Frauen bei einer Demonstration für Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro im März 2020 in Sao Paulo.
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Frauen bei einer Demonstration für Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro im März 2020 in Sao Paulo.

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Trump, Bolsonaro, Putin: Warum Macho-Populismus bei Frauen ankommt

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Donald Trump ist nicht der einzige Rechtspopulist, der einen aggressiven Regierungsstil pflegt – und erstaunlich gut bei Frauen ankommt.

  • Rechtspopulisten feierten in den vergangenen Jahren rund um den Globus Wahlerfolge - trotz fragwürdiger Haltungen gegenüber Frauen.
  • Politiker wie Donald Trump und Jair Bolsonaro finden auch bei der weiblichen Wählerschaft großen Rückhalt.
  • Die Journalistin Jill Langlois arbeitet in dieser Analyse die Hintergründe des Phänomens heraus.
  • Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 1. Dezember das Magazin Foreign Policy.

Miriam Goulart war geknickt, als Präsident Donald Trump die Wahl verloren hatte. Die 45-jährige brasilianische Mutter von drei Kindern hatte Trump - den sie als „beharrlich“ beschreibt und als jemanden, der „das Beste für sein Land“ will - die Daumen gedrückt. Er erinnert sie an den Präsidenten ihres eigenen Landes: Jair Bolsonaro, noch so ein forscher Kerl, der auf einer Welle populistischer Wut an die Macht geritten ist und durch seine öffentlichen Äußerungen über Frauen Kontroversen ausgelöst hat. Bolsonaro sagte einmal zu einer weiblichen Kongressabgeordneten, er werde sie nicht vergewaltigen, weil sie es „nicht verdient“ habe.

Trump, Bolsonaro, Duterte, Duda: „Macho-Populismus“ gewinnt rund um den Globus Wählerinnen

Diese Rhetorik hat weder Goulart abgeschreckt noch die Millionen anderen Frauen auf der ganzen Welt, die Führungspersonen wie Trump und Bolsonaro trotz ihrer Frauenfeindlichkeit verehren. Trump wurde zwar nicht wiedergewählt, aber er erhielt im Jahr 2020 mehr Stimmen von Frauen als vier Jahre zuvor. Auch wenn Trumps Niederlage seiner Marke des „Macho-Populismus“ einen Dämpfer verpasst haben könnte – weltweit erfreuen sich führende Politiker wie Bolsonaro, der philippinische Präsident Rodrigo Duterte und der polnische Präsident Andrzej Duda weiterhin eines starken Rückhalts vieler Frauen, was darauf hindeutet, dass das Phänomen nicht so bald verschwinden wird. Und in vielen Fällen sind es Frauen, die ihm Auftrieb verleihen.

Es gibt zwar nicht die eine Erklärung dafür, warum Frauen in verschiedenen Ländern Macho-Populisten unterstützen – also Politiker, die ein Ideal männlicher Dominanz verkörpern –, aber es sind einige Gemeinsamkeiten erkennbar. Frauen sind tendenziell religiöser als Männer; eine Tatsache, die Macho-Populisten oft zu ihrem Vorteil nutzen. Trump hat aggressiv um religiöse Wähler geworben, und drei Viertel der weißen Evangelikalen stimmten 2020 für ihn. In Brasilien und Polen herrscht eine ähnliche Dynamik, die Frauen zu Männern hinzieht, die den traditionellen Geschlechternormen zu entsprechen scheinen.

Populisten mit Fokus auf der „Kernfamilie“: Bolsonaro spricht Gläubige und Frauen an

Als Ellen Nunes (29) darüber nachdachte, wen sie bei den brasilianischen Präsidentschaftswahlen 2018 wählen sollte, fand sie alles, was sie sich wünschte, in Bolsonaro, einem ehemaligen Militärhauptmann, der versprochen hatte, die christlichen Ideale wiederherzustellen – in einem Land, in dem 81 Prozent der Bevölkerung Katholiken oder Evangelikale sind.

„Er spricht von Prinzipien, die auf der Kernfamilie basieren. Genau das brauchen wir zu Hause“, sagt Nunes. Sie wuchs in einem Elternhaus auf, in dem galt: „Männer waren Männer und Frauen waren Frauen“, und sie hat kein Problem mit dem, „was viele andere Leute als Sexismus oder Autoritarismus seitens des Präsidenten sehen“.

Claudia Félix, ebenfalls Brasilianerin, 49 Jahre, verheiratet, zweifache Mutter, ist ähnlich unbekümmert. „Männer reagieren typischerweise anders als Frauen“, so Félix. „Sie sind direkter, vor allem, wenn sie wie er beim Militär waren.“

Macho-Populisten: „Messias“, harte Abtreibungslinie und Kampf gegen Drogen und Verbrechen

Bei öffentlichen Auftritten benutzt Bolsonaro oft seinen zweiten Vornamen Messias und stellt sich so rhetorisch mit Christus dem Erlöser gleich. Er hat seinen Anhängern erzählt, er sei auserwählt worden, um das brasilianische Volk von dem Chaos zu erlösen, das Korruption, Gewalt, radikale Linke und der Feminismus verursacht haben. „Bolsonaros Unterstützer verhalten sich so, als seien sie seine Jünger“, meint Daniela Gomes von der kanadischen McGill-Universität, derzeit Gastprofessorin für internationale Studien am Trinity College in Hartford, Connecticut. „Sie beten ihn an, egal was er tut.“

Jair Bolsonaro und Donald Trump bei ihrem Treffen im März 2020

In Polen errang mit Andrzej Duda in diesem Sommer ein Präsident mit knappem Vorsprung die Wiederwahl, der die LGBTQ-Rechte als eine „Ideologie“ bezeichnete, die destruktiver sei als der Kommunismus. Einige Monate später lobte er ein Gerichtsurteil, in dem Abtreibungen aufgrund von Fehlbildungen bei Föten – die die meisten im Land durchgeführten Schwangerschaftsabbrüche ausmachen – als verfassungswidrig erklärt wurden. (Nach landesweiten Protesten ruderte er etwas zurück.)

Ein weiterer Punkt: Weibliche Anhängerinnen des Macho-Populismus teilen häufig den Wunsch nach einer harten Linie in der Verbrechensbekämpfung. Auf den Philippinen hat sich Duterte als Beschützer der Frauen stilisiert, von denen viele glauben, er habe zu ihrer Sicherheit beigetragen. Der Präsident hat einen gewaltsamen Krieg gegen Drogen geführt, der mehr als 8.600 Tote forderte. Letztes Jahr hat er ein Gesetz unterzeichnet, das öffentliche sexuelle Belästigung unter Strafe stellt.

Trump oder Duterte: Übergriffe auf Frauen und negative politische Effekte stören Wählerinnen offenbar nicht

Für viele seiner Unterstützer verschleiern diese Maßnahmen Dutertes unzählige Äußerungen, in denen er sexuelle Gewalt zu fördern scheint, zum Beispiel als er einen Anstieg der Vergewaltigungsfälle in seiner Heimatstadt der Tatsache zuschrieb, dass es dort „viele schöne Frauen“ gebe. Er hat zugegeben, als Teenager ein Hausmädchen sexuell belästigt zu haben, und philippinische Soldaten angewiesen, weiblichen Rebellen in die Genitalien zu schießen – mit den Worten: „Ohne Vagina sind sie nutzlos.“ Duterte beharrt darauf, dass dies Scherze seien, und viele philippinische Frauen glauben ihm. Als er bei einer Veranstaltung in Südkorea eine Migrantin gewaltsam küsste, sahen viele Filipinas dies nicht als Übergriff, sondern als Zeichen der Nahbarkeit.

„Es wird empfunden als: ‚Er ist einer von uns. Er findet uns nicht abstoßend‘“, erklärt Sharmila Parmanand, die an der Universität Cambridge in Gender Studies promoviert hat.

Aber macho-populistische Rhetorik, in der Frauen oft als keusch und schutzbedürftig fetischisiert werden, steht teilweise im Gegensatz zu den tatsächlichen Auswirkungen der Politik. Dutertes Drogenkrieg hat reihenweise Frauen wirtschaftlich und physisch verwundbarer zurückgelassen. Durch Trumps Ausweitung der Mexico City Policy [eine Richtlinie, gemäß der Organisationen, die Dienstleistungen im Zusammenhang mit Schwangerschaftsabbrüchen anbieten, sämtliche US-Fördergelder gestrichen werden] wurden die Mittel für Dienste der reproduktiven Gesundheit in den Vereinigten Staaten und weltweit drastisch gekürzt. Bolsonaro hat Brasiliens langjähriges Sozialhilfeprogramm Bolsa Família gekappt, dessen finanzielle Unterstützung 13 Millionen Familien, die in Armut und extremer Armut leben, in Anspruch nehmen – die meisten davon geführt von alleinerziehenden Müttern. In Wladimir Putins Russland sind einige Formen häuslicher Gewalt entkriminalisiert worden. Und unter dem indischen Premierminister Narendra Modi hat die sexuelle Gewalt gegen Frauen trotz seines Versprechens einer „Null-Toleranz-Politik“ zugenommen.

Machos an der Macht: Auch Frauen sind nicht immer die bessere Alternative - und warum weiße Frauen Trump wählten

Mehr Frauen in Machtpositionen sind auch nicht unbedingt die Rettung. Die neu gewählte US-Kongressabgeordnete Marjorie Taylor Greene, die französische Politikerin Marine Le Pen, die brasilianische Politikerin Joice Hasselmann und andere weibliche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens haben sich eine harte, anti-feministische Politik zu eigen gemacht. „Das männliche populistische Charisma spricht sowohl Männer als auch Frauen an“, so Susi Meret, außerordentliche Professorin für Politik und Gesellschaft an der Universität Aalborg in Dänemark.

In den USA wirkt dieser Reiz deutlich stärker bei weißen Frauen: 55 Prozent von ihnen stimmten für Trump (zwei Prozentpunkte mehr als 2016). Sowohl schwarze als auch hispanische Frauen wählten mit überwältigender Mehrheit Joe Biden - doch Trump erhielt im Jahr 2020 auch von ihnen einen höheren Anteil der Stimmen als 2016. „Manche Frauen sehen in dem, was da an der Grenze [zu Mexiko] mit Sterilisationen geschieht [dort sollen Migrantinnen ohne ihr Wissen sterilisiert worden sein] oder was Gemeinschaften von Farbigen zustößt, keinerlei Bezug zu ihrem eigenen Leben“, erklärt Christina M. Greer, außerordentliche Professorin für Politikwissenschaft und Amerikanistik an der Fordham University. „Wir alle verfügen über mehrere Identitäten, und ich glaube, viele weiße Frauen haben sich für die Identität der Hautfarbe anstatt der des Geschlechts entschieden.“

Trump und Bolsonaro: Brüchige Freundschaft unter Politiker gleichen Schlags

Die Niederlage von Trump bedeutet zwar nicht das Ende des Macho-Populismus, aber sie könnte die in den letzten Jahren entstandene Koalition gleichgesinnter Anführer schwächen. Macho-Populisten haben kein Geheimnis aus ihrer Zuneigung zueinander gemacht. Chinas Präsident Xi Jinping hat Putin als seinen „besten und Busenfreund“ bezeichnet. Bolsonaro hat Trump immer wieder gelobt und auf einer Tagung der Generalversammlung der Vereinten Nationen im vergangenen Jahr sogar „I love you“ zu ihm gesagt.

Doch bei den jüngsten Kommunalwahlen in Brasilien erlitt er herbe Verluste. Achtundsiebzig lokale Kandidaten hatten „Bolsonaro“ neben ihren Namen geschrieben – Kandidaten dürfen auf den Stimmzetteln Spitznamen anfügen –, als Ausdruck ihrer Loyalität gegenüber dem amtierenden Präsidenten. Nur einer von ihnen wurde gewählt. Bolsonaro scheint sich nun vom scheidenden US-Präsidenten zu distanzieren; Berichten zufolge sagte er nach Trumps Niederlage, dieser sei „nicht der wichtigste Mensch der Welt“.

Bolsonaro erleidet Schlappe bei Kommunalwahlen - Wählerin bleibt gelassen: „Wie könnte man diesen Präsidenten nicht lieben“

Goulart sieht die mangelnde Unterstützung Bolsonaros bei den Kommunalwahlen nicht als Verlust, sondern als einen Schritt auf dem Weg zu Veränderungen. Und sie ist sich sicher, dass er 2022 wieder gewinnen wird. „Es ist erst zwei Jahre her, dass die Menschen aufgewacht sind“, meint sie. „Nicht alles wird sich in vier Jahren ändern, in nur einer Amtszeit.“ Goulart glaubt noch immer, dass Bolsonaros militärische Härte genau das ist, was Brasilien braucht.

„Schauen Sie, was er bereits mit der Bevölkerung gemacht hat“, sagt sie. „Er hat alle zum Denken angeregt. Das ist spektakulär. Wie könnte man diesen Präsidenten nicht lieben?“

von Jill Langlois

Jill Langlois ist freiberufliche Journalistin und lebt in São Paulo, Brasilien. Sie schreibt unter anderem für die New York Times, Fortune und USA Today.

Dieser Artikel war zuerst am 1. Dezember 2020 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern von Merkur.de zur Verfügung.

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