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Deutsche und Franzosen - eine dornige Freundschaft

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- München - Dass der deutsch-französische Freundschaftsvertrag 40 Jahre nach seiner Unterzeichnung als Erfolgsge-schichte einer außerge-wöhnlichen Aussöhnung zweier lange verfeindeter Völker gefeiert wird, war ihm nicht in die Wiege gelegt. Im Gegenteil: Sein Zustandekommen war das Ergebnis eines Misserfolges, und er drohte zunächst auch als solcher zu enden.

Vorausgegangen waren Verhandlungen der sechs Mitgliedstaaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) über eine politische Union. Angestoßen hatte sie der französische Präsident, General de Gaulle, der damit zwar die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Politik, der Wirtschaft, der Kultur und der Verteidigung organisieren wollte, allerdings in einer Form, welche die Entscheidungsgewalt ausschließlich bei den Staaten sah. Der General war ein entschiedener Gegner jeglicher Integration, woran die so genannten Fouchet-Verhandlungen auch scheitern sollten.

"Mädchen und Rosen
dauern ihre Zeit"
Charles de Gaulle

Der Erste, den de Gaulle in seine europäischen Pläne einweihte, war der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer, im Sommer 1960 in Rambouillet. Seit der General 1958 zum zweiten Mal an die Macht gekommen war, hatte er den Beziehungen zur Bundesrepublik eine besondere Bedeutung beigemessen. Abgesehen von dem grundsätzlichen Willen zur Versöhnung, hatte de Gaulle in Deutschland den optimalen Partner erkannt, sein außenpolitisches Ziel, ein von den USA unabhängiges Europa der Vaterländer, durchzusetzen: stark genug, im internationalen Konzert wieder mitzuspielen, durch seine jüngste Vergangenheit allerdings gezwungen, sich mit der zweiten Geige zu begnügen.

Adenauer seinerseits erkannte, dass er im Verbund mit Frankreich in außenpolitischen Fragen sehr viel mehr erreichen konnte als allein. Neben dem guten persönlichen Verhältnis der beiden Männer hatte vor allem de Gaulles unbeugsame Position in der Berlinkrise sein Vertrauen in den General gestärkt. Allerdings war der Kanzler zu keinem Zeitpunkt bereit, für die Beziehungen zu Frankreich das gute Verhältnis zu den USA oder gar die NATO in Frage zu stellen. Schon 1960 in Rambouillet hatten de Gaulle und Adenauer beschlossen, im Falle des Scheiterns der Verhandlungen über eine europäische Union alleine voranzugehen, die anderen würden dann schon folgen.

Davon war zweieinhalb Jahre später nicht mehr die Rede, dennoch ist in dem am 22. Januar 1963 unterzeichneten Elysé´e-Vertrag die Verwandtschaft mit dem gescheiterten Fouchet-Plan nicht zu übersehen. Der Entschluss, das Ganze in die Form eines Vertrages zu gießen, fiel erst in letzter Minute und wurde von Adenauer vorangetrieben, der das Ende seiner Amtszeit bereits vor Augen hatte.

Die Kritik an seiner Frankreichpolitik hatte den deutschen Bundestag in "Gaullisten" und "Atlantiker" gespalten, wobei Letztere in der Mehrheit waren. Schon eine Woche nach der Vertragsunterzeichnung sollten die Kritiker bestätigt werden, als de Gaulle - im Alleingang _ die Beitrittsverhandlungen Großbritanniens zur EWG platzen ließ.

Um die notwendige Ratifizierung im Bundestag durchzubringen, musste Adenauer akzeptieren, dass dem Vertrag von deutscher Seite eine Präambel vorangestellt wurde, in welcher der "Wille" zur Partnerschaft mit den USA und Großbritannien sowie die Integration in die NATO bekräftigt wurde. Für den General war dies wie ein persönlicher Affront, der ihn dazu brachte, den Vertrag mit "Mädchen und Rosen" zu vergleichen: "Sie dauern ihre Zeit."

Doch hier wurde er vom passionierten Rosenzüchter Adenauer bei ihrem nächsten Treffen, dem ersten im Rahmen der nun vertraglich vereinbarten Konsultationen, eines Besseren belehrt: "Die jungen Mädchen", so der Kanzler in seiner Tischrede, "verblassen vielleicht schnell. Aber bei Rosen, wissen Sie, da kenne ich mich aus. Die Pflanzen, die die meisten Dornen haben, sind besonders wider-standsfähig!" Der Kanzler sollte Recht behalten.

Durch welche Höhen und Tiefen das deutsch-französische Verhältnis auch immer ging, kein Staatspräsident oder Kanzler hat in den vergangenen 40 Jahren die halb-jährigen Treffen jemals in Frage gestellt, die Außenminister treffen alle drei Monate zusammen. Dabei sollten vor allem die Außen- und Verteidigungpolitik sowie die Jugend- und Erziehungspolitik abgestimmt werden. Während sich die Zusammenarbeit auf den ersten beiden Gebieten oft mehr als schwierig gestaltete, war das im Sommer 1963 gegründete Deutsch-Französische Jugendwerk von Anfang an ein Erfolg.

 Rund sieben Millionen Jugendliche haben seitdem an über 200 000 Begegnungen teilgenommen. Und schließlich hat der Elysé´e-Vertrag auch seine ursprüngliche, nämlich europäische, Grundidee entscheidend vorangebracht, wenn auch nicht unbedingt in de Gaulles Sinne. Vor allem in den Amtszeiten von Helmut Schmidt und Valé´ry Giscard d'Estaing sowie von Helmut Kohl und Franç¸ois Mitterrand haben die deutsch-französischen Beziehungen europäische Dynamik entwickelt.

Andersherum formuliert: Wenn der deutsch-französische Motor stockt, bewegt sich in Europa nicht viel. Das hat sich gerade erst wieder unter Schröder und Chirac gezeigt, die einige Zeit brauchten, um sich zusam-menzuraufen. Dass sie nun das 40-jährige Jubiläum nutzen, eine gemeinsame Initiative für die Reform der europäischen Institutionen anzustoßen, ist in diesem Sinne sicherlich die angemessenste Form, den Deutsch-Französischen Freundschaftsvertrag zu feiern.

 

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