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Beginnt jetzt Deutschlands digitale Aufholjagd? Gematik-Chef erklärt die „elektronische Patientenakte“

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Von: Sebastian Horsch

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Dr. med. Markus Leyck Dieken kümmert sich um die Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems.
Dr. med. Markus Leyck Dieken kümmert sich um die Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems. © Gematik

Die elektronische Patientenakte kommt. Markus Leyck Dieken koordiniert die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen und verrät im Interview, was sich wie ändert.

München – Markus Leyck Dieken ist seit Mitte 2019 Alleingeschäftsführer der Gematik, die die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen koordiniert. Im Interview gibt der Mediziner und frühere Pharma-Manager Einblicke, was die elektronische Patientenakte und andere Neuerungen für die Patienten verändern sollen.

Herr Leyck Dieken, ab 1. Juli sollen deutsche Arztpraxen die elektronische Patientenakte anwenden können. Was bedeutet das für die Patienten?

Die App für die Patientenakte können die gesetzlich Versicherten aller deutschen Krankenkassen schon seit 1. Januar herunterladen. Mit dem Anschluss der allermeisten Praxen steht nun auch die Infrastruktur. Die Ärzte können ab 1. Juli also Befunde in die elektronische Akte legen.

Das heißt, ich muss als Patient keine Unterlagen mehr mit zum Arzt schleppen?

Genau. Laborwerte, EKG-Ergebnisse – all das kann in der Akte gesammelt und Ärzten wieder zur Verfügung gestellt werden. Übrigens auch Normalbefunde, bei denen keine Erkrankung festgestellt wurde. Wenn jemand mit Brustschmerzen in die Praxis kommt, ist für den Arzt oft interessant, wie das EKG aussah, als noch nichts wehtat.

Zunächst sind die Möglichkeiten aber noch begrenzt. Zum Beispiel lassen sich im Sommer noch keine Bilddateien von MRT- oder CT-Aufnahmen einfügen.

Es gab im deutschen* Gesundheitswesen bisher sehr wenig Digitalisierung. Das hat sich in dieser Legislatur entscheidend geändert. Wir befinden uns in einer digitalen Aufholjagd. Und dafür gibt es einen klaren Fahrplan. Ab 2023 können Sie zum Beispiel auch MRT und CT-Bilder in die Akte laden. Der Impfpass, das Mutterschutzheft, das Zahnbonusheft - all das werden Sie dann dort finden. Und schon zum 1. Oktober kommt die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die der Arzt direkt an die Kasse versendet. Ab Mitte nächsten Jahres brauchen Sie dann auch keinen Ausdruck für den Arbeitgeber mehr.

Ab Januar soll das elektronische Rezept bundesweit eingeführt werden - „Hohe Datenschutzskepsis“

Ebenfalls ab Januar soll das elektronische Rezept bundesweit eingeführt und immer weiter ausgebaut werden.

Genau. Auch hier starten wir lieber mit 85 Prozent, als auf 100 Prozent zu warten. Am Ende des Prozesses wird aber ein Service-Niveau stehen, das die deutschen Bürger bisher nicht kennen. Dann kann beispielsweise bei der Verschreibung eines Rollstuhls innerhalb von Minuten die Genehmigung der Krankenkasse eingeholt werden. Zudem wird dem Patienten angezeigt, wo er diesen Rollstuhl auch gleich abholen kann. Und die Abrechnung geht direkt an die Krankenkasse.

Schon vor 16 Jahren hat der Bundestag entschieden, dass es die elektronische Patientenakte geben soll. Warum hat das so lange gedauert?

Wir haben in Deutschland eine höhere Datenschutzskepsis als in anderen Ländern. Zudem fürchteten Ärzte zu viel Einblick in ihr Handeln und Kassen hohe Kosten. Nicht erst durch Corona ist aber klar geworden: Digitalisierung ist die einzige Lösung. Der Papierkram in Klinik- und Praxisverwaltungen frisst immer mehr Zeit. Dazu kommt der demografische Druck. In einer immer älter werdenden Gesellschaft brauchen wir Digitalisierung um unsere Gesundheitskosten zu senken. Zudem kann man als einzelner Arzt gar nicht mehr mit dem rasend schnellen medizinischen Fortschritt mithalten. Neue Erkenntnisse kommen heute teils erst sieben Jahre später beim Patienten an. Auch das wird sich durch die digitale Begleitung ändern. Ein guter Arzt wird so ein noch besserer.

Teile der Ärzteschaft skeptisch: „Ich kann das verstehen“

Teile der Ärzteschaft sind dennoch weiter skeptisch.

Ich kann das verstehen. Unsere Erfahrung zeigt aber, dass Ärzte weit offener sind, wenn sie die elektronische Akte einmal selbst ausprobiert haben. Aber es ist wichtig, dass wir in den nächsten Jahren gemeinsam mit den Ärzten auch deren Arbeitsschritte noch mehr erleichtern. Da müssen wir noch mehr tun.

Kann denn nun jeder Arzt alle Daten in der elektronischen Akte sehen?

In der jetzigen Version gibt es zwei Körbe. In einen Korb kann der Patient selbst Daten einstellen, den anderen Korb befüllen die Ärzte. Jeden dieser Körbe kann ich einem Arzt für eine bestimmte Zeit freigeben oder versperrt lassen. Wenn ich nicht möchte, dass ein Arzt bestimmte Informationen sieht, kann ich es also in einen Korb verschieben, der ihm verschlossen ist. Ab 1. Januar kann man dann sogar für jedes einzelne Dokument Zugriffsrechte vergeben. Die Krankenkassen haben gar keinen Zugriff auf die Daten. Ab nächstem Jahr gibt es dann noch einen Korb für die Krankenkassen.

Und wie sicher ist die Akte vor Cyberangriffen von außen?

Wir überwachen kontinuierlich die Angriffsversuche und reagieren darauf. Zudem wird jeder einzelne Befund end-zu-end-verschlüsselt. Nur der Versicherte kann die Daten öffnen. Mit diesem Sicherheitsstandard sind wir in Europa einzigartig. So stellen wir sicher, dass selbst ein Super-Computer mit mehreren Tagen Rechenkapazität diese Schloss nicht einfach knacken kann.

Das Gespräch führte Sebastian Horsch.

Die Gematik

Die Gematik ist die nationale Agentur für digitale Medizin. Das heißt: Die Krankenkassen bieten den Patienten ihre jeweilige elektronische Patientenakte an, der Kern dieser Akten und die technischen Standards werden aber von der Gematik festgelegt. Getragen wird die Gematik von den Verbänden der Ärzte, Zahnärzte, Kliniken, Apothekern sowie Krankenversicherungen. 2019 hat das Bundesgesundheitsministerium* 51 Prozent der Anteile übernommen und kann somit Entscheidungen ohne die anderen Anteilseigner treffen.

*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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