nie. Und in München droht sie obendrein noch alle vier Direktmandate zu verlieren. Er habe den Eindruck, der eine oder andere lasse bereits die Flügel hängen, sagte ein deutlich ernsthafterer Söder am Mittwoch bei Bild TV. Die Schuld an der Misere geben viele in der CSU aber nicht ihrem Parteichef, sondern dem gemeinsamen Kanzlerkandidaten. CDU-Chef Armin Laschet ziehe die Bayern mit seinen miserablen Werten mit runter, heißt es. Aber ist es das alleine? Der Münchner Merkur hat sich bei den Christsozialen umgehört.

Bundestagswahl: CSU-Abschwung ein „schleichender Prozess seit Jahren“

Thomas Holz ist beim Blick auf die Umfragewerte „echt erschrocken“, gibt er zu. Der CSU-Kreisvorsitzende von Bad Tölz-Wolfratshausen hat nicht damit gerechnet, dass es so dick kommen könnte. „Vielleicht ist es ein Weckruf an unsere Anhänger, unbedingt zur Wahl zu gehen“, hofft er. Dass seine Partei nun so schlecht dasteht, hat durchaus auch mit dem gemeinsamen Kanzlerkandidaten von der CDU zu tun, glaubt Holz. Viele seien enttäuscht von Armin Laschet, halten ihn für blass und profillos. „Darauf wird man schon angesprochen, wenn man sich mit den Leuten unterhält. Am Dienstagabend hat mich sogar jemand gefragt, ob wir den Kandidaten nicht doch noch wechseln können“, sagt der Kochler.

Ob in Oberau im Landkreis Garmisch-Partenkirchen überhaupt ein Laschet-Plakat hängt, „das kann ich Ihnen gar nicht sagen“, sagt CSU-Bürgermeister Peter Imminger am Telefon. Sein Sohn habe aber im Nachbarort eines gesehen. Ein Laschet-Poster mehr oder weniger – für Imminger ist sowieso klar: „Wir machen Wahlkampf für Alexander Dobrindt.“ Der CSU-Spitzenkandidat zieht hier, sagt der Bürgermeister. Oberau liegt in Dobrindts Wahlkreis – 2017 holte die CSU in der Gemeinde 55 Prozent. Dass seine Partei nun in den Umfragen so schlecht dasteht, liegt auch für Imminger zum einen am Kanzlerkandidaten, der von den Wählern einfach „nicht akzeptiert“ werde. Dazu komme aber auch, dass die Union sich verändert habe. „Die CDU, aber auch die CSU machen keine Politik mehr für die grundkonservativen Wähler.“ Deshalb verliere man deren Stimmen eben an die Freien Wähler oder an die FDP. Das sei „ein schleichender Prozess seit mindestens sieben Jahren“.

CSU/CDU und die Bundestagswahl: „Umfragen liegen oft beängstigend daneben“

Nicht alle sind so pessimistisch. Ilse Preisinger-Sontag, stellvertretende Landrätin des Landkreises Mühldorf, hält die Einschätzungen der Wahlforscher für zu negativ: „Die jetzigen Umfragewerte sind nicht gerechtfertigt. Für mich sind diese Zahlen mit den Einschränkungen der Corona-Pandemie verbunden.“ Doch die Lockerungen, die jetzt greifen, seien oft noch nicht eingeflossen, sagt Preisinger-Sontag. An Markus Söder habe sie nichts zu kritisieren. „Wir sind in Bayern immer noch sehr gut aufgestellt.“

Auch Manfred Herz, Vorsitzender der Mittelstandsunion im Landkreis Starnberg und Gemeinderat in Gilching, traut den Umfragen nicht. „Die letzten Jahre haben ja deutlich gezeigt, dass diese oft beängstigend danebenliegen können.“ Herz sieht der Wahl positiv entgegen. Er habe sich zwar, wie viele seiner Parteifreunde, einen anderen Kanzlerkandidaten gewünscht, stehe nun aber zu 100 Prozent hinter Laschet. „Er regiert seit vier Jahren das größte Bundesland, der kann das“, sagt Herz über den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen. Seiner Meinung nach müsse die CSU aber noch deutlicher zeigen, dass sie ihren Kandidaten unterstützt. „Es kann nicht sein, dass man sich über Laschet lustig macht und dann von den Bürgern verlangt, ihn zu wählen. Das ist das Dümmste, was man vor einer Wahl machen kann.“

Steht nicht zur Wahl: Auf vielen CSU-Plakaten in Bayern ist CSU-Chef Markus Söder zu sehen – nicht Kanzlerkandidat Armin Laschet.

CSU bei der Bundestagswahl: Am Ende wird es für die Regierung reichen, glaubt Huber

Auch Erwin Huber glaubt noch immer fest an den Wahlsieg. Der 75-Jährige war selbst einmal wie Söder CSU-Chef, führte die Partei von 2007 bis 2008. Huber sagt: „Ich erlebe bei unseren Stammwählern eine starke Widerstandslinie: Wir sind besser als die Umfragen, Laschet wird Bundeskanzler, wir stehen.“ Auch er nehme zwar Skepsis und Schwankungen in der Wählerschaft wahr – etwa bei jungen Leuten, die mehr Klimaschutz fordern und in Teilen der Landwirtschaft, die sich schutzlos Angriffen ausgesetzt sehe. Trotzdem werde es am Ende für den Regierungsauftrag reichen, sagt Huber. Auch wenn der Wahlkampf nicht einfach sei: „Die Mobilisierung ist unser größtes Problem, es fehlen die traditionellen Versammlungen und der Online-Wahlkampf erreicht viele nicht“, sagt Huber.

Doch davon, im Wahlkampf jetzt „plump“ oder „krasser“ zu werden, vielleicht sogar persönliche Angriffe gegen die Mitbewerber zu starten, hält Erich Irlstorfer gar nichts. „Ich warne alle, die jetzt überlegen, um sich zu schlagen“, sagt der CSU-Bundestagsabgeordnete für den Landkreis Freising, der auch diesmal wieder als Direktkandidat antritt. Einfach Laschet den Schwarzen Peter zuzuschieben, widerstrebt Irlstorfer ebenfalls. „Da ist nie eine Person allein schuld.“ Er glaube vielmehr, dass man in der gesamten Union bestimmte Entwicklungen unterschätzt oder nicht gesehen habe.

Am Wochenende will sich die CSU auf ihrem Parteitag in Nürnberg für die Wahlkampf-Endphase einschwören. Im Leitantrag wird die glorreiche Vergangenheit der Union beschworen – von Adenauer über Kohl bis hin zu Merkel – und dann ausgiebig vor einem Linksrutsch gewarnt, der nur mit einer starken CSU zu verhindern sei. Das dürfte auch der Kern der Rede sein, mit der Markus Söder am Freitag seine Partei mitreißen möchte. Am Samstag spricht dann Armin Laschet. (hor,lf, sb, va, zz)

Rubriklistenbild: © Sven Simon/imago

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