Twitter als politisches Sprachrohr

Donald Trumps sinkender Stern: Wenn sich plötzlich niemand mehr für den Ex-US-Präsidenten interessiert

  • Anna-Katharina Ahnefeld
    vonAnna-Katharina Ahnefeld
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Er war laut. Er regierte über Twitter. Er beherrschte die Schlagzeilen vier Jahre lang. Doch seit der Amtsübergabe an Joe Biden wird es zunehmend still um Donald Trump.

Washington/Palm Beach - Während der vierjährigen Präsidentschaft Donald Trumps klebte die öffentliche Aufmerksamkeit an ihm wie Gaffer-Tape. Wie am Tropf flossen seine Skandale, seine neuesten Tweets und Auftritte in die mediale Berichterstattung ein, die Welt wachte damit auf, ging damit ins Bett. Bis zum 9. Januar, an dem der Kurznachrichtendienst Twitter den Account Donald Trumps nach der Stürmung des US-Kapitols sperrte. Bis zum 20. Januar, an dem der Demokrat Joe Biden das mächtigste Amt der Vereinigten Staaten übernahm.

Donald Trump als singuläres Ereignis, als eine Anomalie des Washingtoner Politik-Betriebs zu verbuchen, ist schlichtweg falsch. Der sogenannte Trumpismus als rechtspopulistischer Politikstil hat Knospen in der Republikanischen Partei geschlagen. Das öffentliche Interesse an der Wurzel, am Ursprung, scheint jedoch mehr und mehr verloren zu gehen: Donald Trump selbst. Das zeigt der „Trump Index“ des Unternehmens Socialflow. Der Index misst täglich auf einer Skala von 0 bis 100 die Medienrelevanz Trumps. Socialflow verfolgt dabei das Klick-Verhalten von Menschen bei Artikeln, die über soziale Netzwerke verbreitet werden. Kurz gefasst: Das Unternehmen weiß, wie interessiert Internet-Nutzende an Donald Trump sind. Der Mittelwert liegt bei 50, also: das durchschnittliche Interesse an Donald Trump an einem Tag.

Donald Trump: Öffentliches Interesse an Ex-US-Präsidenten sinkt - Bedeutung von Twitter für seine Politik

„Letztendlich zermürbt Donald Trump jeden“, sagte kürzlich ein Vertrauter Jared Kushners, Trumps Schwiegersohn, gegenüber CNN. Seine Präsidentschaft war für seine Beobachter:innen oftmals, als würde man in die grelle Sonne schauen. Und das vier Jahre lang. Dass Donald Trump aktuell noch immer der mächtigste Republikaner ist, steht dabei außer Frage. Auch eine weitere Präsidentschafts-Kandidatur bei den US-Wahlen 2024: durchaus im Bereich des Möglichen. Das zweite Impeachment aufgrund seiner Rolle in der Stürmung des US-Kapitols sollte eben diese Möglichkeit eliminieren. Erstmals stimmten ganze sieben Republikaner:innen parteiübergreifend für ein Amtsenthebungsverfahren in den eigenen Reihen. Bemerkenswert. Dennoch: Seine Macht in der Grand Old Party ist noch immer ungebrochen. Ende Februar hielt er auf einer wichtigen konservativen Konferenz der Republikaner seine erste Rede nach der Amtsübergabe.

Den höchsten Trump-Peak verzeichnete der Index am 6. Januar 2021, der Stürmung des US-Kapitols. Seit Mitte vergangenes Jahr zeigte der „Trump Index“ ein stetig wachsendes Interesse an Donald Trump. Doch vor allem singuläre Ereignisse, die die Skala nach oben trieben, fallen ins Auge: Donald Trumps erstes Impeachment, sein Ratschlag zur Corona-Bekämpfung Desinfektionsmittel zu injizieren, seine Covid-19-Erkrankung und natürlich die US-Wahlen. All das verdeutlicht lediglich einen Trend, einen undifferenzierten Blick auf das mediale Interesse an Donald Trump. Doch es unterstreicht, dass dieses seit seiner Abwahl dramatisch eingebrochen ist. Im März lag der Index mehrmals bei fünf, niemals über 20. Seitdem Donald Trumps Twitter-Account, sein politisches Sprachrohr, gesperrt wurde, ist das Interesse der Öffentlichkeit dramatisch gesunken.

Nach Stürmung US-Kapitol: Trump fehlt sein Sprachrohr, seine Auftritte - Mary Trump zu Wahl-Niederlage

Dennoch ist es falsch, angesichts dieses Trends anzunehmen, dass das öffentliche Interesse an seinem Handeln wirklich versickert. Eher gibt es einfach nicht viel Neues über ihn. Trump fehlt Twitter. Sein öffentlicher Auftritt. Ein Medium. Sein Verschwinden von der Bildfläche hängt also zumindest in Teilen damit zusammen, dass ihm seine Macht und sein Sprachrohr genommen wurden. So sagte auch Mary Trump, seine Nichte und große Kritikerin zuletzt, ihm habe die Sperrung seines Twitter-Accounts mehr zugesetzt als seine Niederlage bei der US-Wahl. Ihm ist damit die Verbindung zu seiner Basis, seiner Anhängerschaft und zur Welt verloren gegangen. Mit seiner Rolle bei der Stürmung des US-Kapitols hat sich der ehemalige Präsident seinen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert. Sein Politikstil war laut und unbeherrscht, provokant und bewusst gegen das Establishment. Er war einer, den man nicht übersehen konnte. Womit er vermutlich am wenigsten gerechnet hat, ist das, was ihm nun passieren könnte: ein stilles Verblassen. (aka)

Rubriklistenbild: © MANDEL NGAN / AFP

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