Internationaler Anti-Drogen-Tag

Drogenbeauftragte: Zieht die Samthandschuhe aus!

Mehr Einsatz gegen Drogenschmuggler fordert Daniela Ludwig (CSU) im Interview.

Europa muss stärker gegen Drogen-Kriminalität vorgehen – und sich nicht zu sehr in Freigabe-Debatten verzetteln: Daniela Ludwig, neue Drogenbeauftragte der Bundesregierung, verlangt ein Umsteuern in der EU und den Aufbau einer Task-Force. Wir haben mit der 44-jährigen Bundestagsabgeordneten (CSU) aus Rosenheim gesprochen.

Heute ist Internationaler Tag gegen Drogenmissbrauch. Ist das wichtig in Zeiten der Corona-Krise? 

Daniela Ludwig: Wichtiger denn je. Das Thema Drogen ist präsenter als früher. Denken Sie da bitte nicht nur an den Cannabis-Kleindealer an der dunklen Ecke. Wir stellen immer mehr Kokain und Heroin sicher, wir nehmen in Deutschland immer mehr Drogenlabore hoch. Das ist ein brandgefährliches mafiöses Netz der organisierten Kriminalität. Und wer glaubt, zu Corona-Zeiten würden die weltweiten Vertriebswege zusammenbrechen, hat sich leider getäuscht.

Länder im Lockdown, viele Grenzen waren dicht – wer hat versagt, dass noch so viele Drogen ins Land kamen und kommen? 

Wir haben bereits extrem viel Gift in Europa, das Schritt für Schritt auf den Markt geworfen wird. Wir müssen uns aber insgesamt europäisch breiter aufstellen. Die Drogen kommen derzeit vor allem aus Mexiko, Kolumbien, Afghanistan nach Europa an alle europäischen Häfen. Da müssen wir viel stärker kontrollieren, am besten mit einer europäischen Drogen-Task-Force.

Klingt sehr langwierig. 

Nein. Eine viel, viel genauere Kontrolle an allen europäischen Häfen ist machbar, in Hamburg funktioniert das vorbildlich. Eine europäische Task-Force gegen Drogen kann zügig aufgebaut werden. Sie darf nicht aus Bürohengsten bestehen. Wir brauchen Praktiker, die die Strukturen der Organisierten Kriminalität kennen und bekämpfen, die im Darknet ermitteln können.

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Wie groß muss eine solche Einheit werden? 

Es geht bei der Zusammensetzung nicht primär um die Größe, sondern darum, dass Profis mit der nötigen Ausstattung – technisch, personell, finanziell – zusammenarbeiten. Klartext: Richtig vernetzt, richtig ausgebildet, richtig koordiniert. Hier zählt eindeutig Klasse statt Masse.

Wenn Europa da so trödelt wie bei der Migrationspolitik, wird das lange ein frommer Wunsch bleiben. 

Wir müssen das ernster nehmen. Ich werde dafür kämpfen, dass das ein wichtiger Punkt der deutschen Ratspräsidentschaft ab Juli wird. Ich werbe auch für den Aufbau einer europäischen Schleierfahndung nach dem Vorbild Bayerns. Wir ziehen an den Autobahnen A93 und A8 extrem effizient im großen Umfang Drogen aus dem Verkehr. So etwas europaweit auszurollen, wäre dem Problem angemessen. Die gleichen weltweiten Strukturen, die Drogen transportieren, schmuggeln auch Waffen – mit Milliardengewinnen, das ist wahnsinnig einträglich. Und bei uns sterben die Menschen und die Jugend wird angefixt.

Viele Anbauländer bekommen von uns Entwicklungshilfe. Bohren wir viel zu naiv Brunnen neben dem Mohnfeld?

Ich würde es nicht Naivität nennen. Aber wir sollten die Samthandschuhe ausziehen. Wir müssen auch in der Entwicklungshilfe die Drogenpolitik stärker in den Fokus nehmen. Die Länder, denen wir helfen, müssen ernsthaft gegen Drogenanbau vorgehen. Es darf kein Geld an Regierungen fließen, die selbst in den Anbau verwickelt sind. Sonst dürfen wir uns nicht wundern, wenn jedes Jahr immer mehr Heroin und Kokain in Europa anlanden.

Konkret: Produktionsländern die Hilfe kürzen? 

Wir sollten die Zahlungen an Bedingungen koppeln und beim Kampf gegen den Anbau helfen. Beispiel Afghanistan: Deutschland bildet dort Polizisten aus. Dann muss ein zentraler Punkt der Ausbildung eben auch sein, wie man effektiv gegen Drogenanbau vorgeht. Wir brauchen eine Null-Toleranz-Politik gegen die Krake Drogenhandel.

Was schätzen Sie – wie viel Stoff kommt in Europa an?

Es sind aktuell Rekordmengen. Allein 2019 hat das Bundeskriminalamt gemeldet, dass zehn Tonnen Kokain sichergestellt wurden. Das ist die Menge, die wir gefunden haben – im Marktwert von gut 300 Millionen Euro.

Interview: Christian Deutschländer

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