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Seite an Seite im Kampf gegen die Krise: Europas mächtigste Staats- und Regierungschefs im Berliner Bundeskanzleramt bei ihrem Treffen zur Vorbereitung des Welt-Finanzgipfels.

Krisen-Gipfel in Berlin

"Das ist die letzte Chance"

Berlin - Die sechs größten Wirtschaftsmächte Europas fordern schärfere Gesetze für die internationalen Finanzmärkte. Gastgeberin Angela Merkel und ihre Amtskollegen geben sich betont optimistisch.

Hinter den Kulissen des Kanzleramtes jedoch kursieren dramatische Szenarien.

Als der französische Präsident Sarkozy und der britische Premier Brown am Bundeskanzleramt vorfahren, ist ein Großteil der Tagesordnung bereits abgehakt. Regierungsberater haben die Nacht durchgemacht und das offizielle Abschlussdokument längst geschrieben. Am Sonntagmittag geht es mehr um die Symbolik, die Bilder: Harmonie, Zuversicht und Entschlossenheit soll dieser Sondergipfel ausstrahlen. Küsschen rechts, Küsschen links - sechsmal wiederholt Angela Merkel ihr Begrüßungsritual, dann sind auch die restlichen Herren eingetroffen.
Seit dem ersten Gipfel der G-20-Staaten im November in Washington arbeiten die führenden Industrienationen mit Hochdruck an neuen Regeln für die internationalen Finanzmärkte. Das Ziel: eine neue Ordnung, die verhindert, dass sich die aktuelle Finanzkrise jemals wiederholt. Am 2. April treffen sich die 20 führenden Industrie- und Schwellenländer wieder - in London sollen dann endlich Entscheidungen fallen.

Merkel fordert von Europa "eine gemeinsame und kraftvolle Position". Damit keiner der EU-Partner aus der Reihe tanzt, hat die Kanzlerin ihre wichtigsten Amtskollegen nach Berlin gebeten: Neben Nicolas Sarkozy und Gordon Brown erscheinen die Regierungschefs Silvio Berlusconi (Italien), Jean Claude Juncker (Luxemburg), José Zapatero (Spanien) und Jan Peter Balkenende (Niederlande) sowie EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und EU-Ratspräsident Topolanek.

Was die offizielle Tagesordnung betrifft, sind sich die Europäer schnell einig: "No blind spots", lautet ihre Forderung an die G 20 - "keine weißen Flecken auf der Landkarte". Jedes Finanzprodukt und jeder Finanzdienstleister auf der Welt, Banken, Hedge-Fonds und auch Rating-Agenturen, sollen in Zukunft lückenlos überwacht werden. Zudem drängt die EU auf eine Ächtung des Protektionismus. Es sei fatal, wenn etwa Amerika neue Mauern gegen ausländische Produkte errichte. "Eine Abschottung der Märkte wird die Krise nur verschärfen", warnt Barroso. Auch Steueroasen sagt Europa den Kampf an: Wer sich der internationalen Zusammenarbeit verweigere, dem müssten Sanktionen drohen, fordert Merkel. Sie lässt bereits Listen erarbeiten über die Sünder, nennt aber keine Namen. Doch jeder weiß, wer gemeint ist: Finanzplätze wie Dubai, Liechtenstein, Monaco oder die Schweiz.

Auch wenn es an einigen Stellen noch "hakt und klemmt", wie ein Unterhändler einräumt - die Runde will, dass schnell gehandelt wird. Sarkozy sieht den Weltfinanzgipfel in London als "letzte Chance - einen Misserfolg können wir uns da nicht leisten". Bei der Diskussion um schärfere Gesetze für die Finanzmärkte gehe es "um die Neugründung des gesamten Systems".

Mit großer Sorge blickt die EU nach Ungarn und Lettland: Beide Länder wurden mit Milliardenhilfen gerade noch rechtzeitig stabilisiert. Doch in den vergangenen Tagen verstärkten sich die Anzeichen, dass möglicherweise weitere EU-Mitglieder auf eine Staatspleite zusteuern könnten. Rating-Agenturen haben auch die Kreditwürdigkeit von Griechenland, Spanien und Portugal herabgestuft - Estland, Litauen, Rumänien und Bulgarien sind ebenfalls Krisenkandidaten.

Das Thema steht beim Berliner Treffen nicht auf der Tagesordnung, doch es ist allgegenwärtig. Kommissionspräsident Barroso wiegelt ab: "Wir sind bereit, mit jeder Schwierigkeit fertig zu werden." Die EU habe die Krise besser bewältigen können als andere Währungsräume. Auch der Vorsitzende der Euro-Gruppe, Juncker, weist die Befürchtungen zurück: "Ich sehe nicht das Risiko, dass ein Mitglied der Eurozone zahlungsunfähig wird." Auf Nachfrage erklärt Juncker, zumindest gebe es "keine unmittelbare Gefahr".

Holger Eichele

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