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„Eine Hysteriewelle“: Russlands Generalkonsul Andrej Grozow vor dem Konsulat.

Russlands Generalkonsul im Interview

"Die Stereotypen vom Kalten Krieg"

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München - Gibt es Krieg um die Krim-Halbinselff? Der Westen wirft Russland vor, militärische Gewalt vorzubereiten. Eine falsche Sichtweise, klagen russische Diplomaten. Generalkonsul Grozow, seit 2009 in München, formuliert das im Interview mit unserer Zeitung.

Herr Generalkonsul, welche Stimmung aus Bayern, aus Deutschland, melden Sie nach Moskau?

Andrej Grozow: Die Berichte über Stimmung hier sind Ihre Sache. Die Stimmung in meinem Land ist: Große Sorge um die Schicksale unserer slawischen Brüder in der Ukraine, mit denen wir enge historische, kulturelle, religiöse Verbindungen haben. Die Mehrheit des russischen Volkes unterstützt die Handlungen meiner Regierung.

Bayern hat enge Kontakte zu Russland und zu Präsident Putin gepflegt. Verlangen Sie von der Staatsregierung prorussische Töne?

Nein. Das ist nicht nötig. Wir haben ein gutes Verhältnis. Bayern ist Vorreiter der deutsch-russischen Beziehungen. Ich bin überzeugt: Unsere Partner werden nach der Hysteriewelle wieder zur Besonnenheit finden. Man kann kurzfristig einem Land Schaden zufügen – langfristig würde der Schaden aber beiderseits sein. Das sollte bedenken, wer irgendwelche Sanktionen fordert.

Verlangen Sie von der deutschen Politik ein Abrücken von den Sanktions-Rufen gegen Russland?

Die deutsche Politik muss das selbst abwägen und entscheiden. Ich rate, sich von eigenen Interessen leiten zu lassen statt von Interessen der Länder, die nicht auf unserem Kontinent Nachbarn sind.

Zur Drohkulisse gehören mögliche Visa-Beschränkungen für Russen, die in den Westen wollen. Würden Sie das umgekehrt auch androhen?

Wir brauchen keine Drohungen. Das ist nicht unsere Art und Weise, mit dem Partner umzugehen. Die Verhandlungen mit der EU über Visa-Erleichterungen sind übrigens eh schon lange auf Eis gelegt.

Merkel hat zu Obama angeblich gesagt, Präsident Putin verliere den Kontakt zur Realität. Ist das ein angemessener Stil?

Ich habe über dieses Gespräch einen anderen Bericht erhalten. Darin ist davon überhaupt keine Rede.

Europa diskutiert, ob Putin Aggressor oder Beschützer auf der Krim ist. Lässt ihn das kalt?

Den Begriff Aggression haben Sie sich ausgedacht, die sogenannte freie unabhängige Presse. Welche Aggression werfen Sie uns vor?

Den massiven Militäraufmarsch an der Krim und im Schwarzen Meer.

Sie müssen schon professionell arbeiten und solche Gerüchte überprüfen. Der Präsident hat vom Parlament das Recht bekommen, Truppenstationierungen zur Stabilisierung der Lage zu nutzen, aber keinen Gebrauch davon gemacht. Russland hat schon lange seine Flotte in Sewastopol stationiert. Diese Einheiten mischen sich nicht in die innenpolitische Situation der Ukraine ein.

Es gab keine Truppenverstärkung?

Wir haben Maßnahmen durchgeführt, um die Sicherheit unserer Flotte in Sewastopol zu gewährleisten.

Die Ukraine hat ihre Streitkräfte in Kampfbereitschaft versetzt. Gibt es Krieg um die Krim?

Das ist die Entscheidung dieser Kräfte in der Ukraine, die mit der Hilfe des Westens an die Macht gekommen sind. Wir wollen keinen Krieg.

Sie sprechen von „diesen Kräften“. Ist für Sie Wiktor Janukowitsch noch der legitime Präsident der Ukraine?

Ja. Nach der Verfassung der Ukraine ist das so.

Der Begriff „Kalter Krieg“ kursiert wieder in diesen Tagen. Zurecht?

Diese Erklärungen zum Beispiel von den Vereinigten Staaten, die Russland peinigen sollen, erinnern uns tatsächlich an Stereotypen vom Kalten Krieg.

Beeindruckt Sie ein Boykott der Paralympischen Spiele durch Großbritannien und die USA?

Wissen Sie – ein Boykott schadet nur den Sportlern, die sich viele Jahre darauf vorbereitet haben.

Was muss Ihrer Ansicht nach passieren, damit sich die Lage auf der Krim beruhigt?

Die Lage auf der Krim ist ruhig. Das bleibt auch so, wenn die in Kiew an die Macht gekommenen Leute nicht versuchen, mit den rechtsradikalen Kräften die Lage zu destabilisieren. Aber die Einwohner der Krim werden sich bestimmt dagegen wehren.

Interview: Christian Deutschländer, Carina Lechner, Angelo Rychel.

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