Eine Studentin sitzt im leeren Audimax der LMU.
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Helena Schneiderhan, 18, im leeren Audimax der Ludwig-Maximilians-Universität. Hier wird sie vorerst keine Kommilitonen treffen. Das Semester findet online statt – Helena wird über ihr Laptop studieren.

Wie Studenten in das Corona-Wintersemester starten

„Das Uni-Gefühl fehlt einfach“

Wegen der Corona-Pandemie findet das Wintersemester komplett digital statt. Drei Studenten erzählen, was das für sie bedeutet

Veronika Stotter, 18

Veronika Stotter ist für ihr Chemie-Studium an der Technischen Universität in München extra nach Freising gezogen. Das war keine leichte Entscheidung für die 18-Jährige – oft habe sie daran gedacht, in diesem Wintersemester lieber daheim in Tirol zu bleiben und sich die Miete zu sparen. „Online kann ich ja von überall studieren“, sagt die Chemiestudentin. „Ich habe sogar mit dem Gedanken gespielt, den Studienbeginn um ein Jahr nach hinten zu verschieben und stattdessen eine Praktikumsstelle oder einen Job zu suchen.“ Aber auch das wäre in der Corona-Krise nicht einfach geworden. Mittlerweile sagt die junge Österreicherin aber: „Ich freue mich trotz der speziellen Situation extrem aufs Uni-Leben.“

Anschluss hat Veronika immerhin in ihrer neuen WG bei ihren vier Mitbewohnern gefunden. Sie hofft jetzt, trotz des Online-Studiums Kontakte zu Kommilitonen zu knüpfen. „Ich denke, das wird schon klappen“, sagt sie. Schließlich plagen alle Erstsemester die gleichen Sorgen. „Die Leute sind dieses Jahr bestimmt besonders offen dafür, andere in ihrem Studiengang kennenzulernen.“

Dass der Unterricht online stattfindet, ist für sie an sich kein Problem. „Ich glaube, dass Online-Sessions sogar wirksamer sein können, weil man individueller lernen kann.“ Zwischen den Lerneinheiten joggt Veronika am liebsten quer durch die Stadt oder ratscht mit ihren Mitbewohnern. Und ein paar ihrer Studienkollegen konnte sie schon virtuell beschnuppern.

Veronika Stotter, 18, ist optimistisch. Immerhin hat die Österreicherin in ihrer Wohngemeinschaft in Freising Anschluss gefunden. 

Louis Macknow, 19

Im Pyjama zu studieren – das hätte sich Louis Macknow vor einem Jahr noch nicht vorstellen können. Für ihn ist es das dritte Semester an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), wo er Geschichte studiert. Louis Macknow wohnt in München, wo die Wege eigentlich kurz sind. Seine Kommilitonen aber hat er seit über einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Und das wird wegen der Pandemie erst einmal so bleiben.

Bisher hatte der 19-Jährige erst ein einziges normales Semester. Seit März studiert er eigentlich nur noch über sein Laptop. „Der persönliche Kontakt fehlt halt einfach total“, erzählt Louis wehmütig. Online-Plattformen seien dafür kein richtiger Ersatz.

Was hinzu kommt: „In meinem Präsenzsemester war ich viel motivierter.“ Jeden Tag muss er sich aufraffen, um zu Hause auch wirklich zu lernen – denn die Vorlesungen werden aufgezeichnet, sodass er sie sich jederzeit anschauen kann. „Das ist schon viel Eigenverantwortung“, sagt der Geschichtsstudent. Manchmal habe er das Lernen ein bisschen zu lange vor sich hergeschoben – daheim gebe es einfach zu viele Ablenkungen. Seine Hoffnung: etwas mehr Unterricht-Routine in diesem Semester.

Louis findet aber nicht alles schlecht am virtuellen Studium. Bei manchen Dozenten sei es ohnehin bitter nötig gewesen, dass endlich digitaler Unterricht eine größere Rolle spielt, findet er. Die Pandemie hat Studenten und Dozenten keine andere Wahl gelassen – man muss mit Videokonferenzen und Online-Lernplattformen klarkommen. Außerdem spart sich Louis nun die Fahrt zur Uni. Bedeutet: Er kann ein Viertelstündchen vor Seminarbeginn aufstehen. Auch die Prüfungen haben sich verändert: „Statt Klausuren können wir jetzt daheim Essays oder Hausarbeiten schreiben“, erzählt der 19-Jährige. „Vielleicht ist das jetzt ein Schritt in Richtung Zukunftsstudium.“

Helena Schneiderhan, 18

Die 18-Jährige Helena ist ein Erstsemester. Sie wohnt in München und studiert an der Ludwig-Maximilians-Universität Biologie. Eigentlich wollte sie nach dem Abitur für ein Jahr ins Ausland. „Ich sollte jetzt gerade in Australien sein“, erzählt sie enttäuscht. Aber nicht nur ihre Reisepläne hat die Pandemie durchkreuzt. Um vor dem Studium einen Eindruck von mehreren Berufsfeldern zu bekommen, wollte sie verschiedene Praktika machen: „Aber auch die sind jetzt nur eingeschränkt möglich.“

Damit sie sich zu Hause nicht „komplett langweilt“, hat sich Helena dazu entschlossen, doch schon dieses Jahr mit dem Studium zu beginnen. Die höchsten Erwartungen hat sie dabei an sich selbst: „Ich hoffe, dass der Reiz, etwas tun zu wollen, möglichst lange anhält. Ich möchte die Zeit nutzen und motiviert bleiben.“ Beim Online-Semesterstart hatte sie gemischte Gefühle: „Man kann sich leider nicht so sehr freuen. Es war echt ernüchternd. Das Uni-Gefühl fehlt einfach. Dennoch bin ich auf diesen neuen Lebensabschnitt sehr gespannt.“

Das Online-Semester ist in ihren Augen das Beste, was man aus der Situation machen kann. „Ich glaube, ich werde sogar mehr lernen, auch wenn sich das zunächst vielleicht komisch anhört“, sagt Helena und schmunzelt. „Es gibt ja auch kaum Freizeitaktivitäten oder andere Ablenkungen.“ Helena kann sich sogar vorstellen, dass die Noten in diesem Semester besser ausfallen werden.

Damit sich die Studienanfänger trotz der erschwerten Umstände näher kennenlernen, wurde eine Whatsapp-Gruppe gegründet. Anstelle von Online-Telefonaten aus Australien mit der Familie gibt es in diesem Jahr nun eben Textnachrichten mit Kommilitonen aus aller Welt.

Anna Tratter

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