Gastkommentar

"Oberbayern hat auch ohne dritte Startbahn beste Chancen"

München - An dieser Stelle bitten wir wechselnde Kolumnisten um ihren Widerspruch zu einer provokanten These. Diesmal: Florian von Brunn zum Streit über die dritte Startbahn.

Manche in der CSU wollen die dritte Startbahn am Münchner Flughafen offensichtlich um jeden Preis. Für sie spiegelt sich Fortschritt nur in Großprojekten, in viel Beton wider. Stillstand sei Rückschritt und an Straßen gebe es auch kein Nachtfahrverbot, so zum Beispiel Erwin Huber vor kurzem hier in dieser Zeitung.

Florian von Brunn ist SPD-Landtagsabgeordneter aus München

Abgesehen davon, dass Fluglärm noch schlimmer als Straßenlärm ist: Eine Mehrheit der Menschen in Bayern, vor allem viele Betroffene, sieht das anders. München und große Teile Oberbayerns sind nicht nur vom (Flug-)Lärm geplagt. Sie spüren die Schattenseiten des Wirtschaftsbooms auch am anschwellenden Verkehr, am Landschaftsverbrauch, an der Zunahme von Schadstoffen und Abgasen.

Mehr Wachstum bedeutet nicht automatisch mehr Lebensqualität und Wohlstand. Das zeigen auch die neuen Zahlen der Staatsregierung. Nicht im angeblich so reichen Oberbayern sind die Realeinkommen am höchsten, sondern in Oberfranken. Der Grund: Bei uns fressen die hohen Preise und Mieten das Einkommen auf. Oberbayern steht hier deshalb nur im bayerischen Mittelfeld. Das deckt sich mit der Lebenserfahrung: Viele Menschen können sich das Leben hier kaum leisten. Sie kämpfen täglich, um über die Runden zu kommen. München und Oberbayern haben also nicht nur Vorteile vom starken Wachstum.

Ein Motor läuft dann am besten, wenn er nicht ständig im roten Drehzahlbereich ist. In mancher Hinsicht fahren wir aber schon längst im roten Bereich. Deswegen ist eine genaue Analyse, ist Umdenken angesagt. Der Maßstab darf nicht die Menge an Beton sein, die verbaut wird. Wir brauchen qualitatives Wachstum, das die Lebensqualität und die Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen für die Zukunft in den Mittelpunkt stellt. Das Heimat und Natur erhält. Niemand braucht Angst zu haben: Oberbayern bleibt auch dann eine Wohlstandsregion, wenn der Flughafen nur als Teil der Verkehrsinfrastruktur verstanden wird. Wichtig ja, aber nicht unser Schicksal.

Der Flugverkehr spielt eine Rolle, aber natürlich auch der öffentliche Verkehr. Die Bahn ist wesentlich klima- und umweltfreundlicher als der Flugverkehr. Das hat das Umweltbundesamt in einer umfangreichen Studie nachgewiesen. Natürlich kann man nicht mit dem Zug in die USA fahren. Aber in viele deutsche Städte und ins angrenzende Ausland. Wozu auf diesen Strecken fliegen, wenn man ab 2017 zum Beispiel in weniger als vier Stunden vom Hauptbahnhof mit dem ICE Sprinter in der Mitte Berlins ist? Die Zahl der Starts und Landungen im Erdinger Moos ist in den letzten Jahren gesunken. Und der Bedarf wird weiter sinken, wenn die Bahn ihr Angebot verbessert und der Flughafen endlich direkt mit der Bahn angefahren werden kann. Die 3. Startbahn ist verzichtbar!

Ich hoffe, Horst Seehofer hat das verstanden. Bei der CSU bin ich mir nicht sicher. Das sieht der Ministerpräsident wohl auch so. München jedenfalls bleibt dabei: Der Bürgerentscheid gegen die dritte Startbahn gilt weiterhin. Deswegen wird die Landeshauptstadt auch ihre Anteile am Flughafen nicht verkaufen. Das hat die Münchner SPD gerade noch einmal auf ihrem Parteitag bekräftigt. Eine Hintertüre zur Startbahn gibt es mit uns nicht.Oberbayern hat auch ohne neue Startbahn beste Chancen. Wir brauchen aber eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung mit Augenmaß. Nicht die Adjektive größer, schneller, weiter, sondern die Substantive Qualität und Augenmaß sind die richtigen Stichworte für die Zukunft. Und wenn die Staatsregierung ein Großprojekt verwirklichen will: die zweite Stammstrecke für die Münchner S-Bahn ist schon lange überfällig. Die Menschen aus der Region würden es ihr danken.

Florian von Brunn ist SPD-Landtagsabgeordneter aus München

Rubriklistenbild: © dpa

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