News-Ticker: Polizei soll Attentäter von Barcelona erschossen haben

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Einer der Rückkehrer: Der mutmaßliche Islamist Harun P. muss sich derzeit vor dem Oberlandesgericht München wegen seiner Reise nach Syrien verantworten.

Fachtagung in München

Wie Deutsche zu Islamisten werden

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München - Die Behörden müssen sich mit immer mehr Islamisten aus Deutschland beschäftigen. Gezielt werden junge Männer auch in Gefängnissen angesprochen und radikalisiert. In München suchten Experten jetzt nach Lösungen – optimistisch sind sie nicht.

Die Geschichte, die Thomas Beck erzählt, klingt unglaublich. Beck leitet bei der Bundesanwaltschaft die Abteilung, die sich mit der Terrorismusbekämpfung beschäftigt, doch einen Fall wie den des deutschen Autisten, der nach Syrien in den Bürgerkrieg zog, hat auch er noch nicht erlebt. Der junge Mann, der wie so viele über die Grenze von der Türkei ins Kriegsgebiet reiste, landete bei den Terroristen vom Islamischen Staat (IS). „Das sind gut organisierte Menschenfänger“, sagt Beck bei einer Tagung von Justizexperten in München, „die haben ein ausgeklügeltes Sichtungs- und Prüfungsverfahren.“ Denn längst nicht jeder Möchtegern-Kämpfer wird auch in die Terror-Gruppe aufgenommen.

Schnell merkten die Islamisten, dass mit dem jungen Mann etwas nicht stimmt, sie können ihn weder als Kämpfer noch als Selbstmordattentäter gebrauchen – und nehmen ihn stattdessen einfach als Geisel. Doch im Gegensatz zu den britischen, amerikanischen und japanischen Gefangenen des IS überlebt der Deutsche. Vermutlich zahlen Verwandte Lösegeld. Inzwischen ist der Mann wieder zurück in Deutschland – und für Beck und seine in- und ausländischen Kollegen unbezahlbar. Denn durch den Autismus hat er ein „phänomenales Gedächtnis“. Er erinnert sich genau an seine Gefangenschaft – und an seine Bewacher. Zu ihnen gehörten nicht nur die Briten, die man in den Lagern nur „die Beatles“ nennt und von denen einer regelmäßig zum Henker in IS-Propagandavideos wird. Auch Deutsche quälen und foltern Gefangene.

Die frühere Geisel ist neben dem Internet die wichtigste Quelle für Informationen aus dem Bürgerkriegsgebiet, in das inzwischen schon rund 600 Deutsche gereist sind. Und es werden immer mehr. Gab es Anfang 2014 noch fünf Ermittlungsverfahren bei der Bundesanwaltschaft, waren es zwölf Monate später schon über 40 mit mehr als 80 Beschuldigten. „Die Zahlen steigen exponentiell“, sagt Beck, „und der Scheitelpunkt ist noch nicht erreicht.“ Bei den Staatsanwaltschaften vor Ort gibt es noch einmal mehr als 200 Verfahren. „Da kommt noch einiges auf uns zu.“

Dass es so viele Ermittlungen gibt, liegt auch daran, dass die Taten der Islamisten gut dokumentiert sind. Die ausländischen Kämpfer posieren stolz mit Waffen und stellen die Bilder in Soziale Netzwerke. „Die sind mit dem Handy und dem Selfie auf dem Schlachtfeld“, sagt Beck. Selbst die IS-Anführer würden inzwischen versuchen, diese Selbstdarstellung zu unterbinden – erfolglos.

Dabei sind es gerade die Propaganda-Videos im Netz, die für den ständigen Nachwuchs in den Terror-Camps sorgen. Beck nennt den Berliner Ex-Rapper Dennis Cuspert alias Deso Dogg. Der sei ein „Propaganda-Genie“. Einige Islamisten hätten in der Szene den Status eines Popstars. „Früher hatten junge Frauen Mick Jagger an der Wand, jetzt ist es Deso Dogg“, sagt Beck. Auch viele Mädchen reisen inzwischen nach Syrien, um dort Kämpfer zu heiraten.

Doch nicht nur im Netz wird rekrutiert. Gülden Sahin vom Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz berichtet, dass gezielt auch in Gefängnissen junge Männer angesprochen werden. Im Internet gibt es frei zugängliche Seiten, über die man mit islamistischen Gefangenen in Kontakt treten kann, Radikale in Freiheit besuchen regelmäßig die Glaubensbrüder im Gefängnis. Der Verfassungsschutz unterstützt daher gezielt Justizvollzugsanstalten, überprüft Bücher mit scheinbar harmlosen Namen, in denen aber der Islamismus propagiert wird, und schaut sich vor allem die Besucher von Gefangenen genau an.

Doch auch die Experten sind skeptisch, dass sich so die Radikalisierung stoppen lässt. „Die Perspektive ist nicht erfreulich“, sagt Beck. „Wir unterhalten uns nicht mehr darüber, ob, sondern nur noch wann ein Anschlag in Deutschland passiert.“

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