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Der Tatort: Das Geschäft von Habil Kilic in Ramersdorf.

NSU-Prozess: „Das Blut strömte aus ihm heraus“

München – Im NSU-Prozess schildern zwei Zeugen, wie sie den sterbenden Habil Kilic in seinem Münchner Lebensmittelgeschäft fanden.

Nuran K.will eigentlich nur ein Brot kaufen, als sie am 29. August 2001 in das Lebensmittelgeschäft von Habil Kilic kommt. In dem kleinen Laden an der Bad-Schachener-Straße im Münchner Stadtteil Ramersdorf ist niemand zu sehen, die Stammkundin wundert sich. Sie ruft nach dem 38-Jährigen – und hört nur ein blubberndes Geräusch. Sie glaubt, es kommt von der Kaffeemaschine. Doch als sie sich auf die Zehenspitzen stellt, um in die Küche zu schauen, macht sie eine grauenvolle Entdeckung: Hinter dem Tresen liegt Habil Kilic. „Er war voller Blut“, erinnert sich die 46-jährige Türkin gestern im NSU-Prozess. Das Geräusch, an das sie sich bis heute erinnert, war das Röcheln des sterbenden Mannes.

Im Verfahren gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Unterstützer des Nationalsozialistischen Untergrunds ging es am gestrigen Mittwoch ausschließlich um den Tod von Habil Kilic, der als viertes Mordopfer der Terrorzelle gilt. Mit zwei Kopfschüssen sollen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ihn hingerichtet haben. Der türkische Kleinunternehmer hatte keine Chance – ein Projektil durchschlug sein Gehirn. „Diese Verletzung hätte er nicht mal dann überlebt, wenn ein neurochirurgisches OP-Team daneben gestanden hätte“, sagte der Rechtsmediziner, der Kilic obduzierte, vor Gericht. Laut Anklage betraten Mundlos und Böhnhardt den Laden und feuerten sofort – durch eine Plastiktüte, in der sie die Waffe versteckten.

Als Nuran K. den Sterbenden fand, war von den Tätern nichts mehr zu sehen. In diesem Moment kam auch Holger H. (48) zum Laden, ein Postbote. Die Kundin erzählte ihm panisch von dem verletzten Inhaber. H. wollte Erste Hilfe leisten. Wie eine „verdrehte Marionette“ habe Habil Kilic dort in einer riesigen Blutlache gelegen, schilderte er gestern vor Gericht. „Mir fiel gleich auf, dass es nach Schießpulver riecht.“ Ihm sei direkt klar gewesen, dass es sich um „eine ernste Sache“ handelt. „Es war eine grausige Situation. Das Blut strömte aus ihm heraus.“ Nuran K. hatte in der Zwischenzeit die Polizei in der nahe gelegenen Wache alarmiert, ein Beamter tastete den Kopf des Opfers ab. Holger H. glaubte noch, dass Habil Kilic vielleicht gestürzt sei. „Als der Polizist dann ,Kopfschuss‘ sagte, war ich baff.“

Offenbar musste auch ein Kind die Situation mit ansehen: Der Postbote erinnert sich, dass er einen Buben oder ein Mädchen aus dem Laden schickte. Das Kind habe das Opfer angestarrt und sich nicht mehr bewegt. „Ich wollte nicht, dass es sieht, wie der Mann stirbt.“ Aus den Akten geht hervor, dass es sich dabei um den damals etwa achtjährigen Sohn von Nuran K. handeln könnte. Sie hatte der Polizei gesagt, sie sei mit ihrem Sohn beim Arzt gewesen, weil er immer von dem „blutigen Gesicht“ träume. Nun vor Gericht konnte sich die Mutter daran jedoch nicht erinnern: Ihr Sohn sei zwar vor dem Laden gewesen, „aber er hat nichts gesehen“.

Nach der Tat sei im Viertel viel über die möglichen Hintergründe geredet worden, sagte Nuran K. Die Polizei hatte damals untersucht, ob Habil Kilic Verbindungen zur organisierten Kriminalität hatte. Doch wer die Familie kannte, habe immer gesagt, dass das nicht sein könne: „Er war ein lieber Mensch.“

Ann-Kathrin Gerke

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