1. Startseite
  2. Politik

"Die Entscheidung kann grausam sein"

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

- München/Frankfurt - Es geschah am 11. September. Während die Massen im Münchner Olympiastadion das Ende der Olympischen Spiele 1972 feiern, wird Bundeskanzler Willy Brandt von der Ehrentribüne ans Telefon gerufen. Am anderen Ende der Leitung meldet sich Verteidigungsminister Georg Leber von der Bonner Hardthöhe. Gerade hatte er erfahren, dass ein Flugzeug von arabischen Terroristen gekapert worden war. Die Maschine nimmt Kurs auf München. Wenige Tage nach dem Olympia-Massaker, bei dem Terroristen elf Israelis getötet hatten, droht ein weiterer Anschlag.

Während sich das unbekannte Flugobjekt noch nordwestlich von Ulm befindet, berät sich Bundeskanzler Brandt im Stadion mit Bundespräsident Gustav Heinemann, Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel und CSU-Chef Franz Josef Strauß. Der prominente Krisenstab ist ratlos: Wer ist zuständig, wenn ein Flugzeug abgeschossen werden muss? In Friedenszeiten sind Polizeiaktionen Ländersache, doch über die nötigen Waffensysteme verfügt allein die Bundeswehr. Der Truppe jedoch ist es durch die Verfassung untersagt, die zivile Luftfahrt unter Beschuss zu nehmen.

Wie am vergangenen Sonntag, als der geistig verwirrte Student Franz Stephan Strambach (31) die Frankfurter City mit einem entführten Motorsegler terrorisierte, lässt die Luftwaffe auch am 11. September 1972 zwei Abfangjäger vom oberbayerischen Fliegerhorst Neuburg aufsteigen. Den Befehl dazu gibt Brandt persönlich: "Setzt die Luftwaffe ein!"

Die unbekannte Maschine nähert sich München, geht in den Sinkflug über. Das Olympiastadion ist aus Angst vor einer Massenpanik nicht geräumt worden. Kurz vor Erreichen der Innenstadt dreht der Jet in letzter Minute ab.

Die Behörden werden später eine finnische DC 8 ermitteln, die nach dem Ausfall des Bordradars auf der Suche nach einem Flugplatz war. Verteidigungsminister Leber erklärte, wäre die DC 8 nicht abgedreht, hätte er zwei Minuten später den Piloten der Luftwaffe den Feuerbefehl erteilen müssen. Lebers Lehre aus dem Fall: "Wie immer die Entscheidung ausfällt - sie kann grausam falsch sein."

Auch 30 Jahre nach dem vermeintlichen Terrorflug auf das Münchner Olympiastadion und 16 Monate nach den Anschlägen des 11. September hat die Bundesregierung noch immer kein Konzept für den Fall eines terroristischen Flugzeuganschlags. Der hessische Chaos-Pilot Strambach, dem nun bis zu 15 Jahre Haft drohen, hat die totale Ohnmacht der Politik offenbart.

Seit November 2002 berät ein Arbeitsstab mit dem Titel "Sicherheit im Luftraum" über die Frage, wie bei einem Terrorangriff mit Passagiermaschinen zu verfahren sei - ohne Ergebnis. Den Stab leitet der Vize-Inspekteur der Luftwaffe, General Hans-Werner Jarosch, der auf eine verbindliche Regelung dringt, wie sie andere NATO-Staaten längst beschlossen haben. Nach deutschem Recht muss die Entscheidung über einen möglichen Abschuss von Bundeskanzler, Verteidigungsminister und dem Ministerpräsidenten des betreffenden Bundeslandes gemeinsam getroffen werden. Den Befehl zum Abschuss muss letztlich - als "Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt" - der Verteidigungsminister geben, aber erst nach Absprache mit Kanzler und Ministerpräsident. Ein Verfahren, das mehr Probleme schafft als es zu lösen vermag.

Während Verteidigungsminister Peter Struck den Abschuss entführter Flugzeuge künftig nicht ausschließt, weigerte sich Innenminister Otto Schily bis zuletzt, ein detailliertes Konzept auf den Tisch zu legen. "Das sind falsche Überlegungen - denn dann ist es zu spät", so Schily. Es müsse mehr dafür getan werden, Entführungen zu verhindern, etwa durch Polizisten an Bord.

Bayerns Innenminister Günther Beckstein wirft der Regierung Untätigkeit vor. "Dieses Schneckentempo ist angesichts des nahe liegenden Terrorszenarios und der damit verbundenen Gefahren unverantwortlich", so Beckstein. Der Bund müsse dringend die Zuständigkeiten klären, sollte der Abschuss eines für Terrorzwecke gekaperten Zivilflugzeugs "als womöglich allerletztes Mittel" in Frage kommen. Bis heute, so Beckstein, fehle "trotz des in solchen Fällen enormen Zeitdrucks jede eindeutige Absprache etwa zu Meldewegen und den letztlich Verantwortlichen".

Auch interessant

Kommentare