Politik mit Weitblick: Donald Trumps Twitter-Beleidigungen haften den Opfern noch lange an.
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Politik mit Weitblick: Donald Trumps Twitter-Beleidigungen haften den Opfern noch lange an.

Beleidigungen am laufenden Band

Bei Trump ist jedes Wort ein Tiefschlag - wie der US-Präsident auf perfide Weise punktet

  • Marc Beyer
    vonMarc Beyer
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Nicht erst in der Corona-Krise zeigt sich, dass Donald Trump ausschließlich das Stilmittel der Attacke und Beleidigung beherrscht. Sein Faible für Spitznamen hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag.

  • Donald Trump lässt kein gutes Haar an seinen Widersachern und denen, die es einmal werden könnten.
  • Seine endlosen Beleidigungen sind allerdings eine erfolgreich praktizierte Masche.
  • Nur bei einer Kontrahentin kennt er offenbar die Grenze.

München - Die Schrumpfung des Michael Bloomberg verlief nach bewährtem Muster. Wochen bevor der Milliardär im Herbst seine Präsidentschaftskandidatur bekannt gab, stimmte sich der Erzfeind auf ihn ein. Als „kleinen Michael“ verhöhnte Donald Trump* bei Twitter jenen Mann, der ihn aus dem Weißen Haus befördern wollte.

Von da an tauchte die Formulierung immer wieder auf, wenn es um Bloomberg ging. Bis zu seinem Rückzug und darüber hinaus. Im Englischen klingt sie noch ein bisschen gehässiger: „Mini Mike“.

Trump spottet über demokratische Kandidatn wegen ihrer indianischen Wurzeln

Bloomberg kann sich trösten. Erstens war ihm klar, was passieren würde. Und zweitens befindet er sich in namhafter Gesellschaft. Vor ihm gab es etliche andere Politiker, an denen sich Trump abarbeitete. Über die frühere Kandidatin Elisabeth Warren* spottet er beharrlich als „Pocahontas“, weil sie vor Jahren von ihren indianischen Wurzeln sprach. 

Dann wäre noch die „betrügerische“ Hillary Clinton („Crooked Hillary“), die „nervöse“ Nancy Pelosi, der „verrückte Professor“ Bernie Sanders - und natürlich der „schläfrige“ Joe Biden* („Sleepy Joe“), heute sein großer Rivale.

Für Trump nur der „schläfrige Joe“: Joe Biden ist sehr wahrscheinlich der demokratische Präsidentschaftskandidat.

Trump ist keine Beschimpfung zu erniedrigend

Verlogen, schleimig, durchgeknallt, Versager - das Niveau kennt keine Untergrenze. Die Wikipedialiste der Trump-Spitznamen umfasst mehr als 150 Einträge. Auch Parteifreunde sind vor ihm nicht sicher. Eine Gruppe von republikanischen (Kurzzeit-)Präsidentschaftskandidaten taufte er in Anlehnung an ein Komikertrio aus der Schwarzweißfilmzeit „die drei Stooges“.

Viele Menschen haben von Donald Trump das Bild eines affektgesteuerten Rüpels, den seine Berater nicht in den Griff bekommen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Trump weiß durchaus, was er tut, selbst in jenen unschönen Momenten, wenn er zornbebend den Gegner in Grund und Boden twittert.

Politik-Experte verfolgt Trumps Vorgehen „mit zunehmenden Entsetzen“

Ob das Masche ist oder ein unschöner Charakterzug? „Wahrscheinlich beides“, sagt Udo Sonnenberg. Der Politikberater aus Berlin verfolgt das Phänomen seit Jahren, „mit zunehmendem Entsetzen“. Immer wenn er dachte, es ginge nicht schlimmer, zielten Trumps Schläge noch ein bisschen tiefer. Der politische Diskurs ist längst vergiftet, mit voller Absicht.

Es sei „genau die Strategie, den Gegner größtmöglich zu diffamieren“, weiß Sonnenberg. Seiner Wählerschaft signalisiere er: „Wir räumen mit dem sogenannten Establishment auf.“ Trump ist das Gegenteil von staatstragend. Dass es ihm die Basis dankt, jener Teil, der auf seiner Seite einer tief gespaltenen Gesellschaft steht, ist längst belegt.

Ihn nennt Tump schlicht „Mini Mike“: Mike Bloomberg scheiterte bei den US-Vorwahlen deutlich an Biden.

Trump verpasst seinen Konkurrenten langlebige Etiketten

Das Perfide an dieser Praxis ist, dass man sich kaum wehren kann. Ist das Etikett erst mal aufgetragen, haftet es hartnäckig. „Das ist wie bei der Frage ,Schlagen Sie Ihre Frau immer noch?’“, sagt Sonnenberg. Auf die Antwort kommt es gar nicht mehr an. Wer sich verteidigt, lenkt erst recht die Aufmerksamkeit darauf.

In gewisser Weise schien Trump - zumindest vor Corona - der logische Präsident* für eine Zeit zu sein, in der die politischen Verhältnisse oft unübersichtlich sind und die Sehnsucht nach Vereinfachung groß. Bolsonaro in Brasilien, Johnson in Großbritannien, früher auch Salvini in Italien - sie alle hatten und haben ihn sich in der einen oder anderen Weise zum Vorbild genommen. Gerade aus Trumps Tweets spricht „größtmögliche Komplexitätsreduktion“, wie Sonnenberg es nennt. Wenige Worte, maximale Wirkung. Kein Wunder, dass Twitter, der 280-Zeichen-Dienst, sein bevorzugtes Medium ist.

Trumps Worte sind jedes Mal ein Tiefschlag 

Und so schwer es fällt, eines muss man ihm lassen: Wenn es darum geht, den Gegner punktgenau zu treffen, kommt niemand an ihn heran. Er agiert auf ungesunde Weise virtuos. Jedes Wort ist ein Tiefschlag. Dass Trump Hemmungen hätte zuzulangen, ist so selten wie ein Lob für Hillary Clinton.

Wenn es überhaupt eine Schamgrenze gibt, verläuft sie vielleicht zwischen ihm und Greta Thunberg*. Er hat die junge Schwedin mehrfach verspottet („Entspann dich, Greta, entspann dich!“). Aber ein Mädchen von 17 Jahren in typischer Trump-Manier mit einem Zwei-Wort-Etikett („schräge Greta“?) lächerlich zu machen, davor scheint sogar er zurückzuschrecken.

Und noch etwas fällt auf. Trump mag unermüdlich sein im Niedermachen des Gegners, aber er neigt zu Wiederholungen. Die Attribute „verrückt“ oder „klein“ tauchen in der Liste seiner Opfer ein halbes Dutzend Mal und öfter auf. Wer mag, kann daraus Trost schöpfen: Selbst dem Großmeister der üblen Nachrede gehen irgendwann die Beleidigungen aus. (Marc Beyer) *merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

Wie dramatisch die Lage in der Corona-Krise ist, erfahren Sie in unserem News-Ticker aus den USA. In seinem Wahlkampf scheint Trump in die Tiktok-Falle getappt zu sein. Mit Kanye West hat sogar einer der größten Trump-Bewunderer seine Kandidatur angekündigt.

Corona-Experte Fauci mahnt zu einem „sofortigen“ Handeln in den USA.

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