„Er war ziemlich wütend“

Trump gibt erstes TV-Interview: US-Medien reagieren ungewohnt - ein neuer Kurs?

  • Astrid Theil
    vonAstrid Theil
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Donald Trumps erstes Live-Interview nach der Macht-Übergabe hätte Wellen lostreten können - Twitter-Nutzer stürzten sich darauf. Doch US-Leitmedien reagierten anders als erwartet.

Washington, D.C. - In seinem ersten Live-Interview nach der Amtsübergabe an US-Präsident Joe Biden thematisierte Donald Trump vor allem eines: Sich selbst. Dabei sollte es eigentlich um den verstorbenen Radio-Moderator und Trump-Wegbereiter Rush Limbaugh gehen. Entsprechend fielen die Reaktionen auf seinen Auftritt in den sozialen Netzwerken aus. Twitter-Nutzende urteilten hart über den Ex-Präsidenten. Aber auch über Limbaugh, der sich zu Lebzeiten mit seinen Hasstiraden gegen Minderheiten viele Feinde machte. Ein User fand dazu harte Worte: „Trumps Interview mit Fox News, in dem er im Grunde nur über sich selbst spricht, ist genau die Art von Denkmal, die Rush Limbaugh verdient.“

In US-Leitmedien wie der New York Times oder der Washington Post wurde Trumps Auftritt hingegen kaum beachtet. Das fiel dem Washington-Post-Journalisten Dave Weigel deutlich auf. Er kommentierte: „So sehr ich all die ‚Reporter, die bemerken, dass Trump existiert, ist das Problem‘-Tweets schätzte, gab er heute drei Interviews und das machte nicht genug an Nachrichten für die NYT- oder WashPost-Homepages. Fox hat ihn als Seitenleiste für ihre Limbaugh-Berichterstattung“. Womit er offenbar meinte: Trumps Auftritt blieb seltsam unbeachtet.

Immer weniger Auftritte: Trump nutzt jede Gelegenheit, um Misstrauen zu säen

Das Telefoninterviews am Mittwoch (17. Februar) mit dem Fernsehsender Fox News nutzte Trump, um Wahlbetrugsvorwürfe gegen seinen Nachfolger Joe Biden zu erneuern. Eigentlich sollte dem am selben Tag morgens verstorbenen konservativen Radio-Moderator Rush Limbaugh gedacht werden. Daran war Trump aber offenbar weniger interessiert.

Da die Medienauftritte des ehemaligen US-Präsidenten seit dem Amtsantritt seines Nachfolgers Joe Biden stetig abgenommen haben, sah sich Trump wohl dazu genötigt, diese Gelegenheit zu nutzen, um erneut Misstrauen zu säen. Das Gedenken an den Moderator nutzte er kurzerhand für eigene Zwecke. Am Nachmittag schaltete er sich ein und betonte erneut, dass ihm der Wahlsieg im November gestohlen worden sei. „Rush war der Meinung, dass wir gewonnen haben. Ich auch“, äußerte Trump im Interview. „Er war ziemlich wütend deswegen.“ Trump bezeichnete den Wahlausgang als „Schande“ und betonte, dass nicht nur der verstorbene Rush über den Sieg Joe Bidens wütend gewesen sei, sondern das gesamte Land.

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Donald Trump, Ex-Präsident der USA, sät weiter Misstrauen. (Archiv)

Die Fox News-Interviewer Harris Faulkner und Bill Hemmer ließen Donald Trump mit seinen Falschinformationen und erneuten Vorwürfen gewähren. Trump äußerte im Interview, dass „das einem Demokraten“ nicht hätte passieren können. In einer solchen Situation hätte es überall Unruhen gegeben. Darüber hinaus sei er „enttäuscht von der Wählerliste“. „Wir waren in der Wahlnacht wie ein Land der Dritten Welt“, so Trump.

Aufstachelung zum Aufruhr: Donald Trump erkennt Wahlsieg Joe Bidens nicht an

Trump hat den Sieg seines demokratischen Kontrahenten Joe Biden bei der Präsidentschaftswahl am 3. November vergangenen Jahres nie richtig anerkannt. Seine Vorwürfe des Wahlbetrugs konnte er jedoch zu keinem Zeitpunkt belegen, da keine Beweise für eine Manipulation vorgelegt wurden. Zahlreiche Klagen der Republikaner gegen den Wahlausgang scheiterten.

Stattdessen setzten die Demokraten im US-Kongress ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn in Gang. Damit sollte unter anderem bewirkt werden, dass er für zukünftige Ämter gesperrt ist. Am Wochenende wurde Trump allerdings in dem Verfahren vom Senat freigesprochen.

Erstürmung des US-Kapitols: Ausbruch der Gewalt

Die demokratische Partei wirft Trump wiederum vor, bereits lange vor der Präsidentschaftswahl im November gezielt Misstrauen gesät zu haben. Warnungen vor einem anstehenden Wahlbetrug äußerte Trump Monate vor der eigentlichen Wahl. Er bezog sich dabei wiederholt auf das Briefwahlverfahren, das wegen der Corona-Pandemie von vielen US-Amerikanern für die Abgabe ihrer Stimme genutzt wurde. Die US-Demokraten werfen den ehemaligen Präsidenten vor, auf diese Weise seine Anhängerschaft aufgehetzt zu haben.

Nach seiner Niederlage habe er konsequenterweise den Sieg seiner Kontrahenten infrage gestellt. Diese Entwicklung gipfelte schließlich in der Erstürmung des US-Kapitols. Am 6. Januar hatten radikale Anhänger des ehemaligen Präsidenten den Kongresssitz gewaltsam erstürmt. An dem Tag war das Parlament zusammengekommen, um Joe Bidens Sieg zu bestätigen. Bei den Zusammenstößen kamen insgesamt fünf Menschen ums Leben. Darunter war ein Polizist. Unmittelbar vor der Erstürmung des Kapitols hatte Donald Trump bei einer Kundgebung betont, dass ihn der Sieg gestohlen worden sei. (dpa/at)

Rubriklistenbild: © Evan Vucci/dpa

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