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Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen steht im Kreuzfeuer der Kritik. Foto: Michael Kappeler/Archiv

Scharping: "Hexenverbrennung"

Streit um Wehrmachtserbe der Bundeswehr schlägt hohe Wellen

Wie viel Wehrmacht steckt noch in der Bundeswehr? Die Verteidigungsministerin will das Traditionsverständnis in der Truppe auf den Kopf stellen. Damit schieße sie übers Ziel hinaus, sagen Kritiker. Sogar von Hexenverbrennung ist die Rede.

Der Umgang der Bundeswehr mit der Wehrmacht hat heftige Gegenreaktionen ausgelöst. Der ehemalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) bezeichnete das Abhängen eines Bilds des 2015 gestorbenen Altkanzlers Helmut Schmidt in Wehrmachtsuniform als „empörend“ und sprach von einer „bildstürmerischen Aktion“. „Hexenverbrennung hätte man das früher wohl genannt“, schrieb Scharping in einem Gastbeitrag für die Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (Dienstag).

Im Zuge der Affäre des unter Terrorverdacht stehenden rechtsextremen Oberleutnants Franco A. lässt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) Kasernen auch nach Andenken an die Wehrmacht durchsuchen. Bis zum Dienstag sollten alle Liegenschaften durchkämmt sein. An diesem Mittwoch will die Ministerin die Mitglieder des Verteidigungsausschusses informieren.

Auch CSU-Politiker wehren sich dagegen, jedes Andenken an die Wehrmacht und ihre Soldaten zu verurteilen. Politischer Missbrauch der Wehrmacht durch die Nationalsozialisten dürfe nicht zu einer „Pauschalverurteilung“ führen, schrieb der Justiziar der Unionsfraktion im Bundestag, Hans-Peter Uhl, in einem Gastbeitrag für den „Münchner Merkur“ (Dienstag). „Dies fordert die Achtung gegenüber unseren Vätern und Großvätern.“

Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer (CSU) sagte dem „Münchner Merkur“, Millionen Deutsche bewahrten Fotos ihrer Väter in Wehrmachtsuniform auf. Diese seien „unter der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten eingezogen“ worden. „Eine pauschale Verurteilung ihrer Väter empfinden viele Deutsche als ungerecht.“

Als Zeichen für einen neuen Umgang der Bundeswehr mit ihrer Tradition will von der Leyen auch die Namensgebung von Kasernen auf den Prüfstand stellen. Die Truppe müsse nach innen und außen klar signalisieren, dass sie nicht in der Tradition der Wehrmacht stehe. Mehr als 20 Kasernen sind heute noch nach Männern benannt, die einst in der Wehrmacht gedient hatten.

Seit 1995 sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums bereits 16 Kasernen umbenannt worden. 1995 wurde etwa nach heftigem öffentlichen Streit aus der Generaloberst-Dietl-Kaserne in Füssen die Allgäu-Kaserne.

Die Umbenennung von Bundeswehrkasernen soll nach dem Willen der Regierung von den Soldaten vor Ort angestoßen werden. Sie könnten grundsätzlich mit Zustimmung des Verteidigungsministeriums nach bereits verstorbenen Persönlichkeiten der Geschichte, nach Landschaften, Regionen, Gemarkungen sowie nach Truppengattungen benannt werden. Bei der Beurteilung von Persönlichkeiten der Militärgeschichte zähle nicht nur die soldatische Haltung und militärische Leistungen, sondern die Persönlichkeit und das gesamte Verhalten seien ausschlaggebend.

Die Debatte über die Namen der Bundeswehrkasernen ist nach Ansicht des Militärhistorikers Jochen Böhler überfällig. „Bisher ist das nur sehr langsam und mühselig vonstattengegangen“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Böhler sagte, die Wehrmacht als Institution sei zwar nicht traditionsbildend für die Bundeswehr. Aber es gebe Soldaten, die gegen den Strom geschwommen seien. So habe der Wehrmachtsoffizier Wilm Hosenfeld dem polnisch-jüdischen Musiker Wladyslaw Szpilman im Warschauer Ghetto das Leben gerettet. „Eigentlich müsste eine sehr prominente Kaserne nach ihm benannt sein.“

Böhler hatte Verteidigungsministerin von der Leyen bereits 2014 gemeinsam mit 30 deutschen und internationalen Historikern und Gelehrten aufgefordert, die Namensgebung zahlreicher Bundeswehrkasernen zu überdenken.

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