+
"Der Krieg"

Filmkritik: Die ARD-Dokumentation "Der Krieg" scheitert an ihrem Anspruch

Das Grauen in Farbe

In Frankreich war die monumentale Weltkriegs-Dokumentation „Der Krieg“ ein Riesenerfolg. In Deutschland ist das Film-Epos Montag abend angelaufen. Und schon jetzt ist klar: Dieser Film, eine französische Produktion, verändert unsere Sicht auf den Zweiten Weltkrieg .

Fotos der Produktion "Der Krieg"

Artikel:

Das Dritte Reich: Der Zweite Weltkrieg in der Literatur

"Geschichte im TV ist keine Wissenschaft“

Dünkirchen 1940: Gelber Strand, graublaues Meer, braune Uniformen. Junge britische Soldaten warten auf die rettenden Schiffe. Ein Spielfilm? Nein, alles echt. Der Krieg in Farbe. Das klingt, als ginge es um den Hang zum Komparativ, um den Wunsch nach Steigerung, als würde jemand sagen, der Krieg jetzt in High Definition, in besserer Auflösung.

Die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte sind in der dokumentarischen Aufbereitung bisher vor allem schwarz-weiße Kapitel gewesen. Die Bilder wirkten wie aus einer anderen Zeit, für Nichtbetroffene irgendwie und glücklicherweise fern. Schwarz-weiß schaffte Distanz.

Bringt Farbe nun die geschichtliche Wirklichkeit näher? Müssen Blut und Feuer tatsächlich rot sein, um überzeugen zu können, um die Wahrhaftigkeit des Gezeigten zu steigern?

Die französischen Filmemacher Isabelle Clarke und Daniel Costelle müssen sich an diesem Anspruch der besonderen Wirklichkeitstreue messen lassen. Sie haben bisher unbekanntes Bildmaterial aus über 100 Archiven weltweit zusammengetragen und nachkoloriert.

Die Farbe wird bedeutungsschwer als Stilmittel eingesetzt - zu Beginn der dreiteiligen ARD-Dokumentation „Der Krieg“ heißt es: „Um zu zeigen, wie es wirklich aussah, wie die Menschen diesen Krieg damals erlebten.“

Ein letztes Mal küssen Wirklichkeit durch Nachkolorierung unmittelbarer abbilden - die Franzosen können ihren Anspruch nur ansatzweise einlösen. Etwa wenn Adolf Hitler die Terrasse seines Obersalzberg-Domizils im Zustand feister Genugtuung abschreitet, oder wenn englische Mütter ihre Kinder ein letztes Mal innig küssen, bevor sie vor deutschen Luftangriffen in Sicherheit gebracht werden.

Immer wenn Menschen, Opfer wie Täter, in Großaufnahmen zu sehen sind, verfehlt die Farbbearbeitung ihr Ziel einer größeren Authentizität nicht. Diese Wirkung bleibt aber aus, wenn zerstörerisches Kriegsgeschehen zu sehen ist.

Brennende Städte, sinkende Schiffe, explodierdende Panzer - hier stört die Kolorierung. Im Auge des Betrachters droht sie unbeabsichtigt sogar zur Ästhetisierung des Grauens beizutragen. Die bunte Bilderflut, durch schnelle Schnitte, mangelhaft kommentierte Perspektivwechsel und rasantes Fronthopping noch verstärkt, neigt unfreiwillig zur Banalisierung des Dokumentierten.

Der Zuschauer, einer erheblichen Sogwirkung ausgesetzt, ertappt sich bei dem selbstermahnenden Zwischenruf: Das ist kein Kino. Und so setzt sich die Dokumentation, die im französischen Fernsehen mit großem Erfolg lief, derselben Kritik aus, die den deutschen Produktionen der ZDF-Marke Guido Knopp zuteil wurde: Das ist Geschichte für Laien, auf leicht konsumierbar getrimmt, Unterhaltungsfaktor inbegriffen, Dokutainment eben.

Anders als Knopp verzichten Clarke und Costelle sogar auf jegliche Quellenangaben zur Einordnung der Bilder. Eine unverzeihliche Schwäche. Sie verzichten auch auf Interviews mit Zeitzeugen, auf erklärende Texte und nachgestellte Szenen. Letzteres ist lobenswert. Die größte Stärke der Filmemacher ist ihr Bienenfleiß, so viel neues Material ausfindig gemacht und aufbereitet zu haben. Daraus Honig saugen, können allerdings nur Geschichtsanfänger.

Von Jörg S. Carl

Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser: Halten auch Sie diesen Film für einen Markstein in der Darstellung des Zweiten Weltkrieges?

Auch interessant

Kommentare