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Italienischer Bürgermeister erhält Dresdner Friedenspreis

Protest gegen Neonazis

Dresden-Gedenken setzt Zeichen für Menschlichkeit

Dresden - Ein Gedenken schlägt Brücken in die Gegenwart. Dresden erinnert an seine Zerstörung im Krieg und will dabei auch jene nicht vergessen, die als Opfer aktueller Konflikte leiden oder sogar sterben.

Dresden will beim diesjährigen Gedenken an die Zerstörung der Stadt ein Zeichen für Menschlichkeit setzen. Wenige Stunden vor den Veranstaltungen am Jahrestag der Bombardements wurde das bereits bei einem Festakt in der Semperoper deutlich. In einer bewegenden Feier wurden drei Italiener am Sonntagvormittag für ihr humanitäres Handeln geehrt. Der Bürgermeister des Dorfes Riace in Kalabrien, Domenico Lucano, erhielt den mit 10.000 Euro dotierten Dresdner Friedenspreis. Er nimmt seit Jahren Flüchtlinge in Riace auf und integriert sie in das Alltagsleben der kleinen Ortschaft.

Das Ehepaar Amalia und Giuseppe Gelardi erhielt einen Sonderpreis. Beide hatten ein 17 Jahre altes Mädchen aus Eritrea, das auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken war, in ihrem Familiengrab auf einem Friedhof in Sizilien beigesetzt. Die Auszeichnungen wurden vom Verein „Friends of Dresden“ verliehen und der Klaus Tschira Stiftung gefördert. Die Feier geriet zum Plädoyer für Humanität. In seiner Laudatio auf den Bürgermeister bezeichnete der frühere Dresdner Kunstsammlungschef Martin Roth Riace als „politisches Zukunftsmodell“ und wünschte Nachahmer: „Wir brauchen Menschen, die Haltung zeigen.“

Auf dem Theaterplatz besuchten parallel zum Festakt Hunderte Dresdner und Touristen das Kunstprojekt „Lampedusa 361“ - einen imaginären Friedhof. Er ist Teil des Dresden-Gedenkens. Auf 90 großformatigen Fotos sind Gräber von Flüchtlingen zu sehen, die im Mittelmeer umkamen. Auf vielen Foto-Gräbern liegen inzwischen Blumen oder stehen Kerzen. Dresden will in diesem Jahr bewusst die Erinnerung an die eigene Tragödie vor 72 Jahren mit dem Gedenken an jene verknüpfen, die vor Krieg, Hunger und Elend aus ihrer Heimat fließen und auch in Europa auf ein besseres Leben hoffen.

Dazu gehört auch eine Installation des Künstlers Manaf Halbouni vor der Frauenkirche - einem Symbol für Zerstörung und Wiederaufbau. Drei aufrecht stehende Busse erinnern an eine Barrikade, die es in der syrischen Stadt Aleppo tatsächlich gab. Rechte Demonstranten hatten am Dienstag die Einweihung der Installation massiv gestört. Gut 100 Anhänger des islam- und fremdenfeindlichen Pegida-Bündnisses schrien Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) nieder. Zuvor hatte er bereits Morddrohungen erhalten. Bei der Preisverleihung am Sonntag wurde Hilbert mehrfach für seine klare Haltung gedankt.

Mit zahlreichen Veranstaltungen soll nun am Montag, dem 72. Jahrestag der Bombardierung Dresdens, an die Opfer von einst und heute erinnert werden. Höhepunkt ist dabei eine Menschenkette, zu der sich am Abend Tausende Bürger zusammenfinden wollen. Die Dresdner Orchester spielen traditionell Gedenkkonzerte. Auf vielen Friedhöfen der Stadt werden Blumen und Kränze niedergelegt. Auch Gottesdienste, stille Andachten und andere Begegnungen sind geplant. Linke Demonstranten haben wie in den Vorjahren zu einem „Mahngang Täterspuren“ eingeladen, der zu Schauplätzen der NS-Herrschaft in Dresden führt.

Neonazis hetzen

Wie sehr die Stadt auch in Erinnerung an ihre Zerstörung gespalten ist, wurde am Samstag deutlich. Bis zu 1000 Menschen stellten sich einem Aufzug von mehreren hundert Neonazis in den Weg. Auf einer Kundgebung der Rechtsextremen verherrlichte der vorbestrafte Neonazi und Holocaust-Leugner Gerhard Ittner offen den Nationalsozialismus als „Modell für die ganze Welt“. Die Polizei ermittelt wegen Verdachts der Volksverhetzung. Rechtsextreme missbrauchen den Jahrestag immer wieder für ihre Zwecke und rechnen die Opferzahlen hoch, um so „alliierte Kriegsverbrechen“ zu belegen.

Dresden war am 13. Februar 1945 und in den beiden Tagen danach bei Luftangriffen der Briten und Amerikaner schwer getroffen worden. Das Zentrum fiel in Schutt und Asche. Die Zahl der Opfer konnte nie genau ermittelt werden. Nach Erkenntnissen einer Expertenkommission kamen bis zu 25.000 Menschen ums Leben. Experten bezweifeln aber den Mythos vom „unschuldigen“ Dresden. Die Stadt war nicht nur eine Hochburg der Nazis, sondern auch ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und Standort von Rüstungswerken.

dpa

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