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Carsten S. schützt sein Gesicht mit einer Kapuze vor Fotografen. Er sitzt zwischen seinen beiden Anwälten.

NSU-Prozess

"Der Schalldämpfer war halt dabei"

München - Der mutmaßliche NSU-Helfer Carsten S. will sich nicht erinnern können, was er sich dabei dachte, den Terroristen eine Waffe zu besorgen.

Irgendwann kurz nach der Mittagspause am gestrigen sechsten Verhandlungstag im NSU-Prozess reißt Richter Manfred Götzl der Geduldsfaden. Minutenlang hat er versucht, von Carsten S. zu erfahren, was der sich dabei gedacht hat, Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, den drei mutmaßlichen Terroristen vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), zu helfen. Dass er im Auftrag des Trios in Zschäpes Wohnung eingebrochen ist, dass er versuchte ein Motorrad zu stehlen und – deshalb sitzt Carsten S. auf der Anklagebank – dass er eine Pistole samt Schalldämpfer besorgte, hat er bereits gestanden. Jetzt geht es um Details, um Motive. „Das ist mir zu wenig, damit gebe ich mich nicht zufrieden“, fährt Götzl den 33-Jährigen an, als der wieder einmal sagt, dass er sich leider nicht erinnern könne. Wer den Richter kennt, weiß, dass er auch noch lauter kann, aber er wird ungehaltener.

Carsten S. sitzt fast unbewegt in der zweiten Reihe der Anklagebank zwischen seinen beiden Anwälten. Er beugt sich während seiner Aussage leicht vor zum Mikrofon, die Arme hat er verschränkt vor sich auf dem Tisch abgelegt. Würde er sie ausstrecken, er könnte Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte, berühren, die direkt vor ihm sitzt. Carsten S. ist Kronzeuge, hat sich vor Jahren von der rechten Szene gelöst, nun holt ihn seine Vergangenheit ein. Er ist wegen neunfacher Beihilfe zum Mord angeklagt. Weil er bereit ist auszusagen, lebt er inzwischen im Zeugenschutzprogramm des Bundeskriminalamts.

„Hatten Sie keine Skrupel?“, fragt Götzl noch mal. „Kann ich mich nicht dran erinnern“, sagt S. Es ist der Grundton der Aussage. „Hatten Sie keine Bedenken, diese Waffe mit Schalldämpfer und Munition an die Herren Böhnhardt und Mundlos zu übergeben?“, fragt Götzl. „Anscheinend nicht.“ „Was haben Sie sich denn vorgestellt, wofür die Waffe gebraucht wird?“ Carsten S. eiert herum. „Ich weiß, dass wir damals Kenntnis hatten von Geldnöten, von Auslandsreisen, da in die Richtung ordne ich das ein. Dass es möglicherweise um Geldbeschaffung ging und die dafür ’ne Waffe brauchten.“ „Und wofür war der Schalldämpfer?“ „Der war halt dabei.“

Was nach Details klingt, ist für Carsten S. entscheidend. Denn es geht für ihn um die Frage, ob er annehmen musste, dass mit der Waffe Morde begangen werden. Wenn ein Schalldämpfer im Spiel ist, gehen Juristen davon aus, dass eine Waffe töten soll. Für die Drohung bei einem Raub bräuchte man ihn nicht.

Götzl wird noch deutlicher. „Ich rede da jetzt schon ganz schön lange drüber und irgendwann müssen wir das so stehen lassen“, sagt er. „Irgendwann müssen wir uns dann überlegen, wie wir das im Rahmen der Beweiswürdigung würdigen.“ Es klingt wie eine Drohung: Es liegt an uns, wie strafmildernd sich das Geständnis auswirkt, heißt das.

Die Verteidiger von Carsten S. unterbrechen die Vernehmung am Nachmittag, weil ihr Mandant zu erschöpft sei. Sie werden ihm wohl noch einmal ins Gewissen reden. Auch die Nebenkläger glauben nicht an die Erinnerungslücken. „Er hat sich so detailliert und nachvollziehbar zu seiner Person geäußert“, sagt Anwalt Stephan Lucas, der die Tochter eines NSU-Opfers vertritt. „Heute ist er hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben.“

Auch gestern erzählt S. durchaus detailreich vom Leben in der rechten Szene in Jena. Wie sie nachts betrunken „Cops-Running“ spielten. Wenn sie einen Streifenwagen sahen, rief einer: „Cops-Running“, darauf rannten alle davon. „Dann ging natürlich das Blaulicht an und man musste sehen, dass man davonkam“, erzählt S. „Zu einem guten Abend gehörte auch ’ne Polizeikontrolle.“ Oft sei es vor allem um Spaß gegangen. Doch die Aktionen waren nicht immer harmlos. Einmal schlugen S. und Kumpane zwei Personen zusammen, weil diese einen Bekannten Nazi genannt hatten. An einem anderen Abend schmissen sie eine Dönerbude um. Richter Götzl will das Motiv wissen, will von S. hören, dass Ausländerhass dahintersteckte. Carsten S. windet sich, gibt dann aber doch zu: „Wenn da eine Bockwurstbude gestanden hätte, hätten wir das nicht gemacht.“

Von Philipp Vetter

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