In einer Welt voller gefährlicher Männer: Merkel, laut „Times“ die Person des Jahres 2014. 

Merkel ist die „Person des Jahres“

„Die Frau, die wir brauchen“

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London/Berlin - Voriges Jahr Putin, jetzt Merkel: Die „Times“ hat die Kanzlerin zur „Person des Jahres“ gekürt. Vor allem imponiert der britischen Tageszeitung ihre Besonnenheit in der Ukraine-Krise – und ihr Umgang mit dem Kreml-Chef.

Die Briten, vor allem die konservativen, lieben ihre starken Frauen: Queen Victoria, einst Herrscherin eines Weltreichs. Margaret Thatcher, die Eiserne Lady, unbeirrt und stur. Queen Elizabeth II., etwas schrullig, aber verlässlich. Und jetzt das: Die „Times“, eine der wichtigsten konservativen Tageszeitungen Großbritanniens, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel zur „Person des Jahres 2014“ gekürt. Der Titel über dem Leitartikel: „Mrs. Indispensable“ – die Unverzichtbare.

In den vergangenen zwölf Monaten, so steht es in einem weiteren ganzseitigen Artikel (siehe Bild), war es ungemütlich auf dieser Welt: Auf der einen Seite die Krise in Russland, frustrierte Jugendliche, die in den Heiligen Krieg ziehen – auf der anderen schwächelnde Nachkriegs-Bündnisse wie die Nato und die EU, dazu Politiker, die nicht wissen, wie sie mit Schurkenstaaten umgehen sollen. In diesen unsicheren Zeiten habe es nur einen Weltpolitiker gegeben, der sich hervorgetan habe: die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Sie ist zu einer Vermittlerin der Macht zwischen Ost und West geworden.“ Während des G 20-Gipfels in Australien habe sie in Putins Hotelzimmer unerschütterlich auf ihn eingewirkt. „Das ist die Frau, die wir in einer Welt gefährlicher Männer brauchen“, heißt es. Es folgt ein Satz, der einer Hymne gleicht: „Der Westen hat sich mit ihrer Hilfe auf seine Grundwerte konzentriert und hat erkannt, worum es sich zu kämpfen lohnt. Merkel ist die herausragende Politikerin Europas, die mächtigste Frau der Welt.“

Wie turbulent das politische Jahr 2014 war, sieht man auch daran, dass die „Times“ im Vorjahr ausgerechnet einen dieser „gefährlichen Männer“ zur „Person des Jahres“ gewählt hatte: Putin. Merkels besonnener Umgang mit dem Kreml-Chef bescherte ihr jetzt die Auszeichnung. „Mrs. Merkel“ habe in der Ukraine-Krise Instinkt bewiesen. Sie habe Putins „rapacity“ (Raubgier) nicht einfach verdammt, sondern den Kreml mit Gesprächen („sweet-talk“) zurück ins internationale Gefüge gedrängt. „Es wurden keine Türen geschlossen.“

Die Formel, die der Bundeskanzlerin den Titel bescherte: Merkel = Macht. Das war nicht immer so. Die amerikanische „Newsweek“ schwärmte zwar vor gut drei Jahren unter der Schlagzeile „Germanys Wonder Woman“ (Deutschlands Wunderfrau) über die Kanzlerin, die sich zu Europas mächtigsten und beständigsten Staatschefin entwickelt habe. Doch noch ein Jahr zuvor hatte das Blatt sie als unbeteiligten, reformmüden „Lost leader“ bezeichnet – und zwar auf dem Titelblatt, dazu ein Bild von Merkel mit melancholisch-müdem Blick aus einem Flugzeugfenster. Ein weiterer uncharmanter Titel: „Achtung! It’s Angela!“ Selten werden deutsche Regierungsschefs für so wichtig befunden, dass sie es auf Seite 1 ausländischer Politik-Magazine schaffen. Merkel hätte sicher gerne darauf verzichtet. In jüngerer Vergangenheit machte die Lektüre wohl mehr Spaß. Die „New York Times“, wichtigste Tageszeitung der Welt, veröffentlichte neulich einen Text über „The Quiet German“, die stille Deutsche. Untertitel: Der unglaubliche Aufstieg von Angela Merkel, der mächtigsten Frau der Welt. Die Bilder zeigten ihren Werdegang, vom spröden Kurzhaarschnitt-Mädchen hin zur Macht-Frau. Solche Foto-Strecken hat man auch schon von Popstars gesehen.

Die „Times“ lobt übrigens auch, dass Merkel die CDU von einer männerdominierten Partei zu einer „all-female affair“ gemacht hat, es folgen die Namen Ursula von der Leyen, Julia Klöckner (Rheinland-Pfalz) und Annegret Kramp-Karrenbauer (Saarland). Frauen an der Macht – das imponiert den Briten, die mit ihrem Premierminister David Cameron allzu oft hadern. Die einzige Frau im Amt ist bislang Margaret Thatcher, keiner regierte länger als sie. Die Queen könnte die 63-jährige Rekord-Regentschaft ihrer Ururgroßmutter Victoria im Herbst 2015 übertreffen. Und die erste Bundeskanzlerin soll, wenn es nach der „Times“ geht, so schnell nicht aufhören, schon gar nicht vor der Wahl 2017. Der letzte Satz in dem Artikel: „We urge her to stay.“ Wir drängen sie, zu bleiben.

Carina Lechner

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