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Schöne Ferien? Christine Haderthauer macht ihrem urlaubsreifen Chef Horst Seehofer Probleme. Die Modellbau-Affäre ist derzeit kaum zu kontrollieren.

Modellauto-Affäre

CSU diskutiert über Haderthauer-Rücktritt

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München - Der Landtag macht den Weg frei für Ermittlungen gegen Ministerin Christine Haderthauer. In der CSU wird diskutiert, ob sie nicht doch besser zurücktreten sollte. Die Staatsanwälte haben weit reichende Fragen.

Vor ein paar Tagen saß Horst Seehofer erschöpft im Hofgarten vor seiner Staatskanzlei und dachte, er sei urlaubsreif. „Ja, uneingeschränkt“, sagte er in Stakkato-Sätzen. Er plane „Nix“. Nur: „Ausschlafen. Relaxen.“ Der Ministerpräsident sehne sich, so befand die „Welt am Sonntag“ mitfühlend, nach einem tiefen Sommerloch. Inzwischen ist klar: Daraus wird nichts. Die Affäre um seine Ministerin Christine Haderthauer versaut dem Regenten die Ferien.

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Haderthauer kassierte noch 2008 bei Modellbau-Firma

Die Spitze des Landtags will am Donnerstagmorgen die 48-Stunden-Frist für ein Veto gegen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft schweigend verstreichen lassen. Dann können die Ermittler die Rolle der Staatskanzleichefin in der Modellbau-Affäre untersuchen. Mit vielleicht weitreichenden Folgen: In Teilen der CSU wird nach Informationen unserer Zeitung erwartet, dass Haderthauer spätestens im Herbst zurücktreten muss. „Die Geschichte ist zu übel“, heißt es sehr weit oben in der Partei. Das Risiko immer neuer Vorwürfe sei arg hoch, das bisherige Krisenmanagement schlecht. Nennenswerte Unterstützer habe sie nicht.

Tatsächlich sind die Reihen in der Landtags-CSU, wo Minister ihre Machtbasis haben, alles andere als geschlossen. Halblaut klagen Abgeordnete, in der Verwandtenaffäre seien sie abgestraft worden, für Haderthauer aber gelte pauschal die Unschuldsvermutung. Seehofer sei zu weit gegangen mit seiner Solidarität. Neulich habe er ihren Zugriff auf Staatskanzlei-Ressourcen in der Affäre noch mit dem Hinweis gestützt, Privates und Politisches lasse sich nicht trennen. Jetzt argumentiere er, privater Justiz-Ärger habe doch nichts mit der Politik zu tun.

Das wundert einige in der Fraktion. Andere raten aber, sie auf keinen Fall auf Basis eines Ermittlungsverfahrens fallen zu lassen. Ex-Staatssekretär Jürgen W. Heike etwa verweist auf den Abgang des Ex-Bundespräsidenten: „Man hat Wulff ungerechtfertigt kaputtgemacht – wir sollten daraus gelernt haben.“

Haderthauer richtet nun einen zweiseitigen Bitt-Brief an die gespaltene Fraktion: „Ich versichere Euch, der Vorwurf ist nicht haltbar.“ Sie beklagt eine „Diffamierungskampagne“ der Opposition, die nicht Schule machen dürfe, und hofft auf Solidarität („bin darauf angewiesen“). „Ich werde Euer Vertrauen rechtfertigen“, gelobt sie. Bald würden wohl auch Fragen aus einem Steuer-Verfahren gegen ihren Ehemann öffentlich diskutiert. Sie verspricht, im Internet „in Kürze“ weitere Details offenzulegen.

Tatsächlich reichen die Vorwürfe der Staatsanwälte, munitioniert von einem frustrierten Ex-Geschäftspartner in der einst gemeinsamen Firma „Sapor Modelltechnik“, weit. Zentral ist die Frage, ob Haderthauer bis 2007 oder sogar 2008 in der Firma aktiv gewesen ist, die mit hochwertigen Modellautos handelte. Liefen Firmengelder in jenen Jahren über ihr Konto? Auch sind Dienstreisen nach Paris und in die Türkei spannend, die jemand mit Haderthauers Initialen abgerechnet haben soll. Die Ministerin hat laut Ohrenzeugen intern erklärt, das sei ihre Tochter gewesen. Die Zeitfragen sind auch politisch relevant: Die Staatskanzlei teilte auf eine SPD-Anfrage vom 4. Juni dem Landtag schriftlich mit, Haderthauer habe die Firma 2003 verlassen. Käme die Justiz zu einem anderen Schluss, hätte die 51-Jährige den Landtag belogen – ein klarer Rücktritts-Anlass für Politiker.

Schafft es die Ministerin nicht, alle Vorwürfe zeitnah zu entkräften, muss sie wohl gehen. „Wenn sich eine Verfahrenseröffnung ergibt, auch wenn das noch kein Schuldspruch ist, ist das ein Punkt, an dem sie im Amt nicht mehr zu halten wäre“, glaubt Politik-Professor Heinrich Oberreuter. Auch er sieht ein schlechtes Krisenmanagement.

Oberreuter stört sich bereits am Geschäftsmodell. Das Unternehmen, an dem Christine Haderthauer und ihr Mann Hubert, ein Landgerichtsarzt, beteiligt waren, hatte von Strafgefangenen gefertigte hochwertige Modellautos weiterverkauft. Über die Höhe der Gewinne kursieren unterschiedliche Angaben. „Ich halte das ganze Geschäftsmodell für mehr als ein Geschmacksproblem“, sagt er.

Haderthauer und ihr vorerst solidarischer Chef Seehofer hangeln sich nun von Tag zu Tag. Er sagt vorgeblich gelassen, dann solle die Opposition halt einen Untersuchungsausschuss machen. Am Dienstag steht dann der nächste Spießroutenlauf an, wenn das Kabinett in Nürnberg tagt. Dort sollte öffentlichkeitswirksam der „Frankenplan“ vorgestellt werden, mit dem die Staatsregierung Millionen über Nordbayern verteilt. Alle Augen dürften sich indes auf die Südbayerin Haderthauer richten.

Ihre weiteren Karriere-Ambitionen sollte sie nach Ansicht vieler Parteifreunde so oder so beerdigen. Im Kreis der Seehofer-Kronprinzen dürfte Haderthauer nicht mehr genannt werden. „Falls sie jemals in der Reihe dringewesen ist oder sich selbst reingestellt hat“, sagt Experte Oberreuter ohne Milde, sei das nun vorbei. „Das halte ich für ausgeschlossen.“

Von Christian Deutschländer und Mike Schier 

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