1. Startseite
  2. Politik

Documenta: „Blanker Judenhass“ – Antisemitismusvorwürfe überschatten diesjährige Kasseler Kunstausstellung

Erstellt:

Von: Linus Prien

Kommentare

Alle fünf Jahre findet die „Documenta“ in Kassel statt. Es handelt sich um eine Kunstausstellung. Dieses Jahr wird sie von der Antisemitismus-Debatte um einige Künstler überschattet.

Documenta verhüllt umstrittenes Banner – Künstlerkollektiv erklärt sich zu Antisemitismusvorwürfen

Update vom 20. Juni, 21.15 Uhr: Auf der documenta fifteen wird das Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi nun verhüllt. Gemeinsam mit der Geschäftsführung und der künstlerischen Leitung habe sich das Kollektiv „entschieden, die betreffende Arbeit zu verdecken und eine Erklärung dazu zu installieren“, teilte die documenta mit. Das großflächige Banner war aufgrund seiner Figurendarstellungen in die Kritik geraten, antisemitisches Gedankengut verbreiten zu wollen. „Alle Beteiligten bedauern, dass auf diese Weise Gefühle verletzt wurden“, heißt es laut AFP vonseiten der Verantwortlichen.

Taring Padi äußerte sich mittlerweile dahingehend, die Werke enthielten „keine Inhalte, die darauf abzielen, irgendwelche Bevölkerungsgruppen auf negative Weise darzustellen.“ Im Gegenteil würde sich das Künstlerkollektiv „für die Unterstützung und den Respekt von Vielfalt einsetz[en]“.

Knobloch entsetzt über „blanken Judenhass“ auf documenta in Kassel

Update vom 20. Juni, 20.00 Uhr: „Als Mitglied der jüdischen Gemeinschaft, aber auch als Bürgerin dieses Landes bin ich entsetzt über den blanken Judenhass, der sich im Bild von Taring Padi zeigt. Personen mit Schläfenlocken und SS-Runen, dazu ein Schweinekopf mit der Aufschrift „Mossad““, äußerte sich nun auch Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, schockiert über ein Monumentalgemälde auf der documenta fifteen in Kassel. Die Ankündigung, das Gemälde teilweise zu verdecken und der Grenzüberschreitung „durch Anbringung einer Fußnote die Spitze nehmen zu können“, so Knobloch, sei „absurd“. Das Gemälde sei plump antisemitisch.

Ursprungsmeldung vom 19. Juni: Die Kunstmesse „Documenta“ sieht sich auch nach der Eröffnung mit Vorwürfen von Antisemitismus konfrontiert. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, kritisierte die Macher der Ausstellung. Klein sagte gegenüber der Bild am Sonntag: „Es ist den Verantwortlichen der Documenta nicht gelungen, die Antisemitismus-Vorwürfe in glaubwürdiger Weise auszuräumen. Das bedaure ich sehr, insbesondere nach der hierzu erhitzt geführten öffentlichen Diskussion.“

Documenta: Steinmeier zweifelte, ob er überhaupt erscheinen würde

Am Samstag (18. Juni) hatte sich auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kritisch über das indonesische Kuratorenkollektiv geäußert. Der Gruppe „Ruangrupa“ war vorgeworfen worden, auch Organisationen einzubinden, die den kulturellen Boykott Israels unterstützten oder antisemitisch seien.

Selten habe eine Documenta im Vorfeld eine so heftige Debatte hervorgerufen wie die diesjährige, sagte Steinmeier. „Ich will offen sein: Ich war mir in den vergangenen Wochen nicht sicher, ob ich heute hier sein würde“, sagte er in seiner Eröffnungsrede mit Blick auf die Antisemitismus-Debatte um die Schau 2022.

documenta-Eröffnung in Kassel: Bilder vom Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und dem Rad-Protest, der sich gegen die Sperrung des Radwegs auf dem Steinweg richtete.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte die documenta-Eröffnung in Kassel. © Andreas Fischer

Documenta: Anerkennung Israels in Deutschland sei Grundlage und Voraussetzung von Debatte, sagt Steinmeier

Klein, seit 2018 der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, sagte dazu der Bild am Sonntag: „Ich teile die kritische Einschätzung des Bundespräsidenten. Es kann nicht sein, dass Antisemitismus Teil des von der öffentlichen Hand geförderten künstlerischen Diskurses in Deutschland ist.“ Steinmeier hatte gesagt, Kritik an israelischer Politik sei erlaubt.

„Doch wo Kritik an Israel umschlägt in die Infragestellung seiner Existenz, ist die Grenze überschritte“, so der Bundespräsident. Er habe im Vorfeld der Schau „manchen gedankenlosen, leichtfertigen Umgang mit dem Staat Israel“ beobachtet, sagte er weiter. Die Anerkennung Israels sei in Deutschland aber Grundlage und Voraussetzung der Debatte.

Documenta: Auch CDU-Ministerpräsident nimmt die Antisemitismus-Vorwürfe ernst

Auch Hessens Ministerpräsident Boris Rhein betonte zuvor, er nehme den Antisemitismus-Vorwurf sehr ernst. „Deutsche Politiker können dazu nicht einfach so sang- und klanglos nichts sagen, wenn im Land der Täter der Shoah der Vorwurf des Antisemitismus erhoben wird“, betonte er und fügte hinzu: „Wer ein freiheitliches und ein lebenswertes Land will, der kann Antisemitismus nicht dulden.“ Das gelte auch für „die heimlichen Spielarten der Israel-Kritik als Ersatz-Antisemitismus“.

Vor dem Hintergrund der politischen Debatte um die Documenta fifteen wurde der Eröffnungstag von kleineren Kundgebungen pro-palästinensischer und pro-israelischer Gruppen begleitet. (lp/dpa)

Auch interessant

Kommentare