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Zwei Rekruten.

Debatte über die Wehrpflicht:

Debatte über die Wehrpflicht: Zweifel von unerwarteter Seite

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Ein verpflichtendes Jahr Militärdienst oder soziale Arbeit – diese nicht ganz neue Überlegung sorgt aktuell für ausgiebige Debatten. Allerdings sind die Wohlfahrtsverbände gegen jeden Zwang.

München – Wie heiß ein Thema diskutiert wird, erkennt man besonders daran, wer sich dazu äußert. Insofern trifft die Debatte über ein verpflichtendes Dienstjahr für junge Menschen offenkundig einen Nerv. Denn egal ob Minister, Regierungssprecher, Junge Union, Sozialpolitiker oder FDP-Vorsitzende: Sie alle haben ihre teils konträren Einschätzungen abgegeben – von „unbedingt“ (Junge Union) bis „auf keinen Fall“ (Christian Lindner).

Lesen Sie auch: Haben Sie gedient oder den Kriegsdienst verweigert?

Der Anstoß kam von CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie hat die Frage nach einer modifizierten Form von Wehr- und Zivildienst an der Parteibasis oft gehört. Weil aber selbst ihre Parteikollegin und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen eine bloße Re-Aktivierung der Wehrpflicht ablehnt, will Kramp-Karrenbauer über eine „allgemeine Dienstpflicht“ diskutieren. Dieser Dienst könnte nicht nur beim Militär, sondern auch als Sozialdienst, in der Pflege, bei der Feuerwehr, im Katastrophenschutz oder in der Entwicklungshilfe geleistet werden. Von jungen Männern wie von jungen Frauen.

Bundesfreiwilligendienst in der Altenpflege: Szene aus einem Seniorenheim.

Wohlfahrtsverbände gegen Wehrpflicht

Nur: Offenbar hat Kramp-Karrenbauer die für die soziale Arbeit zentralen Wohlfahrtsverbände bisher nicht einbezogen. Der deutsche Caritasverband erklärte am Montag gegenüber dem Münchner Merkur*: „Ein sozialer Pflichtdienst ist mit nationalem und europäischem Recht nicht vereinbar. Die Freiwilligkeit ist einer Verpflichtung stets vorzuziehen.“

Ähnlich äußerte sich die Diakonie Deutschland. Man halte „weder eine gesellschaftlich-soziale Dienstpflicht noch eine Wiedereinführung der Wehrpflicht für sinnvoll“. Auch die Strukturen für derart viele neue Mitarbeiter seien nicht vorhanden. Stattdessen sollten die bestehenden freiwilligen Angebote gestärkt werden, um Menschen für soziale Berufe zu interessieren. Zur Einordnung: 2017 leisten knapp 45 000 Menschen den Bundesfreiwilligendienst.

Das Bayerische Rote Kreuz argumentiert ebenfalls in diese Richtung. Das Aus für die Idee, hunderttausende junge Menschen einen militärischen oder sozialen Beitrag für die Gesellschaft zu ermöglichen? Immerhin wäre das ein Ansatz, den viele Menschen für charmant halten, angesichts einer immer individualistischer geprägten Gesellschaft. Und dennoch: Zweifel allerorten.

CSU verhält sich zur Wehrpflicht auffallend still

Auch bei der gut 500 000 Mitglieder zählenden Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) sorgen die Pläne für wenig Begeisterung. Sprecher Achim Wiese sagte gegenüber dem Münchner Merkur, man halte sich grundsätzlich aus politischen Diskussionen heraus. Falls eine Dienstpflicht kommen sollte, „müssten wir das intern diskutieren“. Beim Technischen Hilfswerk heißt es: kein Kommentar, bitte beim übergeordneten Bundesinnenministerium nachfragen.

Auffallend still verhält sich derweil die CSU. Die Partei steckt in einem Zwiespalt. Einerseits halten viele Anhänger die Aussetzung der Wehrpflicht für einen Fehler, andererseits geht diese Aussetzung nun mal auf das Konto von CSU-Mann Karl-Theodor zu Guttenberg, dem damaligen Verteidigungsminister.

So dürften manche Wahlkampf-Strategen inständig hoffen, dass die Debatte ein zügig wieder abflauendes Sommer-Windchen bleibt. Allerdings gibt es auch etliche Befürworter der Pläne. Nicht nur quer durch alle Parteien oder beim Reservistenverband der Bundeswehr, sondern auch in den sozialen Netzwerken. Stellvertretend schreibt ein Nutzer am Montag auf Twitter: „Für mich ist der Wehr- oder Zivildienst auch keine verschwendete Lebenszeit, sondern viel mehr ein im Moment fehlender Teil der Bildung. Nämlich der der sozialen Kompetenzen.“

Hier finden Sie laufend die aktuellen Informationen zur Debatte über die Wehrpflicht in Deutschland.

Maximilian Heim

*Der Münchner Merkur ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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