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Claudia Stamm sitzt für die Grünen im bayerischen Landtag.

Claudia Stamm im Interview

„Der Begriff Herdprämie ist diffamierend“

München - Die Grünen-Politikerin Claudia Stamm fordert von der eigenen Partei, im Streit um Familienpolitik die Wortwahl zu überdenken. Im Interview gesteht sie ein, dass sie deshalb manchmal ausgeschlossen wird.

Heute ist Weltfrauentag: Die Grünen planen auf dem Marienplatz eine Veranstaltung mit Claudia Roth und Margarete Bause. Motto: „Seehofers Herdprämie war gestern!“ Da überrascht es, dass die grüne Landtagsabgeordnete Claudia Stamm in einer Pressemitteilung fordert, sich endlich von dem unseligen Begriff zu lösen. Wir haben nachgefragt.

Frau Stamm, wir sind verwirrt. Wir dachten immer, bei den Grünen besteht Einigkeit, das Betreuungsgeld als „Herdprämie“ zu bezeichnen.

Es gibt keine Einigkeit. Ich habe immer wieder in der Fraktion betont, dass ich diesen Begriff völlig falsch finde. Er spaltet: Er teilt ein in gute Mütter und schlechte Mütter. Das ist genau das, was wir der CSU vorwerfen – nur genau andersherum. Wir diffamieren dadurch jene, die zuhause bleiben und sich um ihre Kinder kümmern. Dazu ist der Begriff auch inhaltlich falsch.

Warum?

Weil das Betreuungsgeld auch bezahlt wird, wenn man arbeiten geht. Einziges Kriterium ist, ob das Kind einen Krippenplatz hat.

In Ihrer Partei haben Sie sich mit dieser Haltung aber noch nicht durchgesetzt . . .

Das würde ich so nicht sagen. Intern bekomme ich jedenfalls viel Zuspruch. Es gibt ja auch bei den Grünen Frauen, die sich entschieden haben, bei ihren Kindern zuhause zu bleiben. Man kann zuspitzen – aber dieser Begriff ist zu Recht 2007 zum Unwort des Jahres gewählt worden.

Heute findet aber auf dem Marienplatz eine große Veranstaltung zum Weltfrauentag statt. Das Wort „Herdprämie“ spielt eine zentrale Rolle.

Das habe ich erst durch die offizielle Einladung erfahren. Das war meine Pressemitteilung schon raus. Ich wusste von der Veranstaltung nichts.

Wie bitte? Sie sind die zuständige Sprecherin für Gleichstellungspolitik in der Landtagsfraktion. Ungewöhnlich, dass Sie da nicht Bescheid wussten.

Vielleicht habe ich meine Meinung zum Begriff „Herdprämie“ zu oft dezidiert kund getan und wurde deshalb nicht eingebunden. Sie mögen das ungewöhnlich finden – ich kann Ihnen das nicht erklären. Das müssen Sie die Veranstalter von Landesverband und Münchner Kreisverband fragen.

Gibt es da nur Kommunikationsprobleme mit Fraktionschefin Margarete Bause. Oder werden da generell die Ellenbogen gegen Sie ausgefahren?

Ich kann nur für mich sprechen: Am Montag fand im Landtag meine Veranstaltung zum Weltfrauentag statt, an der die Spitzenkandidatin der Grünen im Bund wie im Land teilgenommen haben. Ich versuche, alle einzubinden.

Zurück zum Frauentag: Wenn Sie den Begriff „Herdprämie“ ablehnen drängt sich die Frage auf, ob nicht die ganze Debatte um Frauen und Familie anders geführt werden muss.

Absolut. Im Jahr 2013 sollte man nicht mehr in gute und schlechte Mütter unterscheiden. Diese Debatte gibt es wirklich nur in Deutschland, und sie bringt uns keinen Schritt weiter. Sie hat auch mit der Lebenswirklichkeit der meisten Mütter wenig zu tun. Wir müssen die Ideologie aus der Diskussion herausbekommen. Tatsache ist: Hierzulande haben Frauen schlechtere Karriere- und Verdienstchancen als Männer. Das müssen wir ändern.

Viele junge Mütter arbeiten in Teilzeit. Da lässt sich leider nur schwer Karriere machen.

Deswegen plädieren wir für die Einführung einer Quote – auch wenn sie nicht das Allheilmittel ist. Aber wenn im Aufsichtsrat mehr Frauen sitzen, ändert sich die Unternehmenskultur. Das Beispiel Norwegen zeigt: Frauen fördern andere Frauen. Das könnte bei uns auch funktionieren.

Die Staatsregierung hat das Krippenbauprogramm verlängert und die Investitionen in die Kinderbetreuung erhöht . . .

Das geht in die richtige Richtung. Aber man hätte das viel früher haben können, wenn man auf uns Grüne und unsere Anträge gehört hätte.

Zusammengefasst: Mike Schier

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