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Interview mit Reinhold Schnabel

Rentenexperte nennt WDR-Prognose über Altersarmut „Unfug“

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Duisburg - Immer mehr Senioren droht laut Recherchen des WDR die Altersarmut. Rentenexperte Reinhold Schnabel erklärt im Interview, warum er nicht daran glaubt.

Den Rat des Rentenexperten Reinhold Schnabel hat auch die Bundesregierung schon gesucht. Im Gespräch mit unserer Zeitung, erklärt er die Fehler, die die Politik in seinen Augen in der Vergangenheit gemacht hat, und warum er nicht glaubt, dass Deutschland in der Zukunft in kollektiver Altersarmut versinkt.

Der WDR hat recherchiert, jedem zweiten Deutschen drohe die Altersarmut. Ist die Lage wirklich so dramatisch?

Reinhold Schnabellehrt an der Universität Duisburg.

Reinhold Schnabel: Das ist vollkommener Unfug, die Rechnung stimmt hinten und vorne nicht. Man kann doch nicht einfach nur die Ansprüche an die gesetzliche Rente ansehen. Man muss verstehen, dass viele dieser Renten an Beamte gehen oder an Selbstständige, die noch eine andere Versorgung haben. Viele dieser Mini-Renten werden einfach nur ein zusätzlicher Beitrag zur Altersvorsorge von Leuten sein, die insgesamt sehr gut abgesichert sind.

Was ist denn mit den Geringverdienern?

Schnabel: Wir haben doch heute auch schon ehemalige Geringverdiener unter den Rentnern und ein durchschnittliches Rentenniveau von nur ungefähr 850 Euro. Trotzdem sind nicht 30 oder 40 Prozent der Rentner auf Grundsicherung angewiesen, sondern nur drei Prozent.

Woher kommt das?

Schnabel: Das kommt daher, dass sehr viele Leute im Alter zusammen wohnen. Es kommen mehrere Renten, mehrere Einkommensquellen zusammen. Diese gesamte Einkommenslage der Rentner muss man betrachten. Wenn man das tut, deuten die Daten darauf hin, dass die Altersarmut in Westdeutschland in den nächsten 20 Jahren nicht steigen wird. Im Osten allerdings schon, was im Wesentlichen an den langen Arbeitslosigkeiten in den neuen Bundesländern liegt.

Das System funktioniert also?

Schnabel: Vor allem funktioniert die gesetzliche Rentenversicherung gut. Man muss deshalb genau dort ansetzen und sich überlegen, was man tun kann, um das Rentenniveau hochzuhalten. Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren genau das Gegenteil getan.

Und zwar?

Schnabel: Sie hat die Rentenversicherung geschwächt – durch die Mütterrente und durch die teilweise Rücknahme der Rente mit 67.

Was genau war daran falsch?

Schnabel: Sie hat damit die Ausgaben erhöht und die Finanzierung geschwächt. Und begünstigt wurden die, die sowieso schon etwas haben. Gerade die Rente mit 67 ist wichtig. Sie erhöht die Zahl der Beitragszahler und mindert die Zahl der Rentner. Dadurch können die Renten stärker erhöht werden, wir können uns ein höheres Rentenniveau leisten, das System wird sicherer und nachhaltiger, Armut wird vermieden.

Das System stützen sollte auch die kapitalgedeckte Riester-Rente. Um die private Vorsorge zu fördern, wurde seit 2001 das Rentenniveau stückweise abgetragen. CSU-Chef Horst Seehofer sagt nun, das Modell sei gescheitert, und will die Rückabwicklung. Hat er Recht?

Schnabel: Die Riester-Rente ist nicht gescheitert. Viele Menschen haben Verträge abgeschlossen – auch viele mit niedrigen Einkommen. Die Riester-Rente ist aber nicht das richtige Instrument, um Altersarmut zu vermeiden, sondern richtet sich an die breite Bevölkerung. Man könnte darüber nachdenken, die Riester-Rente in der Zukunft durch etwas anderes zu ersetzen.

Im Sinne Seehofers?

Schnabel: Seehofers Vorschlag läuft auf Beitrags- oder Steuererhöhungen heraus, um damit das Rentenniveau zu erhöhen. Das ist der Weg des geringen Widerstands, den ein Politiker vielleicht gerne geht.

Von der SPD kam der Vorschlag einer solidarischen Lebensleistungsrente. Ein Bonus für Menschen, die lange eingezahlt haben und trotzdem eine niedrige Rente beziehen.

Schnabel: In der Ausführung halte ich das für falsch. Wenn man das will, wäre es einfacher, geringe Renten aufzuwerten, um dem Armutsproblem zu begegnen, wie man es zuletzt mit der Rentenreform 1992 gemacht hat. Aber auch das ist eine Gießkanne. Es fördert viele Leute, die aus anderen Gründen geringe Renten haben, etwa weil sie nur teilzeitbeschäftigt waren.

Wo würden Sie denn ansetzen?

Schnabel: Wir brauchen als Grundlage eine starke gesetzliche Rentenversicherung. Die Leute werden immer älter, und sie sind dabei immer gesünder. Das Renteneintrittsalter müssen wir daran anpassen. Wir können nicht erwarten, in Zukunft einen noch längeren Lebensabend finanzieren zu können. Dazu kommt als zusätzliche starke Komponente die betriebliche Altersvorsorge. Damit bringt man am besten Menschen mit geringem Einkommen dazu, zusätzlich vorzusorgen.

Das Interview führte Sebastian Horsch

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa-tmn

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