"Die Hure lief rum wie eine Deutsche"

- Berlin - Man spricht von Ehrenmord, doch es war eine Hinrichtung. Einer ihrer fünf Brüder hatte sie unter einem Vorwand aus dem Haus gelockt, ein anderer die Pistole beschafft, der Jüngste drückte ab. Es war kurz vor 21 Uhr, als an der Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof drei Schüsse fielen. Hatun Sürücü war sofort tot. Der Täter zielte aus nächster Nähe auf ihren Kopf. In der Hand der 23-Jährigen glimmte noch die Zigarette, als der Notarzt kam.

<P class=MsoNormal>In Berlin wird laut Statistik jede Woche ein Mensch umgebracht. Schusswechsel und Messerstechereien sind in ärmeren Stadtvierteln keine Seltenheit. Doch auf den brutalen Mord an Hatun Sürücü reagiert die Hauptstadt geschockt. Das ganze Land nimmt Anteil am Schicksal der kurdischstämmigen Deutschen, deren Tod kein Einzelfall ist: Seit 1996 gab es bundesweit fast 50 ähnliche Fälle von Selbstjustiz. Allein in Berlin mussten innerhalb der letzten vier Monate sechs Frauen im Namen der Ehre sterben, weil sie sich von ihrer Familie emanzipiert hatten, weil sie eine Zwangsheirat ablehnten oder sich von ihrem Mann hatten trennen wollen.</P><P class=MsoNormal>Die 21-jährige Semra U. war mit ihrem Cousin verheiratet worden. Nach der Scheidung gab es Streit um das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter. Der Ehemann erstach die junge Frau auf offener Straße in Berlin-Reinickendorf, vor den Augen der dreijährigen Tochter.</P><P class=MsoNormal>Nur wenige Wochen zuvor, im Oktober 2004, war eine 24-Jährige an einem Imbissstand im Bezirk Prenzlauer Berg erstochen worden, vor den Augen der beiden drei und sechs Jahre alten Töchter. Die Frau hatte sich von ihrem gewalttätigen Mann trennen wollen. Mahmut C. (29) ist nun des Mordes angeklagt.</P><P class=MsoNormal>Jeder zehnte inhaftierte Mörder in Berlin sitzt wegen Ehrenmord</P><P class=MsoNormal>Für den Chef-Psychologen der Berliner Polizei, Karl Mollenhauer, ist die Sache klar: Das Mordmotiv ist verletztes Ehrgefühl. Die Opfer sind weiblich, meist jung und schön. Sie wollten sich von ihren Zwängen befreien, ausbrechen aus dem System der Unterdrückung. So wie Hatun Sürücü. Ihre Familie ist vor 20 Jahren aus dem Osten Anatoliens in den Westen Berlins gezogen, nach Kreuzberg. Dort leben sie in einer kleinen Wohnung. Einfache Leute, tiefgläubige Menschen. Hatun war das fünfte Kind und die erste Tochter. Mit 15 melden sie die Eltern vom Gymnasium ab, bringen sie in die Türkei. Dort wird Hatun mit einem Cousin zwangsverheiratet. Die Ehe scheitert, zwei Jahre später kommt Hatun wieder nach Berlin. Ohne Schulabschluss und ohne Mann, mit Kind und Kopftuch. Die Familie behandelt sie wie eine Aussätzige, sie darf nicht in die elterliche Wohnung, Familienfeiern finden ohne sie statt. Ohne die Hilfe von Sozialarbeitern wäre Hatun wohl zerbrochen. </P><P class=MsoNormal>Hatun schöpft neuen Mut, macht den Schulabschluss, kümmert sich liebevoll um ihren Sohn Cam, legt das Kopftuch ab und Lippenstift auf, beginnt eine Lehre als Elektroinstallateurin. Vor einer Woche hätte die junge, selbstbewusste Frau den Gesellenbrief erhalten sollen.</P><P class=MsoNormal>In der Justizvollzugsanstalt Berlin-Plötzensee sitzt jeder zehnte inhaftierte Mörder wegen eines Ehrenmordes. Auch Hatuns Brüder sind in Untersuchungshaft. Mütlü (25), Alpaslan (24) und Ayhan (18) beteuern ihre Unschuld, doch die Ermittler glauben ihnen nicht. Zu oft war die junge Frau zuvor geschlagen und bedroht worden.</P><P class=MsoNormal>Was geht in den Köpfen der Täter vor? "Ich musste mich entscheiden: Entweder für meine Familie, die total am Ende war, oder für die deutschen Gesetze", sagt Nazir F. in einem Fernsehinterview. Auch er hat seine Schwester auf dem Gewissen. Doch plagt ihn das Gewissen? Nazir ist stolz, die Familienehre wieder hergestellt zu haben. "Hätte ich anders gehandelt, wäre ich ein Verräter gewesen, jemand, der undankbar ist." Sozialforscher, Kriminalisten und Politiker stellen mit Entsetzen fest, wie sehr auch die dritte Einwanderer-Generation noch archaischen Ritualen verhaftet zu sein scheint - Sitten, die an die Steinzeit erinnern. Seit Jahrzehnten werde in Deutschland von Integration geredet, aber was tatsächlich passiert, das hat niemanden interessiert, klagt die Soziologin Necla Kelek. In ihrem Bestseller "Die fremde Braut" warnt sie die Deutschen davor, der Unterdrückung islamischer Frauen aus falsch verstandener Toleranz zuzuschauen.</P><P class=MsoNormal>In der Pflicht sieht die Türkin aber vor allem ihre Landsleute: Viele Ehen von Einwanderern seien eine moderne Form der Sklaverei. Der Gesetzgeber hat reagiert: Erst kürzlich wurde Zwangsheirat als besonders schwerer Fall von Nötigung ins Strafrecht aufgenommen. Doch Ehrenmorde haben die Gerichte lange Zeit als kulturbedingte Taten betrachtet und als Totschlag geahndet. "Dabei handelt es sich um kollektiv geplante, brutale Verbrechen, die keinerlei mildernde Umstände verdienen", kritisiert der SPD-Rechtsexperte Rudolf Binding. Seine Unionskollegin Daniela Raab (CSU) klagt, der deutschen Justiz seien häufig die Hände gebunden: "Das deutsche Strafrecht wird bewusst umgangen: Die Familie sucht für den angeblichen Ehrenmord ganz gezielt den jüngsten Sohn aus, der nur mit einer Jugendstrafe zu rechnen hat." Wie im Mordfall Hatun.</P><P class=MsoNormal>Immer mehr türkische Verbände dringen auf hartes Durchgreifen</P><P class=MsoNormal>Alarmiert durch die Mordserie in Berlin, dringen auch immer mehr türkische Verbände auf ein hartes Durchgreifen: Kindergarten-Pflicht, Deutschunterricht, Durchsetzung der Schulpflicht bei Sport und Sexualkunde, Strafverfolgung von Zwangsverheiratung, lauten die Kernforderungen.</P><P class=MsoNormal>In der islamischen Parallelgesellschaft verhallt der Appell ungehört. Als nach dem Mord an Hatun Sürücü öffentlich gegen Gewalt an Frauen protestiert wurde, blieben die wirklich Betroffenen zu Hause. Auch Lehrer an Berliner Schulen machten ernüchternde Erfahrungen. Als kürzlich eine Klasse am Morus-Gymnasium (Ausländeranteil: 70 %) über den Ehrenmord diskutierte, verteidigten vier Schüler das Verbrechen. Hatuns Brüder hätten richtig gehandelt, meinte ein junger Türke. "Die Hure lief doch rum wie eine Deutsche."</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Brexit: Gigantischer Protestzug in London - May „nicht mehr haltbar“?
Eine Demo gegen den Brexit in London ist offenbar zu „einer der größtem Protestmärsche in der Geschichte Großbritanniens“ geworden. Alle Brexit-News im Ticker.
Brexit: Gigantischer Protestzug in London - May „nicht mehr haltbar“?
„Wahlwerbung für Rechtspopulisten“: JU-Chef rechnet mit Merkel ab - und erntet Zorn aus eigener Partei
Der neue JU-Chef Tilman Kuban will das Profil der CDU schärfen - und schießt dabei übers Ziel hinaus. Sein Zitat von der „Gleichschaltung“ in der Partei sorgt für Zoff.
„Wahlwerbung für Rechtspopulisten“: JU-Chef rechnet mit Merkel ab - und erntet Zorn aus eigener Partei
Zehntausende bei "Gelbwesten"-Protesten in Frankreich
Erneut haben Anhänger der "Gelbwesten"-Bewegung in Paris und anderen französischen Städten demonstriert. In der Vorwoche war es vor allem in der Hauptstadt zu schweren …
Zehntausende bei "Gelbwesten"-Protesten in Frankreich
Zehntausende wegen „Artikel 13“ auf der Straße - in München kommen die meisten
Es geht um Uploadfilter - in den Augen der Kritiker aber auch um das Internet. In ganz Deutschland sind am Samstag zehntausende Menschen gegen „Artikel 13“ auf die …
Zehntausende wegen „Artikel 13“ auf der Straße - in München kommen die meisten

Kommentare