Ulrike Mascher ist Präsidentin des VdK Deutschland

VdK-Präsidentin Mascher im Interview

„Dunkelziffer bei Altersarmut ist hoch“

München - VdK-Präsidentin Ulrike Mascher kritisiert im Interview mit dem Münchner Merkur Eingriffe im Armutsbericht und fordert Mindestlöhne und höhere Steuern für Reiche.

Die Wirtschaft entwickelt sich gut, die Arbeitslosenzahlen sinken – trotzdem ist die Kluft zwischen Arm und Reich gewachsen. Wie haben mit Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK, über die Armut in Deutschland gesprochen.

Die Veröffentlichung des Armutsberichts wurde wiederholt verschoben, Passagen wurden umgeschrieben oder gestrichen. Wurde der Bericht dadurch verfälscht?

Es ist grotesk, was da passiert ist. Diese Eingriffe, die ganz offensichtlich vom FDP-geführten Wirtschaftsministerium vorgenommen wurden, sind peinlich. Das Zahlenmaterial steht ja nach wie vor. Daran gibt es keinen Zweifel. Jeder, der den Bericht mit einigem Interesse liest, wird seine Schlüsse ziehen – auch wenn Wertungen nachträglich gestrichen wurden. Dennoch finde ich es alarmierend, dass es solche Eingriffe gab.

Konsequenzen?

Ja. Wenn es zu verlockend ist, im Nachhinein zu schönen, sollte den Bericht in Zukunft nicht mehr ein Ministerium verantworten, sondern eine externe Gruppe von Wissenschaftlern – wie das beim Altenbericht bereits der Fall ist.

Kommen wir zu den Zahlen. Im reichen Deutschland sind 14 bis 16 Prozent der Menschen von Armut bedroht. Wer ist betroffen?

Es geht hier vor allem um alleinerziehende Frauen – ohne Arbeit oder in Teilzeitanstellung, Langzeitarbeitslose und Rentner, die eine so niedrige Rente haben, dass sie Grundsicherung im Alter brauchen. Gefährdet sind außerdem Menschen mit Migrationshintergrund.

Wo sehen Sie die gefährlichste Entwicklung?

Kinder und Jugendliche und ältere Menschen sind die beiden Gruppen, die aus eigener Kraft nicht aus der Armut herauskommen. Es ist schlimm, dass wir in unserem Schulsystem immer noch Kinder haben, die die Schule ohne Abschluss und ohne grundlegende Fähigkeiten wie Lesen, Rechnen und Schreiben verlassen. Es ist bitter, dass das von der Sozialministerin angekündigte Bildungspaket – in Wahrheit eher ein Päckchen – nicht die Betroffenen erreicht. Es ist nicht Sinn der Sache, dass ein Kind erst Nachhilfe bekommt, wenn es kurz vorm Sitzenbleiben ist. Das Geld sollte direkt an Schulen und Kindergärten gehen, die entscheiden, wie sie Betroffene individuell fördern.

Und die Rentner? Im Bericht heißt es „die Altersarmut in Deutschland ist kein drängendes Problem“.

Ja, ich kenne die offiziellen Zahlen: Nur 2,5 Prozent der über 65-Jährigen beantragen Grundsicherung. Doch man muss genauer hinschauen. Etwa noch mal die gleiche Zahl hätte einen Rechtsanspruch, beantragt aber keine Grundsicherung. Die im Alter Betroffenen haben Angst, dass dann auf ihre Kinder zurückgegriffen wird – obwohl das bei der Grundsicherung nicht der Fall ist – oder sie schämen sich. Die Dunkelziffer ist hoch.

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist groß. Wie kann man diese Entwicklung stoppen?

Der Niedriglohnsektor breitet sich aus, bei den hohen Einkommen gibt es gleichzeitig immer mehr Entlastung. Ich will keine Gleichmacherei, aber eine angemessene Besteuerung von Einkommen, Vermögen und Erbe. Außerdem brauchen wir mehr Vollzeitstellen für Frauen und einen flächendeckenden Mindestlohn. Hartz-IV-Leistungen und Grundsicherung müssen aufgestockt werden – der Regelsatz deckt den Bedarf nicht mehr. Ein Beispiel: Früher gab es Einmal-Leistungen für ein Kinderfahrrad oder einen neuen Herd. Heute sollen Hartz-IV-Empfänger das Geld vom Regelsatz wegsparen. Bis das Geld zusammen ist, ist das Kind 18 und braucht kein Kinderfahrrad mehr.

Interview: Manuela Dollinger

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