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Kenner des Papstes: Der Jesuit Eberhard von Gemmingen.

Vatikan-Experte über Papst Benedikt XVI.

"Er wird aus der Öffentlichkeit verschwinden"

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München - Der Jesuit Eberhard von Gemmingen gilt als fundierter Kenner des Papstes und des Vatikans. Im Interview mit dem Münchner Merkur spricht er über den Rücktritt von Benedikt XVI. und dessen Zukunft.

Er gilt als fundierter Kenner des Papstes und des Vatikans: Der Jesuit Eberhard von Gemmingen war von 1982 bis 2009 Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan und lebt heute in München. Auch er sah den Rücktritt nicht kommen.

Haben Sie gewusst, dass der Papst zurücktreten wird?

Nein, für mich war es eine große Überraschung. Aber ich füge gleich an, dass ich persönlich schon seit langem gedacht habe, Päpste müssten eigentlich grundsätzlich zur rechten Zeit zurücktreten. Auf der einen Seite werden die Menschen aufgrund des medizinischen Fortschritts so alt, und auf der anderen Seite ist das Papstamt so schwierig.

Haben Sie genauere Erkentnisse darüber, wie krank der Papst ist?

Nein, weiß ich leider nicht. . .

Sein Vorgänger Papst Johannes Paul II. hat die Welt an seinem Leiden teilnehmen lassen. Benedikt tritt zurück. Wie muss man in diesem Vergleich den deutschen Papst sehen?

Es gibt einfach verschiedene Persönlichkeiten. Vielleicht sehe ich es zu einfach, wenn ich sage: Johannes Paul II. war ein slawischer Mystiker, und Benedikt ist ein rationaler Germane, der sagt: Ich muss zurücktreten.

Vatikan-Experte: "Große Chance für Papst aus der Dritten Welt"

Was macht ein Papst im Ruhestand?

Das weiß ich nicht. Er betet und denkt an die Kirche und hofft, dass alles auch ohne ihn gut wird.

Darf er, wird er dann in der Öffentlichkeit noch auftreten?

Ob er das darf, weiß ich nicht. Ich vermute, er wird aus der Öffentlichkeit verschwinden. Ich fände das auch besser. Ich denke, es wird nur mitgeteilt eines Tages, wenn er gestorben ist.

Könnte auch Druck auf den Papst ausgeübt worden sein, dass er zurücktritt?

Natürlich ist so etwas möglich. Aber es kommt dann auf den Mann an, auf den Druck ausgeübt wird. Ob er diesem Druck irgendwie nachgibt. Das glaube ich bei Benedikt nicht. Wir sind ja heute doch in einer Gesellschaft, die relativ durchsichtig ist. Insofern: Ich halte das für übertrieben. Man sollte nicht darüber nachdenken.

Auch nicht in die Richtung, ob Benedikt im Zusammenhang mit den Missbrauchsskandalen auch eine Verantwortlichkeit tragen könnte...

Hierzulande wird wahnsinnig viel über Missbrauch geredet, aber in der Weltkirche spielt das keine so große Rolle.

Die wichtigsten Antworten zum Papst-Rücktritt

Wie würden Sie sein Pontifikat insgesamt einschätzen?

Es war ein Versuch, sich mit der Moderne auseinanderzusetzen – aber nicht im Sinne von Anpassung, sondern im Sinne von einem Kontrastprogramm. Benedikt hat erlebt, dass das Christentum in Ostasien, in China, wächst, während es größte Schwierigkeiten hat in Europa. Es gibt also sehr unterschiedliche Bewegungen. Wir in Europa denken natürlich nur an unsere Situation. Anderswo sieht die Kirche total anders aus.

Was bleibt von Papst Benedikt?

Ich glaube, die nachdenkliche Welt – auch außerhalb der katholischen Kirche – wird registrieren: Die katholische Kirche hatte einen Vordenker unserer Zeit, einen sehr gescheiten Mann, der den Finger in die Wunden gelegt hat und deswegen auch kritisiert wurde. Man wird vielleicht sagen: Die Fähigkeit des Regierens war ihm nicht so gegeben. Aber er war ein außerordentlicher Denker, der sich mit der Zeit auseinandergesetzt hat. Und er hatte es natürlich auch schwer nach Johannes Paul II., der ein Genie war bei seinen Auftritten vor den Menschen. Benedikt tat sich diesbezüglich viel schwerer, weil er eben ein Denker, ein Theologe war.

Und nun zur Nachfolge: Wer hat die größten Chancen?

Keine Ahnung, keine Ahnung. . .

Ein Italiener, ein Südamerikaner. . .?

Keine Ahnung.

Was heißt der Rücktritt für die deutsche Kirche, die ja derzeit größte Schwierigkeiten hat?

Das entscheidende Problem für die deutsche Kirche ist die Säkularisierung, also dass der Glaube an Gott verfliegt. Der evangelischen Kirche geht es meiner Ansicht nach noch wesentlich schlechter als der katholischen, obwohl sie nicht diese öffentlichen Fehler macht. Es gibt eine große Krise des Christentums insgesamt in Mitteleuropa. Und das hat mit den Defekten der katholischen Kirche viel weniger zu tun, als es sich öffentlich darstellt.

Wie muss ein Papst sein, um solchen Entwicklungen zu begegnen?

Man braucht nicht primär einen Papst. Man braucht eine Dezentralisierung der katholischen Kirche, mehr Mitsprache. Die Laien müssen ernst genommen werden. Es dreht sich nicht nur darum, dass man von einem Papst dieses oder jenes braucht.

Das Interview führte Claudia Möllers

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