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Polizeikräfte in Ferguson.

„Die Nerven liegen blank“

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Die Politologin Joyce M. Mushaben arbeitet an der staatlichen University of Missouri in St. Louis – nahe dem Vorort Ferguson. Ein Interview über die Eskalationen.

-Ferguson – was ist das für eine Gegend?

Es liegt auf der Grenze zwischen Stadt und Landkreis – in den 1960er Jahren sind viele bessergestellte Weiße aus Gegenden wie Ferguson in Vororte gezogen, weil die Schulen dort besser waren. Aber die Gegend, die jetzt im Fokus steht, gehört nicht zu den ärmsten – bis in die 90er war es dort gut gemischt.

-Jetzt nicht mehr?

Nein. Die Wohlhabenden zogen weg – was bleibt übrig? Geringverdiener und Arbeitslose. Es gibt dort viele Wohnkomplexe und Häuser, die wenig wert sind.

-Eine Ghettoisierung?

Ferguson ist eher ein Arbeiterviertel. Aber es gibt eine Konzentration: 1980 lebten dort 85 Prozent Weiße, 2010 nur noch 29 Prozent. Die Aufteilung in City und County ist strikt, jeder hat seinen Bürgermeister und bleibt im Kiez.

-Wie hoch ist die Kriminalität?

Höher als in weißen Vierteln. Das Problem: Es ist hier viel leichter, eine Pistole zu kaufen, als ein Rezept von der Apotheke abzuholen.

-Wie ist das Verhältnis zur Polizei? Zu Politikern?

Nur sechs von 65 Polizisten dort sind schwarz. Die meisten Bürger, die von der Polizei angehalten werden, sind schwarz. Fast alle werden durchsucht. Aber die wenigen Weißen, die kontrolliert werden, tragen im Verhältnis viel häufiger etwas Illegales mit sich herum. Die kommunale Wahlbeteiligung lag unter zehn Prozent. Deshalb haben sie dort einen weißen Bürgermeister, im Bezirksrat sitzt nur ein Schwarzer.

-2012 gab es den Fall Trayvon Martin in Florida. Spielt der jetzt wieder eine Rolle?

Der ist ganz anders gelagert. Die, die jetzt auf die Straße gehen, sind – vorsichtig ausgedrückt – nicht die, die immer Zeitung lesen. Viele, die verhaftet wurden, kamen aus Kalifornien und New York. Die Leute hier verlangen alle, dass der Polizist sofort verhaftet wird, ohne die Untersuchung abzuwarten.

-Jetzt ist die Nationalgarde vor Ort. Welches Signal ist das für die Bürger?

Kein positives. Hier ist alles in die Brüche gegangen. Es hatte sich etwas beruhigt, als ein schwarzer Offizier von der „State Patrol“ aus dem Viertel die Verantwortung übernahm. Als zwei Tage später die Sperrstunde in Kraft trat, wurde wieder die lokale Polizei eingesetzt, die vor allem weiß ist. Die Nationalgarde heizt die Stimmung noch auf.

-Stecken politische Fehler hinter der Eskalation?

Die Leute verstehen das nicht politisch. Die Parteien hier in Missouri sind sehr konservativ, die haben nur zwei Themen: Waffen und Abtreibung. Bei uns kann man mit einer Waffe in die Kirche gehen! Dort und in Krankenhäusern, Unis oder Gerichten dürfen keine Waffen-Verbotsschilder aufgehängt werden. Das führt natürlich zu Selbstjustiz.

-Wirft man Obama vor, er habe die Schwarzen im Stich gelassen? 

Nein. Das Interesse für Bundespolitik ist nicht sehr groß, vor allem nicht bei den jüngeren Menschen.

-Was könnte die Situation entschärfen?

Es gibt hier viele kleine Solidaridätsbekundungen und eine starke Gemeinschaft. Zahlreiche Freiwillige räumen nach den Krawallen auf, die Uni hilft Inhabern geplünderter Geschäfte. Das wird helfen, langsam wieder Vertrauen aufzubauen. Wie die Polizei das in Griff bekommt? Mit Massenverhaftungen – um die kriminellen Demonstranten auszusortieren.

-Die Verhaftung von Journalisten hat nochmal Öl ins Feuer gegossen. Sind die Behörden überfordert?

Ja. Die Nerven liegen blank. Sie sind unter Druck, müssen beweisen, dass sie keine Rassisten sind. Wir brauchen mehr Streifenpolizisten, die zu Fuß oder auf Rädern unterwegs sind, die die Leute im Viertel kennen. Warum schreien sie aus den Fahrzeugen heraus die jungen Männer an? Dieser Stil schafft kein Vertrauen. Die Angst der Polizei, erschossen zu werden, ist nicht grundlos. Es ist so leicht, eine Waffe zu bekommen!

Interview: Carina Lechner

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