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Lebhaft in den Gesten, klar in der Aussage: Dorothee Bär (40, CSU) im Interview mit der Redaktion des Münchner Merkur.

Interview mit der Staatsministerin

Dorothee Bär, CSU-Frau fürs Digitale: „Mancher Kollege ist mit 40 vergreist“

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In Berlin reiben sie sich manchmal die Augen, wenn Dorothee Bär aufgetreten ist. Und die Ohren. Das ist eine CSU-Ministerin? Auch im Interview mit der Redaktion des Münchner Merkur spricht Bär Klartext. 

Die junge Fränkin, 40, verheiratet, dreifache Mutter, pflegt eine sehr direkte Sprache und einen forschen, selbstbewussten und mitunter selbstironischen Auftritt, kümmert sich um Internet-Themen. Auf Instagram, einem Netzwerk, das mancher Parteifreund noch nicht mal buchstabieren könnte, versorgt „dorobaer“ 18 000 Abonnenten mit Eindrücken aus ihrem Leben. Schlagzeilen machte die Bundestagsabgeordnete, als sie Mitte März zur Digital-Staatsministerin berufen wurde – Sitz im Kanzleramt, täglicher Kontakt zur Bundeskanzlerin. Bär sieht Merkel übrigens weit weniger skeptisch als viele ihrer Parteifreunde. Seit 2017 ist sie auch stellvertretende CSU-Vorsitzende.

-Der neue Digitalrat der Bundesregierung tagt. Viele denken sich: Nicht noch ein Laber-Gremium! Was denken Sie?

Für diese Sorge habe ich totales Verständnis. Der Gedanke hinter diesem Digitalrat ist aber: Wir wollen ein Expertengremium für die Kanzlerin schaffen. Digitalisierung muss Chefinnensache sein. Mit dem Rat von internationalen Experten im Rücken ist es auch leichter, Widerstände auch in einer Regierung zu überwinden. Wir sind in manchen Bereichen zu langsam.

-Die Kanzlerin selbst war es doch, die vom Internet als „Neuland“ sprach.

Der Satz vom „Neuland“ war doch absolut treffend. Wir müssen in der Bevölkerung Überzeugungsarbeit leisten, in Firmen und auch in der Politik. Ich wollte es nicht glauben – aber selbst im Kanzleramt gibt es noch eine Rohrpost. Es ist auch im Jahr 2018 noch ein täglicher Kampf, Abläufe zu digitalisieren.

-Zu den Digital-Problemen gehört eines, das vielleicht unterschätzt wird: Die ältere Generation fühlt sich abgehängt von der Technologie, überrollt. Müssten Sie sich nicht mehr um die kümmern?

Ja, müssen wir. Für mich ist das aber keine Frage des Alters im Pass, sondern des geistigen Alters. Ich habe im Bundestag 40-jährige Kollegen, die in Digitalfragen schon vergreist sind – und 80-Jährige, die jeden Tag mit ihren Enkeln in Kanada skypen und mit mir über ApplePay diskutieren. Meine Eltern haben mir vor 30 Jahren gesagt: Nein, mit diesen CDs, das fangen wir nicht mehr an – inzwischen haben sie ihre Plattensammlung digitalisiert und streamen Musik. Wir müssen die Menschen mitnehmen, wir dürfen nicht mit zu vielen Fachbegriffen um uns werfen. Und wir brauchen Weiterbildungsangebote, digitale Volkshochschulen.

- Haben wir Deutschen eine Digitalphobie?

Nein. In anderen Ländern wurde Digitalisierung aber von oben verordnet, da gab es nach einer bestimmten Frist nur noch die digitale Option. Das gäbe bei uns einen riesigen Aufschrei, weil wir größere Angst vor Transparenz und Datenklau haben. Das ist ein bisschen schizophren: Wir sind das Land der Rabattkarten, Coupons und Preisausschreiben, werfen jedem unsere Daten hinterher – sind aber bei Technologie die großen Bedenkenträger.

-Immerhin: Ihr Parteivorsitzender Seehofer, dem früher noch das Internet ausgedruckt wurde, will künftig auch twittern. Gute Idee?

Ich habe erst etwas geschluckt. Grundsätzlich finde ich das ja gut – allerdings muss ein Medium auch immer zur Person passen. Ich habe mal gesagt: Twitter ist heute nur noch ein Forum für Politiker, Journalisten und Psychopathen. Das war zwar im Scherz, aber etwas Wahres ist leider dran.

-Sie sind selbst mehr auf anderen Plattformen aktiv, Instagram zum Beispiel. Was bringt’s, wenn Politiker dort Fotos beim Baden oder Welpenstreicheln verbreiten?

Viel. Instagram erreicht Millionen Jugendliche. Für viele Schüler bin ich der einzige Politiker, den sie kennen. Viele senden mir Nachrichten, fragen nach, erzählen ihren Eltern: Hey, ich kenne jemanden im Kanzleramt. Ich beantworte alles, was keine Beleidigungen oder Anzüglichkeiten enthält, selbst.

-Sie gelten in der CSU als Senkrechtstarterin...

...finde ich nicht. Ich mache Politik, seit ich 14 bin. Das sind jetzt 26 Jahre.

-Finden Sie schade, dass die CSU außer Ihnen vor allem durch ältere Herren repräsentiert wird?

Mich stört auch, dass wir nur wenige Frauen in der ersten Reihe haben. Das hat verschiedene Gründe. Medien interessieren sich – das weiß ich aus meiner Zeit als Vize-Generalsekretärin – selten für Stellvertreter. Hinzu kommt das Zeitmanagement: Ich habe gemerkt, wie schwierig es ist, drei kleine Kinder großzuziehen und gleichzeitig so schnell wie die Männer Karriere zu machen.

-Noch vor der Berufung ins Kanzleramt haben Sie Schlagzeilen gemacht: Halb Deutschland amüsierte sich über Ihr Interview zu „Flugtaxis“. Verstehen Sie die Häme?

Irgendwie erinnert mich das an die Angst bei der Verbreitung der Eisenbahn, bei den neuen Geschwindigkeiten würden die Reisenden an Sauerstoffmangel ersticken. Flugtaxis werden schon in wenigen Jahren viele Verkehrsprobleme lösen, die Überhitzung in den Städten zurückdrehen, den ländlichen Raum besser anbinden. Wir können nicht jede Autobahn zwölfspurig ausbauen – wir brauchen neue Technologien. Die Strecke Innenstadt-Flughafen dauert dann keine zehn Minuten mehr.

-Ist es eine tolle Technologie, den Himmel über Starnberger See mit rasselnden Flugtaxis zu überziehen?

Unkenrufe! Das werden leise, elektrische Flugzeuge auf genau definierten Routen, die hört man gar nicht, wenn sie auf Flughöhe sind. Stellen Sie sich das nicht als Bienenschwarm vor.

-Wann könnte das Realität werden?

Ich möchte noch in dieser Legislaturperiode meinen Jungfernflug antreten. Und zwar nicht in irgendeiner entfernten Testregion, sondern auf einer realen Strecke.

-Das wäre also spätestens 2021. So schnell?

Wenn Sie drei Jahre schnell finden – dann ja.

-Blicken wir auf Ihre CSU in Bayern. Können Sie uns erklären, warum Sie bei 38 Prozent dümpeln? Macht’s Söder falsch?

Das hat meines Erachtens wenig mit dem letzten halben Jahr zu tun, sondern mit einigen Themen und Personalgeschichten vorher. Söder hat in seine Rolle als Landesvater gefunden und – was für mich als Digitalstaatsministerin besonders wichtig ist – die Bedeutung der Digitalisierung für den Freistaat erkannt. Wir haben uns als Partei leider vorher nicht glücklich verhalten. Unsere Stammwähler sind im Vergleich zu anderen Parteien wesentlich harmoniebedürftiger. Streit wird nicht geschätzt. Die Leute sprechen mich zuhause auf der Straße, im Supermarkt, so oft an: „Einigt’s euch!“

-War das Hickhack Söder/Seehofer schädlich?

Ich fand nicht glücklich, wie das gelaufen ist.

Zusammengefasst von Christian Deutschländer

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