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Peter Scholl-Latour

Nahost-Experte über Ägypten

Scholl-Latour: „Militär hat Macht nie aufgegeben“

München – Über die Lage in Ägypten und die Entmachtung von Präsident Mursi sprachen wir mit dem Publizisten und Nahost-Experten Prof. Dr. Peter Scholl-Latour.

Wollten die Militärs mit dem Putsch und der Absetzung Mursis eine weitere Eskalation verhindern oder steckt mehr dahinter?

Sie fürchteten, ihre ungeheuren Privilegien zu verlieren. Außerdem drohte Ägypten angesichts der steigenden Preise in Armut und Chaos zu versinken. Aus mehreren Orten wurden bereits Hungersnöte gemeldet, weil die Leute Lebensmittel und Wasser nicht mehr bezahlen konnten.

Ist eine Militärdiktatur zu befürchten?

Das Militär hat vom ersten Aufstand auf dem Tahrir-Platz an die Macht in Händen gehalten und es war nie bereit, sie aufzugeben. Das heißt, dass eine Militärdiktatur de facto bereits existierte. Ein Beweis dafür ist, dass nicht ein Zivilist die Absetzung Präsident Mursis bekanntgegeben hat, sondern der Verteidigungsminister und Militärchef Al-Sisi.

Droht den Muslimbrüdern ein Schicksal wie zu Zeiten Mubaraks?

Das wäre ja noch vergleichsweise harmlos. Mubarak hat darüber gewacht, dass die Bruderschaft nicht an die Macht kam, sie in einzelnen Bereichen aber sogar geduldet. Am schlimmsten war die Verfolgung unter Gamal Abdel Nasser nach einem Attentatsversuch. Viele Muslimbrüder landeten in Gefängnissen und ihr Chefideologe Sayid Qutb wurde gehenkt.

Muss man nun mit einer Radikalisierung der Bruderschaft rechnen?

Ja, das muss man. Offen ist allerdings, ob diese Radikalisierung ausreicht, um wie in anderen Ländern einen Bürgerkrieg auszulösen.

Sie denken dabei an Algerien?

Richtig. Dort hatte 1991 die islamische Heilsfront die Wahlen mit klarem Vorsprung gewonnen. Die Front war keine Terrororganisation, sondern eine starke islamische Partei. Der Putsch des Militärs hat einen zehnjährigen grausamen Bürgerkrieg ausgelöst, der mehr als 150 000 Todesopfer forderte.

Ist ein derartiger Krieg in Ägypten möglich?

Schwer zu sagen. Die Algerier haben ein wesentlich raueres und kriegerischeres Temperament als die Ägypter. Hinzu kommt das bergige Hinterland Algeriens, das sich für einen Guerillakrieg gut eignet. In Ägypten hingegen konzentriert sich alles auf den schmalen und flachen Schlauch des Niltals, der leichter zu kontrollieren ist.

Ägypten: Tote bei Straßenkämpfen

Ägypten: Tote bei Straßenkämpfen

Ist Interims-Präsident Adli Mansur eine Marionette der Militärs?

Er steht dem Militär jedenfalls sehr nahe – näher als der anderen Seite. Aber auch ihn werden die Generäle nur dulden, solange er das tut, was sie wollen.

Sind in absehbarer Zeit Neuwahlen zu erwarten?

Da bin ich überaus skeptisch. Und selbst wenn, dann wird dies erst in einem Jahr der Fall sein. Bis dahin könnte die Unzufriedenheit im Land und die Wut auf die jetzigen Mächtigen so groß werden, dass die Muslimbrüder erneut die Mehrheit bekommen könnten. Und dann dürfte das Militär erneut handeln.

Anlässlich seines 90. Geburtstages gab Peter Scholl-Latour dem Münchner Merkur noch ein großes Interview.

Interview: Werner Menner

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