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Ein Mann mit der jüdischen Kopfbedeckung nimmt an der Solidaritätskundgebung "Berlin trägt Kippa" teil. Die Hauptstadt liegt bei antisemitischen Straftaten an der Spitze. Foto: Michael Kappeler

Berlin trauriger Spitzenreiter

Zahl gemeldeter antisemitischer Straftaten steigt deutlich

Körperliche Angriffe, persönliche Beschimpfungen, hasserfüllte Parolen: Antisemitismus hat viele Gesichter. Neue Zahlen zeigen, dass die Behörden immer mehr strafbare Vorfälle erfassen.

Berlin (dpa) - Die Zahl gemeldeter antisemitischer Straftaten hat im ersten Halbjahr deutlich zugenommen. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum stieg sie von 362 auf 401 - ein Anstieg um 10,7 Prozent, wie aus der Antwort der Bundesregierung auf die Abfrage der Linken-Abgeordneten Petra Pau hervorgeht.

Die Zahlen sind vorläufig, weil noch Taten nachgemeldet werden könnten. Der Zentralrat der Juden und der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, reagierten bestürzt.

Der Anstieg ist maßgeblich durch eine Zunahme in der mit Abstand größten Untergruppe verursacht, der rechts motivierten Täter. Sie verübten 349 Taten (erstes Halbjahr 2017: 334). Aber auch in allen anderen Untergruppen wuchs die Zahl der antisemitischen Taten: bei links motivierten Tätern (6 Straftaten im ersten Halbjahr 2018) ebenso wie bei solchen mit ausländischer Ideologie (12) und religiöser Ideologie (9).

Die mit Abstand meisten antisemitischen Straftaten registrierte im laufenden Jahr bislang Berlin (80), gefolgt von Bayern (43), wie zuerst der Berliner "Tagesspiegel" (Mittwoch) berichtet hatte. Auf Platz drei folgt Niedersachsen (41).

Die hohe Zahl bereite ihm große Sorge, sagte der Antisemitismusbeauftragte Klein der Deutschen Presse-Agentur. "Sie zeigt ja nur die Spitze eines Eisbergs. Antisemitische Übergriffe und judenfeindliche Einstellungen haben sich in völlig unakzeptabler Weise in Deutschland ausgebreitet." Er rufe alle Teile der Gesellschaft auf, "der zunehmenden Verrohung und jeder Form von Hass entgegenzutreten", sagte Klein. "Antisemitismus darf in unserem Land keinen Platz haben, gleichgültig woher er kommt." Polizei und Justiz müssen mit aller Härte dagegen vorgehen.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, nannte die Zahl "bestürzend". Überrascht habe sie ihn aber nicht. "Sie spiegelt die Ereignisse der vergangenen Monate wider - eine Zeit, in der immer neue antisemitische Übergriffe bekannt wurden. Der Anstieg antisemitischer Straftaten bestätigt auch die Berichte unserer Gemeindemitglieder über zunehmenden Judenhass im Alltag."

Politik und Behörden müssten konsequent handeln, außerdem müsse die Gesellschaft bereit sein, Antisemitismus entgegenzutreten, forderte Schuster. "Ich kann nur erneut unterstreichen, wie wichtig dabei ein bundesweites, niedrigschwelliges Meldesystem für antisemitische Vorfälle ist", sagte Schuster. Zudem müssten Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung von Judenhass verstärkt werden.

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