Vural Ünlü,Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Bayern.

Debatte um NSU-Prozess

„Das Verhältnis hat einen Knacks bekommen“

München - Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Bayern Vural Ünlü spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über die Debatte um den NSU-Prozess.

Herr Ünlü, vor ein paar Tagen haben Sie gesagt, Sie glauben, dass das Gericht noch eine gute Lösung finden wird. Glauben Sie immer noch dran?

Leider nicht. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl hat eine absolute Blockadehaltung eingenommen, deshalb schwinden die Hoffnungen. Einige türkische Medien versuchen jetzt noch auf die Schnelle über das Bundesverfassungsgericht eine Lösung zu erreichen.

Warum ist es so wichtig für die in Deutschland lebenden Türken, dass auch türkische Medien direkt aus dem Gerichtssaal berichten können?

Meiner Meinung nach gibt es ein moralisches Recht auf eine muttersprachliche Berichterstattung – auch wenn das wohl nicht formal in einem Gesetz festgeschrieben ist. Oft hapert es gerade bei den älteren in Deutschland lebenden Türken an den Deutschkenntnissen. Das kann man kritisieren, aber es ist nun mal eine Realität. Zudem sehe ich eine Berichterstattung aus einer anderen Perspektive und Sprache als eine informative Bereicherung für die hier lebenden Deutsch-Türken, auch wenn sie perfekt Deutsch sprechen.

Wie hat die türkische Gemeinde die Debatte aufgenommen?

Mit Unverständnis. Die Vorbereitungen auf den Prozess sind zur Zeit das bestimmende Gesprächsthema unter den Türken in Bayern. Natürlich wird die Debatte von einigen türkischen Medien auch aufgeputscht, weil sie sich zu Recht düpiert fühlen. Die türkischen Journalisten waren zu spät dran bei der Akkreditierung, ganz klar. Aber man muss auch sehen, dass die meisten türkischen Korrespondenten in Berlin sitzen und nicht so enge Beziehungen zum Gericht haben wie regionale Medien.

In türkischen Medien wird nun angezweifelt, dass das Verfahren insgesamt fair ablaufen wird. Geht das nicht zu weit?

Ja, das geht zu weit. Das Gericht ist juristisch mit Herrn Götzl extrem gut besetzt. Es ist auch gut, dass München den Zuschlag für den Prozess bekommen hat, hier ist das höchste Strafmaß zu erwarten.

Das Misstrauen ist inzwischen groß. Auch nach zwei Bränden, von denen Türken betroffen waren, wurden sofort Verdächtigungen laut.

Das muss man im Kontext der vielen Brandanschlägen mit eindeutigem Neonazi-Hintergrund in der Vergangenheit sehen. Bei einigen türkischen Politikern würde ich mir mehr Besonneheit wünschen, wenn es um schnelle Vorverurteilungen geht.

Werden die Vorfälle politisch instrumentalisiert?

Ja, das ist in einigen Ausnahmefällen geschehen. Das ist in der Türkei nicht anders als in Deutschland oder anderswo. Wo Emotionen regieren, sehen auch Politiker ihre Chance, das zu nutzen.

Alles zum NSU-Prozess in München finden Sie hier!

Was bedeutet all das für das Verhältnis zwischen Türken und Deutschen?

Es hat einen Knacks bekommen. Nach den großen Ermittlungspannen gibt es jetzt kleinere Justizpannen. Damit wird eine Chance vertan, das Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat zurückzugewinnen. Aber ich glaube nicht, dass das Verhältnis nachhaltig beschädigt ist.

Interview: Philipp Vetter

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