Warum Seehofer sauer ist

Dauerzoff zwischen ZDF und Staatspartei

München/Berlin - Seehofers Sender-Schelte ist keine Hilfe für SPD-Chef Gabriel – sondern Teil einer seit 2012 andauernden Fehde mit dem ZDF.

Draußen um Horst Seehofer hat es knapp 0 Grad, er trägt keine Jacke. Drinnen in Horst Seehofer aber gärt und brodelt es. „Ist wer vom ZDF da“, fragt er in die Runde der Journalisten, die ihn auf dem Weg vom Auto zur Vorstandssitzung abgepasst haben. Egal ob wer da ist, es bricht schon aus ihm raus, minutenlang. Dass er sich beim Intendanten beschwert hat, dass die Arbeit des ZDF mit journalistischer Qualität nichts mehr zu tun habe, „absurd“ sei das.

Für Außenstehende klingt der Vorgang vom Freitag arg seltsam: Mit Verve beschwert sich Seehofer, dass das ZDF den SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel in einem Interview so hart angegangen sei. Als brauche Polit-Profi Gabriel Welpenschutz von der CSU, die ihn im Wahlkampf viel polemischer anging. Darum aber geht es Seehofer gar nicht. Sein Streit mit dem ZDF reicht tiefer.

Seit 14 Monaten ist das Verhältnis zwischen öffentlich-rechtlichem Sender und Regierungspartei zerrüttet. Auslöser ist die Anruf-Affäre des Parteisprechers Hans-Michael Strepp. Er soll das ZDF (vergeblich) bedrängt haben, nicht über einen SPD-Landesparteitag zu berichten. Öffentlich gemacht haben kann den Vorgang nur der Sender. Folge: bundesweite Schlagzeilen, Strepp musste als Sprecher zurücktreten, die Opposition rügte, Seehofer trete die Pressefreiheit mit Füßen.

Seehofer nimmt das dem Sender übel, nicht Strepp. Der Mitarbeiter ist einer seiner wichtigsten Strategen und stieg sogar weiter auf. Strepp führt derzeit als höchster CSU-Angestellter die Parteizentrale und schrieb entscheidend am Koalitionsvertrag mit. „Unser Sympathieanruf beim ZDF“, so veralbert Seehofer die Aufregung aus 2012.

Doch Sympathie fürs ZDF, die es noch bei seinem legendären „Das können Sie alles senden“-Interview gab, ist weg. Es knallt wiederholt. Beim Parteikonvent im Mai 2013 berichtet „Heute journal“-Moderator Claus Kleber, die CSU habe Steuersünder Hoeneß aus einem Video schneiden lassen. Seehofer setzt durch, dass er das in einer Folgesendung mit den Worten zurücknehmen muss, das hätte ihm „nicht passieren dürfen“. Auch macht die CSU öffentlich, dass das ZDF schon eine kritische Bilanz des Konvents aufzeichnete, als die Veranstaltung gerade begonnen hatte.

Auch mit dem Münchner ZDF-Büroleiter rummst Seehofer vor Zeugen aneinander. Der Mann übrigens schrieb später ein Buch über die CSU, zwar keinen Verriss, aber einige kernige Passagen über „Horsti, den ehemaligen Straßenbengel aus Ingolstadt“.

Am Wochenende vor Parteifreunden legt Seehofer nun nach. Ihm gehe es nicht um eine Medienschelte generell. Aber das ZDF übertreibt es in seinen Augen mit Kritik. „Wir sind keine Grundschüler, die sich täglich umerziehen lassen müssen.“

Seehofer beschwert sich häufig bei, oft auch über Journalisten, ist aber meist nicht nachtragend. Hier schon. Er will der Protest-SMS an Intendanten Thomas Bellut heute einen Brief folgen lassen. Für die Betroffenen ist die fortgesetzte Sendestörung heikel. Moderatorin Marietta Slomka, die Gabriel interviewt hatte, ist zwar parteiübergreifend für scharfe Nachfragen bekannt, sie schonte auch CDU-Chefin Merkel nicht. Doch Seehofers Macht reicht weit. Er sitzt im ZDF-Verwaltungsrat, der vor allem den Haushalt überwacht. Die Aufsichtsgremiemien der gebührenfinanzierten Sender sind politisch austariert. Eine Große Koalition hat dort eine satte Mehrheit.

Neulich schon deutete Seehofer mal an, ob die öffentlich-rechtlichen Sender vielleicht überbesetzt seien.

Von Christian Deutschländer

Rubriklistenbild: © dpa

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