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Der Dalai Lama spricht im Interview über die Selbstverbrennungen in seinem Heimatland Tibet und seine möglicher Rückkehr.

Interview

Dalai Lama: "Gewalt ist eine Methode von gestern"

München - Der Dalai Lama spricht im Interview über die Selbstverbrennungen in seinem Heimatland Tibet und seine möglicher Rückkehr.

Die Vorfreude ist groß. Der Dalai Lama („Ozean der Weisheit“) besucht vier Tage lang Hamburg. Der Friedensnobelpreisträger (79) wird von diesem Samstag an Vorträge halten und buddhistische Unterweisungen geben. Es geht um Mitgefühl, Toleranz und Vergebung. Wir sprachen vorab mit dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter über sein Land, wie wichtig die Liebe für die Menschen und die Religionen ist und darüber, warum er fest an eine Rückkehr in seine Heimat glaubt.

Wie ist es derzeit um die Menschenrechte in Tibet bestellt?

Sehr schwierig. Unter den chinesischen Funktionären gibt es viele Betonköpfe. Diese Hardliner glauben, alle Probleme lösen zu können durch Gewalt und Unterdrückung. Das ist unrealistisch. In Tibet wird seit 60 Jahren Gewalt angewendet. Aber mehr Gewalt bewirkt mehr Widerstand. Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass ein Umdenken einsetzt. Es wird über einen realistischeren Ansatz nachgedacht. Inzwischen jedoch leiden die Menschen in Tibet erheblich. Nicht im Sinne von Hunger oder ähnlicher Not, sondern psychisch. Deshalb die Selbstverbrennungen.

In den vergangenen drei Jahren haben sich über 100 Tibeter durch Selbstverbrennung umgebracht. Wie stehen Sie dazu?

Das ist traurig. Diese Aktionen sind dramatisch und drastisch. Ich weiß nicht, wie sehr dies die Betonköpfe beeinflusst. Es gibt mehr Wut, mehr Unterdrückung, und in einigen Fällen werden Familienmitglieder verhaftet. Das ist ein heikles politisches Thema. Ich habe mich seit 2011 aus der polititschen Verantwortung zurückgezogen. Außerdem manipulieren die politischen Hardliner in China alles, was ich sage. Die halten mich für einen Dämon. Deshalb müssen sie dem Dämon jedes Wort im Mund herumdrehen. Ich schweige lieber.

Die meisten dieser Selbstmorde wurden von Mönchen begangen. Wird Selbstmord im Buddhismus toleriert?

Das hängt von der Motivation ab. Diese Aktionen sind getragen von Zorn und Hass.

In vielen Ihrer Vorträge verwenden Sie das Wort Achtsamkeit. Warum ist sie wichtig?

Den materiellen Werten wird zu viel Bedeutung beigemessen. Wir müssen unsere mentalen Belastungen, Stress, Furcht, Ängste oder Frustration überwinden. Deshalb brauchen wir eine tiefere Ebene des Denkens. Das verstehe ich als Achtsamkeit, also das tiefgründige Denken und Fühlen. Das ist unabhängig davon, ob jemand gläubig oder ungläubig ist. Einige unserer Gefühle zerstören nicht nur den Seelenfrieden, sondern schlussendlich auch unsere Gesundheit. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Seelenfrieden für die Gesundheit wichtig ist. Diesen Wissenschaftlern zufolge fressen Zorn, Hass und Angst unser Immunsystem auf. Deshalb ist ein ruhiger Geist so außerordentlich wichtig.

Was ist der Grundgedanke aller Religionen?

Die Liebe! Keine Frage. Menschen glauben an Gott, den Schöpfer, sie praktizieren Liebe. Viele christliche Brüder und Schwestern widmen ihr Leben der Hilfe anderer, besonders der Armen. All dies ist das Ergebnis der Lehre der Liebe. In der Philosophie gibt es keine großen Unterschiede zwischen den Religionen. Zumindest ich bin der Meinung, dass die unterschiedlichen philosophischen Ansichten nur unterschiedliche Methoden darstellen, unterschiedliche Ansätze zur Förderung von Liebe. Der Kern aller Religionen ist die Liebe.

Vor 100 Jahren erlebte die Menschheit den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der 17 Millionen Opfer forderte, gefolgt vom Zweiten Weltkrieg mit 50 Millionen. Glauben Sie, dass man aus diesen Katastrophen gelernt hat?

Sicher. Ich glaube, dass die Menschen, besonders die Europäer, wissen, was Krieg bedeutet. Viele ältere Menschen erinnern sich noch daran, wie zerstörerisch das war. Und ähnlich so in Japan. Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen: den Irak-Krieg. Dagegen gab es Demonstrationen von Aus-tralien bis nach Amerika, aber auch in Deutschland und Frankreich. Jetzt scheint der Mensch an Reife zu gewinnen. Das Bedürfnis nach Frieden beziehungsweise die Ablehnung von Gewalt ist stark. Jetzt reicht es nicht mehr aus, den Menschen zu sagen, dass wir Gewalt ablehnen und Frieden wollen. Wann immer wir auf Probleme stoßen oder wirtschaftliche Konflikte entstehen, oder auch im Fall von religiösen Differenzen, müssen wir darauf hinwirken, dass die einzig wahre Methode der Dialog ist. Ich sage oft: das vergangene Jahrhundert war das Jahrhundert der Gewalt. Unser 21. Jahrhundert sollte das Jahrhundert des Dialogs sein.

Was ist das wichtigste Ziel für die junge Generation in der Zukunft?

Ich glaube, dass wir beide, lieber Freund, also die Generation des 20. Jahrhunderts, jede Menge Probleme geschaffen haben. Jetzt muss die Generation des 21. Jahrhunderts diese Probleme lösen. Auf friedliche Weise, im Dialog. Die Vergangenheit ist vergangen. Manchmal, glaube ich, stehen wir vor demselben Problem: Unser Gefühl befiehlt uns dann, das Problem mit Gewalt zu lösen. Das muss sich jetzt ändern. Auf Familienebene, Gemeindeebene, nationaler Ebene sowie internationaler, globaler Ebene. Ich denke, dass wir dies hauptsächlich durch Bildung erreichen können. Gewalt ist eine Methode von gestern.

Sind Sie optimistisch, was die langfristige Beziehung zwischen China und Tibet angeht?

Ja, optimistisch. Sehen Sie, wir haben 1000 Jahre lang als Nachbarn gelebt. Manchmal in der Vergangenheit war das Verhältnis sehr freundlich, zum Beispiel durch Heirat oder aus anderen Gründen. Und manchmal wurde gekämpft. Ich meine, dass im siebten oder achten Jahrhundert Tibet in China eingefallen ist – einfach so. Die Vergangenheit ist vergangen. Nein, ich sehe eine neue Entwicklung: Die buddhistische Bevölkerung in China zählt 400 Millionen Menschen. Dementsprechend schätzen viele chinesische und japanische Buddhisten unser Wissen. Wir haben bemerkt, dass in den vergangenen drei oder vier Jahren in China 1000 Artikel von Chinesen auf Chinesisch geschrieben wurden. Alle unterstützen unseren Ansatz. Sie stehen der Politik ihrer eigenen Regierung sehr kritisch gegenüber. Das ist meiner Meinung nach ein deutliches Zeichen dafür, dass viele Chinesen auf unserer Seite sind. Während der letzten zwei, drei Jahre traf ich mehrere tausend Chinesen. Viele zeigten sich ernsthaft besorgt über Tibet und mit uns solidarisch. Außerdem werden die obersten politischen Führer, wie ich bereits sagte, realistischer. Auch kommunistische Führer sprechen jetzt positiv über den Buddhismus. Das ist neu, die Dinge ändern sich also.

Beten Sie auch für die kommunistischen Führer in Peking?

Natürlich, das sind auch Menschen. Auch sie streben nach einem glücklichen Leben. Besonders die, die Ärger in sich tragen, die Tibet und mir gegenüber negativ eingestellt sind, für sie bete ich besonders.

Sehen Sie eine Chance für eine Rückkehr nach Tibet?

Aber ja, lieber Freund, die Dinge ändern sich. Wenn ich dieses Jahr sterben sollte, dann sehe ich Tibet nicht mehr. Aber wenn ich noch 5, 10, 15 oder 20 Jahre lebe, dann bestimmt.

Das Gespräch führte Franz Alt

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