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Drama an der Kreuzspitze? Biker kehrt nach Tour nicht zurück - Polizei veröffentlicht wichtiges Detail

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„Wir werden kämpfen, bis zur letzten Patrone“, sagen Edmund Stoibers Vertraute in Kreuth. Unser Bild zeigt den Ministerpräsidenten im Januar 2007, begleitet von Personenschützern, beim Anmarsch auf Kreuth.

Das dunkle Geheimnis von Kreuth

München - Vor fünf Jahren stürzte Edmund Stoiber. Alle Beteiligten beteuern, ihren Frieden gemacht zu haben mit den hässlichen Tagen von Kreuth. Doch in Wahrheit wird noch heute verbissen um die Deutung gerungen: War es ein Putsch?

An jenem düsteren Januartag gingen die Lichter im Land aus. Ein Orkan walzte Scheunen zur Seite, knickte Masten ab, riss ganze Wälder nieder. Und in München trat ein hagerer Herr vom Rednerpult ab, strauchelte beim Weg zur Tür über einen Bürostuhl. „Ein Attentat“, entfuhr es ihm. Der Orkan Kyrill und der Sturm um Edmund – kein noch so schlechter Krimi-Autor hätte je gewagt, sich den 18. Januar 2007 in so dramatischer Stimmung auszudenken, wie ihn Bayern tatsächlich erlebte.

Fünf Jahre ist das nun her. Mit Jubiläums-Festakten ist nicht zu rechnen. Der Schaden von Kyrill, 2,4 Milliarden Euro, ist reguliert. Am Schaden von Kreuth, 43,4 Prozent, laboriert die CSU noch immer. Zwar ist Edmund Stoibers Rücktritt offiziell ein Fall fürs Geschichtsbuch, es regiert sein Nachnachfolger, überwunden ist die Krise mit dem Wahlergebnis 2008 aber nicht. Zum Jahrestag kommen die alten Fragen wieder hoch: Was war wirklich?

Mit seinem Rücktritt zog Stoiber, blass und müde, die Konsequenz aus einer unbestrittenen Tatsache: In seiner Partei hatte er an Ansehen verloren. Ab 2003 hatte er ihr viel zugemutet. Einen scharfen Sparkurs, um als erstes Land einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen. Ein Hin und Her über seinen möglichen Wechsel nach Berlin. Eine Posse um Landrätin Pauli, die sich bespitzelt wähnte. Eine Amtsführung, die den Eindruck erweckte, hier sei einer abgeschirmt, überberaten, halte sich für unersetzlich.

Gereizt versammeln sich die 124 Landtagsabgeordneten der CSU von 15. bis 18. Januar zur Klausur. Man darf sich die Fraktion schon lange nicht mehr als homogene Kampfgemeinschaft vorstellen. Eher als Grüppchen: Viele eiserne Stoiber-Anhänger, die nicht vergessen hatten, wer ihnen die triumphale Zweidrittel-Mehrheit 2003 beschert hatte. Viele Zweifler, denen die Basis bei den Neujahrsempfängen im Stimmkreis ihren wachsenden Unmut über Stoibers Gebaren ins Ohr geblasen hatte. Und eine Gruppe ehrgeiziger Herren, die etwas erreichen und anderes verhindern wollten.

Drinnen, im „Festsaal“ des einstigen Sanatoriums, gibt es am 15. und 16. Januar stundenlange Aussprachen. Es herrscht Geheimhaltung: Handys aus, Mitarbeiter und sogar Leibwächter werden vor die Tür geschickt. Mehrere Abgeordnete, darunter Alfred Sauter und Barbara Stamm, lassen dann Dampf ab. Es wird deutlich über die Frage eines Rückzugs geredet.

Stoiber will bleiben. „Wir werden kämpfen bis zur letzten Patrone“, sagt Generalsekretär Markus Söder, der von sich sagt, notfalls sei er der „letzte Stoiberianer“. Andere Getreue zitieren genüsslich eine Umfrage, wer neuer Ministerpräsident werden könne. Fraktionschef Joachim Herrmann: vier Prozent. Rebellin Gabriele Pauli: drei Prozent. „Und wahrscheinlich zwei Prozent für Kermit, den Frosch“, lästert einer.

Stoiber macht Fehler in Kreuth. Eigentlich hatte er schon Wochen zuvor, rund um seinen 65. Geburtstag, angedeutet, es beginne seine letzte Polit-Etappe. Als ihn nun Journalisten fragen, ob er zur Wahl 2008 vielleicht auch nur für eine halbe Legislaturperiode antrete, entfährt ihm dann aber: „Ich mache keine halben Sachen.“ Der Satz, heute ein geflügeltes Wort, hat Sprengkraft. Als der einflussreiche Landtagspräsident Alois Glück davon erfährt, kontert er: Ein Wechsel sei „im Interesse Bayerns“.

Glück schätzt es nicht, dass er in der Rückschau oft als einer der Drahtzieher bezeichnet wird. Er, der stets nachdenkliche Vordenker der CSU, war aber einer der schärfsten Kritiker Stoibers. Teile der Parteispitze verdächtigten ihn sogar, aus Eigeninteresse zu handeln, um als Übergangs-Kandidat gerufen zu werden. Er bestreitet das, habe doch nur Kritiker einbinden wollen. Sprach nur aus, was andere dachten. Zum Beispiel, als er als Erster Anfang Januar in Mikrofone einen „Abnutzungseffekt“ Stoibers konstatierte. Andere erinnern sich an die Worte von der „letzten Ausfahrt Kreuth“. Es erweckt den Anschein, als hätten Stoibers Kritiker in Kreuth geahnt: Jetzt oder nie.

Es ist ja nicht nur Glück. Die Tage in Kreuth bersten im Rückblick fast vor Lügen und Peinlichkeiten. Vieles ist inzwischen gnädig vergessen. Wie die Journalisten höhnisch Herrmann auslachen, als der auf Fragen nach Stoiber irgendwas über die „gute oberbayerische Gebirgsluft“ faselt. Wie die Fraktion einen Tag vor dem Sturz eine 13-zeilige Ehrenerklärung herausgibt, Kernsatz: „Wir stehen zu Edmund Stoiber und der von ihm verantworteten, überaus erfolgreichen und zukunftsweisenden Politik.“ Wer seither mit der Fraktion zu tun hat, sollte diesen Vorgang immer im Hinterkopf haben.

Aber auch, wie die aus allen Ecken der Republik herbeigeeilte Medienmeute jedem Abgeordneten hinterherhechelt in der Hoffnung, einen kritischen Satz über Stoiber zu erhaschen. Von einem lässt man erst ab, als er in die Mikrofone erklärt, er sei hier „nur der Hausmeister“. Stoiber selbst kann die Orte teils nur getarnt wechseln, kauernd auf der Rückbank des unauffälligen Privatautos seines Sicherheitschefs.

Am 17. Januar jedenfalls geht es zu Ende mit seiner Karriere. Seine als Friedenssignal gedachte Aussage, er könne noch mal antreten, müsse aber nicht, verpufft – seine Helfer übermitteln den Satz den Medien, ehe er drinnen im Kreuther Gebäude überhaupt fällt. Die Abgeordneten finden diese Reihenfolge nicht lustig. Stoiber dämmert, dass die Kreuther Runde ihn nicht akut entmachten würde, dass es aber riskant wäre, mit etwa 40 Prozent Gegnern in der Fraktion weiterzumachen. „Ich tät’ nicht mehr regieren ohne Mehrheit“, murmelt ein Minister.

Zu den großen Rätseln gehört jene Nacht auf den 18. Januar. Stoiber verlässt Kreuth (ein schwerer Fehler). Die Kronprinzen Günther Beckstein und Erwin Huber, bis dato eine Art doppelter Prinz Charles der CSU, bleiben. Sie verständigen sich im Hinterzimmer auf eine Ämterteilung: Huber Parteichef, Beckstein Ministerpräsident.

Beckstein behauptet, Stoiber persönlich habe ihn in ein Nebenzimmer gebeten und eingeräumt, „die meisten“ Abgeordneten aus Franken und „viele“ aus Oberbayern habe er gegen sich. Stoiber habe seine potenziellen Erben aufgefordert, miteinander zu reden: „Dann bleiben Huber und Du.“ Ein Ohrenzeuge bestätigt diese Version. Auch Huber sagt, Stoiber habe „seine eigene Entscheidung“ getroffen. Stoiber weist das strikt zurück. „Klar ist, dass ich natürlich nicht von mir aus in Kreuth meine Ämter zur Verfügung gestellt habe oder zur Verfügung stellen wollte und auch niemanden selbst für die Nachfolge vorgeschlagen habe“, sagte er in seinem einzigen großen Interview dazu im Jahr 2008.

Stoiber pflegt über die Vorgänge von Kreuth zu schweigen. „Das Ende hat mir wehgetan“, sagt er heute nur, „aber entscheidend für eine politische Laufbahn ist nicht das Ende, sondern der Inhalt.“ Hätte er offen gegen die Nachfolger Position bezogen, von „Putsch“ gesprochen, wäre die CSU wohl zerrissen. Einmal nur, kurz nach Kreuth im Parteivorstand, sagt er Beckstein ins Gesicht, die „Legende“ vom freiwilligen Abgang mache er nicht mit.

So sind es die Erben, die das P-Wort in den Mund nehmen. Es schmerze ihn, „wenn hier völlig unzutreffend von Putsch geredet wird“, sagte Huber dieser Tage in einem großen Interview. Es habe auch „keinen Plan zum Sturz von Stoiber“ gegeben. „Nein, es war kein Putsch“ , schreibt Beckstein explizit in seinem jüngsten Buch. Kein Putsch also, sondern unkoordinierter Sturz auf Verlangen. Das ist nicht ausgeschlossen, wäre aber eine Premiere in den letzten Jahrtausenden Regierungsgeschichte.

Auch der Rest am Orkantag ist umkämpft. Stoiber fährt um halb neun in die Staatskanzlei, hört dort von den Pressesprechern, dass es Medienberichte über die Einigung seiner Nachfolger gebe. Zum Vergleich: Beckstein sagt, Stoiber habe das seit dem Vorabend gewusst. Der Noch-Regent fordert erst Beckstein, dann Huber morgens am Telefon auf, binnen einer Stunde öffentlich zu dementieren. Sie sagen das zu – es passiert aber nichts.

Als kein Dementi kommt, berät er sich mit Mitarbeitern, am Telefon mit seiner Frau Karin, sein enger Vertrauter Kurt Faltlhauser kommt kurz vorbei. Gemeinsam ziehen sie die Notbremse. Die Staatskanzlei lädt eilig zur Pressekonferenz, Stoiber informiert Huber und Beckstein per eiskaltem Telefonat 20 Minuten vorher über seine Rücktrittsankündigung zum Herbst.

Es wäre spannend zu wissen, welche Version stimmt. Ob es eine Absprache gab. Welche Rolle Glück spielte. Eine Szene gibt es, die Bände spricht. Kreuth, Vormittag des 18. Januar, drei Herren huschen in einen Nebenraum im Keller und reden: Huber, Beckstein, Glück. Man weiß heute davon, denn hinten vor der Wand steht eine fest installierte Kamera des Bayerischen Fernsehens. Im Übertragungswagen drückt ein Techniker auf den Knopf, schneidet die Totale mit. Minutenlang bespricht sich das Trio, ehe einer das kleine rote Licht an der Kamera bemerkt.

Das Trio hat Dusel: Tonspur gibt es keine zum Band. Gegen mögliche Lippenleser hat der BR verfügt, das Video bleibe unter Verschluss. Kreuth wahrt eines seiner dunkleren Geheimnisse.

Von CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

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