Musiker Leslie Mandoki kandidiert bei der Landtagswahl 2013 in Bayern für die CSU.

Rocker will in den Landtag

Darum kandidiert Leslie Mandoki für die CSU

Tutzing - Den Rocker mit den Zottelhaaren zieht es zur CSU. Warum in aller Welt kandidiert Leslie Mandoki für den Landtag? Hausbesuch bei einem gebürtigen Ungarn, der sich als bayerischer Patriot entpuppt.

Das Interview nimmt eine jähe Wendung. Dabei hat es noch nicht einmal begonnen. Der Herr Mandoki schätze es, so sagt die Mitarbeiterin an der Tür resolut, wenn Gesprächspartner gut vorbereitet seien. Sie geht dann mal voraus, draußen ums Eck, zu einem abgedunkelten Container mit zehn dicken Plüschsesseln. Man solle nun einen kleinen Film kucken. Ein Film, sehr wohl. Hinter ihr schließt sich die Stahltür, man weiß nicht genau, ob sie von innen aufgeht. Von außen öffnet sie sich jedenfalls lange nicht. Doch, einmal noch kommt die Dame rein und dreht fürsorglich den Ton um einiges lauter.

Der kleine Film, er wird anderthalb Stunden dauern. Es wäre übertrieben zu sagen, die Zeit ginge schnell vorüber. Draußen blinzelt die Frühlingssonne über den Starnberger See, drinnen in der Dunkelheit flimmern Prominente über die Leinwand. Sie teilen sehr ausdauernd mit, dass Leslie Mandoki großartig ist, ein Kerl, ein Talent, ein Genie.

„Ein unglaublicher Musiker“, sagt Lionel Richie. „Das sind die Größten“, sagt Thomas Gottschalk. „Good man“, sagt Phil Collins. „Eine Legende“, sagt Johannes B. Kerner. Es folgen (hier nur eine kleine Auswahl) Robin Gibb, Chaka Khan, Peter Maffay, Günther Jauch, Bonnie Tyler, Ian Anderson, Toto, Franz Beckenbauer und Angela Merkel. Nach einer halben Ewigkeit, es könnte die 70. Minute sein, spreizt Udo Lindenberg die Finger zum Victory-Zeichen und nuschelt unter dem Hut hervor: „Geil, dass wir Dich haben.“

Seehofers Facebook-Party in Bildern

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Ja geil, und jetzt will er auch noch Politiker werden. Dafür ist das Interview ja verabredet. Leslie Mandoki aus Tutzing, gerade 60 geworden, kandidiert für die CSU bei der Landtagswahl. Er soll auf der oberbayerischen Liste Zweitstimmen sammeln. Leute, die mit der CSU sonst fremdeln, sollen seinen Namen lesen: Den kenn’ ich. Den wähl’ ich.

Ein Politiker. Man stelle sich vor, Horst Seehofer würde an der Staatskanzlei-Pforte einen verpflichtenden 90-Minüter vorführen, mit Merkel-Statement, dass der Horst halt echt der hellste Hecht im Karpfenteich ist. Vielleicht wär’s keine so gute Idee. Im Fall Mandoki wird deutlich, dass der Eitle vom PR-Video und der Echte im Haus hinter dem Kino-Container ganz unterschiedliche Typen sind.

Jener Mandoki, der dann am Abend die Türe zu seinem Studio öffnet, lässt binnen Sekunden alle Vorsätze zusammenfallen, ihn wegen der Filmzwangsvorführung übelst zu beschimpfen. Er ist ein angenehmer Gastgeber mit funkelnden Augen. Lacht viel, ist emotional, geht aus sich raus. „Er sieht so aus“, schrieb mal ein Magazin, „wie man selbst auf dem alten Foto im Führerschein aussieht und nicht mehr aussehen will.“ Schulterlanges Zottelhaar, wilder schwarzer Schnurrbart. Haar und Bart beben, wenn er was Wichtiges sagt. Und er hat einiges zu sagen an diesem Tag. Als erstes ist mit einem kleinen Ärgernis aufzuräumen.

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Im Video gibt’s eine Szene, da singen etliche Promis, von Mandoki zusammengetrommelt: „Don’t let me be missunterstood.“ Das ist genau die Botschaft: Leute, unterschätzt mich nicht. In den 80ern trat Mandoki als Frontmann der Klamauk-Band „Dschinghis Khan“ auf. Er sang in Strumpfhosen: „Auf Brüder / sauft Brüder / rauft Brüder / immer wieder! / Lasst uns noch Wodka holen, hohohoho / denn wir sind Mongolen, hahahaha.“ Diese Zeilen und die Bilder wird er nicht mehr los. „Grauenvoll“, sagt er heute. Er hasst es, er wird fuchsteufelswild, wenn man ihn darauf reduziert.

Der Saufmongole, Hu, Ha! Die Wahrheit ist: Mandoki bringt ein Leben mit, das atemlos macht. Er wuchs im kommunistischen Ungarn auf, Sohn eines Geigers. Als Kind erlebte er, wie Aufständische in der Küche der Familie verbluten. Mandoki studierte Schlagzeug am Konservatorium in Budapest, lehnte sich auf. Das Regime antwortete mit Spielverbot. Der junge Mann näherte sich der Entscheidung seines Lebens.

„Ich saß am Totenbett meines Vaters“, erzählt Mandoki leise. „Er sagte: ,Versprich mir, dass meine Enkelkinder nie zensierte Zeitungen lesen werden.‘ Ich saß da und sagte: ,Vater, der eiserne Vorhang…‘ Er sagte: ,Finde ein Loch darin. Geh.‘“

Das Loch, das Mandoki fand, war dunkel, acht Kilometer lang und lebensgefährlich. Der Ungar flüchtete durch einen Eisenbahntunnel nach Österreich. Tagelang beobachtete er die Wachleute. Sie hätten Kopfgeld bekommen für jeden erschossenen Flüchtling. Mit rohem Fleisch lenkte der 22-Jährige die Hunde am Eingang ab. In kleine Nischen in der Karawankentunnelwand gepresst, alle 50 Meter, überlebte er die herandonnernden Züge.

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In zerrissenen Kleidern kam Mandoki im Westen an. Er wolle Musik machen, sagte er den ratlosen Beamten, die ihn ins Zentrallager für Asylanten in Zirndorf einwiesen. Die ersten Leute, die ihn draußen aufnahmen, nennt er seither „Mutti“ und „Vati“. Dschinghis Khan war für ihn nur ein Broterwerb in der ersten Phase. Berühmt aus Versehen. Er schämt sich wohl dafür. Man möchte ihm sagen: Da sitzen andere mit größeren Sünden im Landtag.

„Ich war ein unangepasster Kerl“, sagt Mandoki bei einer Runde durch sein Haus am Hang. „Ich bin es noch immer.“ Was nicht einschließt, dass ihm die Mechanismen des Marktes nicht passen würden. Das riesige Studio im Keller, perfekt gefedert und gedämpft, mit Bösendorfer-Flügel und Riesenmischpult, dürfte Millionen gekostet haben. Im Treppenhaus ist kaum ein Zentimeter Wand frei, alles verdeckt von Goldenen Schallplatten. Das Vermächtnis des Vaters heißt für Mandoki: „Lebe deinen Traum und träume nicht dein Leben.“ Er wurde einer der erfolgreichsten Komponisten und Produzenten der Welt.

Nein, er hätte kein Mandat nötig oder die 6800 Euro Diät. Mandoki stapft in sein Büro oben im Haus, Panorama über den abendlichen See, schwarzes Ledersofa, dahinter ein kleines rotes Lamborghini-Modell. Im Landtag würden sie ihm ein größeres Wohnklo anbieten als Büro, Blick auf ein paar Hauswände in Haidhausen. Es wird also Zeit für die Frage: Wieso?

Mandoki brummelt, dann dreht er unerwartet auf. „Bayern darf nicht fallen“, ruft er, als ginge es um Krieg und Frieden. „Dieses Land wurde sowas von dermaßen in Ordnung gebracht“, sogar den Berlinern könne man jetzt Milliarden überweisen, aus der Portokasse. Es folgt ein leidenschaftliches Kurzseminar über die Finanzpolitik. Und noch viel mehr.

Ehe die Gründe nicht alle aus Mandoki herausgepurzelt sind in seinem wilden Dialekt, der E zu Ä macht, sind Zwischenfragen sinnlos. Er springt: Bayerns Umwelt, geistiges Eigentum, Schuldenpolitik, Börsenzockertum. „Hochfrequenzhandel und Wetten auf den eigenen Untergang – das gehört abgeschafft. Wenn die EU eine Glühbirne und das Rauchen verbieten kann und die Krümmung der Gurken reguliert, dann muss sie auch das verbieten!“ Er haut auf den Tisch, gestikuliert, das Haar weht. Die Gesellschaft drohe zu zerreißen. „Das kann doch nicht wahr sein.“ Dazwischen ein Wort, das hier nicht gedruckt werden kann. Und der entschuldigende Nachsatz: „Es geht um Ethik, um Werte! Deshalb werde ich laut.“

Er wird auch wieder leise, nachdenklich. Da pirscht sich Verständnis an, warum dieser Kerl in die Politik wechseln will. „Ein ehemaliger Asylant kann besser erkennen, wie liebenswert und tolerant diese Gesellschaft ist“, sagt er. „Ich möchte Mut machen.“ Patriotismus, der Bart bebt. „Ich möchte meiner Heimat Bayern etwas zurückgeben.“

Man wusste, dass er die Schwarzen mag. Der CDU komponierte er 2009 den Wahlkampf-Song „Wir sind wir“. Bei Edmund Stoibers 70. Geburtstag 2011 spielte er mit seiner Promi-Band „Soulmates“. Stoiber filmt Mandokis Konzerte in jugendlicher Begeisterung mit dem Handy. Aber gleich kandidieren?

Das ist einer der witzigsten Coups der CSU-Bezirksvorsitzenden Aigner. Er nennt sie „meine liebe Freundin Ilse“. Künstler, das sind im konservativen Bayern oft Querköpfe, die sich an die Donau oder ins Isental setzen und gegen den Beton musizieren, gegen die CSU und für Marihuana. Dass einer von Weltruf sagt, es müsse so bleiben, dass in Bayern seine „liebe Freundin“ und der Seehofer regieren, ist eine schillernde Ausnahme. Die CSU, befindet Mandoki, sei „ein Antwortgeber“.

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Eine Antwort suchen sie noch in der Partei. Was, falls Mandoki voll gegen die Parteilinie spräche? Er kann sich in Rage reden, sogar minutenlang toben, Diplomatie: null. Mit Seiteneinsteigern machte die Union mitunter bittere Erfahrungen, man denke an die Blamage mit dem Steuer-Professor Kirchhof. Er werde „auch ein paar ungemütliche Aussagen machen“, kündigt Mandoki an. Da zucken sie in den Parteizentralen. Aber sie akzeptieren das Risiko.

Ehrlich gesagt, sind auch einige in der mittleren Ebene der CSU nur mäßig begeistert. Viele haben jahrelang Plakate geklebt, bei Apfelschorle geklüngelt, sich am Infostand beschimpfen lassen. All das, um wenigstens mal einen zweistelligen Listenplatz zu kriegen, ganz ohne PR-Video, aber mit der selben Überzeugung. Mandoki stellt gleich klar, er habe drei Großveranstaltungen zugesagt. Für Infostände am zugigen Marktplatz stehe er leider nicht zur Verfügung. „Nein, dazu habe ich die Zeit nicht in den 100-Stunden-Wochen eines Künstlers zwischen Shanghai, Los Angeles und München. Das war von vornherein klar.“ Er will kein Konzert weniger spielen, keinen Studiotag absagen.

Auch nicht am 20. April, wenn die CSU-Delegierten die Kandidatenliste mit ihm offiziell reihen, ein Hochamt des Hinterzimmers? Mandoki federt vom Sofa, geht zum großen Wandkalender: Konzert in Asien . 3. Mai, Großveranstaltung zur Nominierung von Seehofer? Shanghai, murmelt er bedauernd.

Es wird schon was kommen von ihm. Man munkelt von einem CSU-Wahlkampfsong, von einem fetzigen Konzert, dass der Basis das Hörgerät dröhnt. Sollten die Bayern allerdings auf die Idee kommen, Mandoki echt in den Landtag zu wählen, droht ein Kulturschock. Beiderseits. Der Landtag wäre nach Ungarn und dem Westen Mandokis dritte neue Welt. Es ist ein langer Weg von Franz Zappa zu Martin Zeil, von Amy Winehouse zu Emilia Müller. Sein Dienstvorgesetzter hieße aktuell Schorsch Schmid, er ist CSU-Fraktionsvorsitzender und pflegt Neuankömmlinge erst mal für fünf Jahre im Petitionsausschuss zu verräumen. Das ist ein Gremium, in dem einem die Handynummer von Phil Collins wenig nutzt.

Wenn er wirklich im Maximilianeum landet? Mandoki kratzt sich am Ohr, kurze Pause. Dann werde er seine unangepassten Ansichten halt im Landtag verkünden, sagt er. „Ich habe mich noch nie gedrückt vor Verantwortung. Sollte es nicht passen, dann war das eben ein kurzer Ausflug in die Politik.“

Von Christian Deutschländer

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